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18.10.2011 | Von:
Aysel Yollu-Tok

Zur Lage der Türkeistämmigen auf dem sich wandelnden Arbeitsmarkt

Status quo der Erwerbslosigkeit

Die Erwerbslosenquote ist der prozentuale Anteil der Erwerbslosen an den Personen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.[15] Sie lag 2009 bei Personen mit Migrationshintergrund (13,1 Prozent) fast doppelt so hoch wie bei Personen ohne Migrationshintergrund (6,6 Prozent). Hierbei haben Personen mit russischem Hintergrund die höchste Erwerbslosenquote (Männer: 20,5 Prozent, Frauen: 17,2 Prozent), gefolgt von den Türkeistämmigen (Männer: 18,2 Prozent, Frauen: 11,6 Prozent) und den Personen mit serbischer Abstammung (Männer: 18,2 Prozent, Frauen: 8,3 Prozent).[16]

Die hohe Erwerbslosigkeit spiegelt sich auch in der Grundsicherungsleistung wider: Personen mit Migrationshintergrund (19 Prozent) sind mehr als dreimal so oft auf Grundsicherung angewiesen als Personen ohne Migrationshintergrund (6 Prozent).[17] Mit 28 Prozent sind am stärksten Migrantengruppen aus den mittel- und osteuropäischen Staaten (einschließlich aus Staaten der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) und mit 19 Prozent Türkeistämmige betroffen.[18] Nach der aktuellen Datenlage ist es nicht möglich, Aussagen darüber zu treffen, inwieweit der Bezug von Grundsicherung zur Aufstockung des Erwerbseinkommens dient. Türkeistämmige verfügen aber im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen über ein besonders niedriges Einkommen,[19] so dass in Verbindung mit der Haushaltszusammensetzung - Haushalte, die vermehrt aus Paaren mit Kindern bestehen[20] - davon ausgegangen werden kann, dass das Erwerbseinkommen nicht zur Existenzsicherung der in der Bedarfsgemeinschaft lebenden Personen reicht.

Zusammenfassend heißt dies, dass das Arbeitsangebot an Personen mit türkischer Abstammung einer geringeren Nachfrage gegenübersteht. Das Ungleichgewicht ist hierbei gößer als bei Personen ohne Migrationshintergrund. Besonders prekär ist die Lage für türkeistämmige Frauen. Die schlechte Arbeitsmarktintegration spiegelt sich auch in der höheren Armutsgefährdungsquote[21] wider, die 2006 bei Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft bei 26 Prozent und bei deutschen Staatsbürgern bei 16 Prozent lag.[22] Gerade vor diesem Hintergrund hat die Erwerbsintegration der Türkeistämmigen für die Zukunftsfähigkeit des deutschen Arbeitsmarkts einen hohen Stellenwert. Hierzu reicht nicht die Diagnose der schlechten Arbeitsmarktlage aus, die in der Medienlandschaft oftmals auf die "Unfähigkeit der Betroffenen" reduziert wird. Erforderlich ist eine mehrdimensionale Erklärung, weshalb sich der vor 50 Jahren eingeschlagene Pfad auch bei den Nachfolgegenerationen fortsetzt.

Fußnoten

15.
Im Gegensatz zur Arbeitslosenquote werden hier nicht nur die Personen erfasst, die sich offiziell als Arbeit suchend gemeldet haben, sondern alle im Alter von 15 bis 65 Jahren, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, aber dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.
16.
Vgl. K. Seebaß/M. Siegert (Anm. 7).
17.
Vgl. Bruno Kaltenborn/Nina Wielage, Hartz IV. Haushaltsstrukturen und Lebensbedingungen, in: Matthias Knuth (Hrsg.), Arbeitsmarktintegration und Integrationspolitik - zur notwendigen Verknüpfung zweier Politikfelder, Baden-Baden 2010, S. 93-110; Matthias Knuth/Martin Brussig, Zugewanderte und ihre Nachkommen in Hartz IV, in: APuZ, (2010) 48, S. 26-32.
18.
Vgl. B. Kaltenborn/N. Wielage (Anm. 17).
19.
Vgl. Olaf De Groot/Lutz Sager, Migranten in Deutschland: Soziale Unterschiede hemmen Integration, in: DIW Wochenbericht, 77 (2010) 49, S. 2-8.
20.
Vgl. B. Kaltenborn/N. Wielage (Anm. 17).
21.
Armutsgefährdet ist eine Person, wenn ihr monatliches Einkommen bei beziehungsweise unter 60 Prozent des Medianeinkommens liegt.
22.
Vgl. Destatis et al. (Anm. 11), S. 201.

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