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18.10.2011 | Von:
Aysel Yollu-Tok

Zur Lage der Türkeistämmigen auf dem sich wandelnden Arbeitsmarkt

Status quo der Erwerbstätigkeit

Die Zahl aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland nahm zwischen 2000 und 2009 um 1,6 Prozent ab. Bei Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit ist dieser Wert sogar um 14,8 Prozent gesunken.[7] Zurückzuführen ist dies auf die veränderten Arbeits- und Beschäftigungsformen, insbesondere im Zuge der Arbeitsmarktreform im Jahr 2005: Normalarbeitsverhältnisse werden immer stärker von atypischen Beschäftigungsverhältnissen - wie Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung, befristete Beschäftigung, Leiharbeit und gewisse Formen der Selbstständigkeit - verdrängt.[8] Mit diesen gehen nicht nur Einschnitte im Erwerbseinkommen einher. Auch die Stabilität von Erwerbsbiografien und die Grundlage der sozialen Absicherung werden ausgehöhlt. Inwieweit sind erwerbstätige Türkeistämmige von diesem Wandel betroffen?

Die Teilzeitarbeit stellt die häufigste und die am wenigsten vom Normalarbeitsverhältnis abweichende Form der atypischen Beschäftigung dar. Vor allem Frauen sehen in dieser Beschäftigungsform die Möglichkeit, Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren, und nehmen im Gegenzug ein geringeres Erwerbseinkommen sowie geringere Leistungen aus dem Sozialversicherungssystem in Kauf. Gerade bei Frauen mit türkischer Staatsangehörigkeit ist mit 38,3 Prozent im Jahr 2009 die sozialversicherungspflichtige Teilzeitbeschäftigung eine weit verbreitete Erwerbsform (bei Männern mit türkischer Staatsangehörigkeit sind es 7,8 Prozent). Die Quote ist aber sowohl bei anderen Ausländergruppen (Männer: 9,3 Prozent, Frauen: 35,9 Prozent) als auch bei Personen mit deutscher Staatbürgerschaft (Männer: 5,5 Prozent, Frauen: 34,5 Prozent) ähnlich verteilt.[9] Die Geschlechtertrennung zieht sich demnach durch alle gesellschaftlichen Gruppen.

Auch bei den geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen, sogenannten Minijobs, ist eine Geschlechtertrennung zu erkennen: 19,9 Prozent der türkeistämmigen Frauen beziehungsweise 7,1 Prozent der türkeistämmigen Männer haben 2009 einen Minijob ausgeübt. Damit liegt der Wert bei Türkeistämmigen im Vergleich zu anderen Personengruppen mit Migrationshintergrund im Mittelfeld, aber weit über dem Wert der Personen ohne Migrationshintergrund (Männer: 4,4 Prozent, Frauen: 12,6).[10]

Trotz des ökonomischen Strukturwandels zeigt sich auch heute ein hoher Anteil von Türkeistämmigen im produzierenden Gewerbe (über 40 Prozent der türkeistämmigen Erwerbstätigen). Gleichzeitig hat auch der Dienstleistungsbereich mit über 30 Prozent an Bedeutung gewonnen.[11] Hierbei ist zu unterstreichen, dass Zugewanderte "mit einer Diversifikation ihrer Beschäftigung in Branchen des Dienstleistungsgewerbes und als selbständige Gewerbetreibende positiv auf den Strukturwandel reagiert"[12] haben. Durch die Bildung von Nischenökonomien und die höhere Akzeptanz von Niedrigeinkommen in der Selbstständigkeit wurden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen.[13] Doch gerade Erwerbstätige in einfacheren Dienstleistungsbereichen wie Handel und Gastgewerbe (über 20 Prozent der Türkeistämmigen) sind verstärkt von atypischen Beschäftigungsverhältnissen betroffen[14] - und damit auch von einer geringeren materiellen und sozialen Absicherung, einer hohen Beschäftigungs- und Planungsunsicherheit sowie der gesellschaftlichen Stigmatisierung.

Fußnoten

7.
Vgl. Katharina Seebaß/Manuel Siegert, Migranten am Arbeitsmarkt in Deutschland, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Working Paper, (2011) 36.
8.
Unter Normalarbeitsverhältnis wird eine unbefristete und kontinuierliche Vollzeitbeschäftigung verstanden, die nach Beendigung der Ausbildung in einer kollektivvertraglich vereinbarten monatlichen oder wöchentlichen Regelarbeitszeit bis ins Rentenalter ausgeübt wird und gesetzliche sowie kollektivvertragliche Schutz- und Teilhaberechte garantiert. Vgl. Ulrich Mückenberger, Krise des Normalarbeitsverhältnisses - ein Umbauprogramm, in: Zeitschrift für Sozialreform, 4 (2010), S. 403-420.
9.
Vgl. K. Seebaß/M. Siegert (Anm. 7).
10.
Vgl. ebd. Weitere Formen der atypischen Beschäftigung sind Leiharbeit, befristete Beschäftigung sowie gewisse Formen der Selbstständigkeit. Auf diese Formen wird im Folgenden aufgrund der fehlenden Daten nicht näher eingegangen.
11.
Vgl. Destatis/GESIS-ZUMA/WZB, Datenreport 2008, Bonn 2008, S. 205.
12.
Heiko Körner, Arbeitsmarkt und Immigration, in: Albrecht Weber (Hrsg.), Einwanderungsland Bundesrepublik Deutschland in der Europäischen Union, Osnabrück 1997, S. 85-93.
13.
Vgl. Werner Sesselmeier, Die wirtschaftliche und soziale Situation, in: Carmine Chiellino (Hrsg.), Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch, Stuttgart-Weimar 2000.
14.
Vgl. Berndt Keller/Hartmut Seifert (Hrsg.), Atypische Beschäftigungsverhältnisse - Flexibilisierung und soziale Risiken, Berlin 2007.

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