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18.10.2011 | Von:
Aysel Yollu-Tok

Zur Lage der Türkeistämmigen auf dem sich wandelnden Arbeitsmarkt

Pfadabhängigkeit der Qualifikationsstruktur

Die Humankapitaltheorie des Ökonomen Gary Becker besagt, dass das Arbeitslosigkeitsrisiko einer Person höher ist, je geringer die Investitionen in das eigene Humankapital in Form von schulischer und beruflicher Bildung ausfällt.[23] Die Humankapitalausstattung der ersten Generation türkeistämmiger Einwanderer war gering, da nicht die Qualifizierung der Arbeitskräfte, sondern ihre physische Verfassung im Vordergrund stand. Auch die Migration an sich führte zu einer "negativen Selektivität": Die türkischen Arbeitsmigranten waren oftmals im Vergleich zu den anderen Bevölkerungsgruppen des Herkunftslands geringqualifiziert. Zusätzlich nahm das vorhandene Humankapital durch die Wanderung ab: Ihre Sprachkenntnisse waren in Deutschland kaum relevant, erworbene Schul- und Berufsabschlüsse wurden nicht anerkannt.

Die Investitionsbereitschaft in das Humankapital der angeworbenen Arbeitskräfte war schließlich sowohl von Seiten der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer durch die "fiktive Rückkehroption" (die Vorstellung, nach einigen Jahren wieder in die Heimat zurückzukehren) eingeschränkt. Die geringere Arbeitsmarktintegration der ersten Generation kann damit durch ihre fehlende Humankapitalausstattung erklärt werden.[24] Inwieweit sind diese Erklärungen aber für die Nachfolgegenerationen relevant?

Das Bildungsniveau auch der Nachfolgegenerationen mit türkischer Abstammung zeigt erhebliche Defizite: Der Anteil derjenigen 14- bis 45-Jährigen, die keinen Schulabschluss haben, lag 2001 noch bei zwei Prozent und ist 2006 auf vier Prozent gestiegen, wohingegen der Anteil derjenigen mit Haupt- oder Realschulabschluss gesunken ist. Der Anteil der türkeistämmigen Abiturienten ist von 13 Prozent auf 16 Prozent gestiegen - dennoch liegt dieser Wert im Vergleich zu Personen ohne Migrationshintergrund (36 Prozent) auf einem geringeren Niveau. Im Bereich der beruflichen Bildung ist das Bild ebenfalls kritisch: Der Anteil derjenigen, die keine berufliche Ausbildung haben, ist von 44 Prozent (2001) auf 57 Prozent (2006) gestiegen. Im Umkehrschluss dazu ist der Anteil derjenigen mit Berufsausbildung von 55 auf 40 Prozent gesunken. Einen akademischen Abschluss hatten im Jahr 2006 lediglich drei Prozent der Nachkommen von türkischen Zuwanderern.[25]

Nach der Humankapitaltheorie sind die schlechteren Arbeitsmarktbedingungen der Nachfolgegeneration auf die mangelnde Investition in das eigene Humankapital zurückzuführen. Hierbei wird angenommen, dass der Mensch losgelöst von jeglichen äußeren Einflüssen rationale Entscheidungen trifft und folglich "Armut und Arbeitslosigkeit entsprechend dem Präferenzmuster und Rationalverhalten individuell verschuldet" seien.[26] Doch die Annahme eines rein rationalen Verhaltens von Menschen stellt eine Verkürzung der Realität dar, so dass nach weiteren Begründungszusammenhängen gefragt werden muss.

Aus der Bildungssoziologie ist bekannt, dass sich Bildungsnachteile auch bei Folgegenerationen fortsetzen können.[27] Gerade dem deutschen Bildungssystem werden regelmäßig schichtabhängige Bildungsbiografien attestiert.[28] Die elterlichen Bildungsentscheidungen sind hier von zentraler Bedeutung: Diese Entscheidungen sind Investitionen, deren Kosten in der Gegenwart, aber deren Nutzen in der Zukunft liegen. Die zeitliche Abweichung von Kosten und Nutzen führt in Kombination mit kognitiven Grenzen zur Unterbewertung und damit zur Ablehnung von Bildungsinvestitionen. Fehlendes Wissen und fehlende Erfahrung der Elterngeneration verfestigen somit zusätzlich das pfadabhängige Verhalten der Nachfolgegeneration.[29] Doch weitere Untersuchungen zeigen, dass gerade bei der Gruppe der Türkeistämmigen die Arbeitsmarktungleichheiten nicht alleine durch die Humankapitalausstattung erklärbar sind; denn auch bei gleichen Bildungsqualifikationen werden Ungleichheiten festgestellt.[30]

Fußnoten

23.
Vgl. Gary S. Becker, Investment in Human Capital, in: The Journal of Political Economy, 70 (1962) 5, S. 9-49; Werner Sesselmeier/Lothar Funk/Bernd Waas, Arbeitsmarkttheorien. Eine ökonomische und juristische Einführung, Heidelberg 20103.
24.
Vgl. Nadia Granato, Ethnische Ungleichheit auf dem deutschen Arbeitsmarkt, Opladen 2003.
25.
Vgl. Destatis et al. (Anm. 11), S. 203.
26.
W. Sesselmeier/L. Funk/B. Waas (Anm. 23), S. 154.
27.
Vgl. Petra Satnat/Aileen Edele, Migration und soziale Ungleichheit, in: Heinz Reinders et al. (Hrsg.), Empirische Bildungssoziologie, Wiesbaden 2011.
28.
Vgl. Frank Kalter, Ethnische Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt, in: Martin Abraham/Thomas Hinz (Hrsg.), Arbeitsmarktsoziologie, Wiesbaden 20082, S. 303-330.
29.
Vgl. Raymond Boudon, Education, Opportunity, and Social Inequality, New York 1974; Hartmut Esser, Familienmigration und Schulkarriere ausländischer Kinder und Jugendlicher, in: ders./Jürgen Friedrichs (Hrsg.), Generation und Identität, Opladen 1990, S. 127-146.
30.
Vgl. Nadia Granato/Frank Kalter, Die Persistenz ethnischer Ungleichheit auf dem deutschen Arbeitsmarkt, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 53 (2001), S. 497-520; Holger Seibert/Heike Solga, Gleiche Chancen dank einer abgeschlossenen Ausbildung?, in: Soziologie, 34 (2004) 5, S. 364-382.

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