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18.10.2011 | Von:
Aysel Yollu-Tok

Zur Lage der Türkeistämmigen auf dem sich wandelnden Arbeitsmarkt

Pfadabhängige Segmentierung

Innerhalb der Arbeitsmarktökonomie ist bekannt, dass Arbeitsmärkte in der Realität nicht vollkommen sind, sondern nach der Segmentationstheorie auch geschlossene Teilarbeitsmärkte aufweisen können; diese wiederum produzieren ebenfalls Arbeitsmarktungleichheiten.[31] Unterschieden werden primäre und sekundäre Teilarbeitsmärkte: Primäre Teilarbeitsmärkte zeichnen sich aus durch "relativ stabile Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen, stabiles Erwerbsverhalten, geringe Fluktuation, Aufstiegschancen und festgelegte Karrieremuster, formelle oder informelle Aufstiegskriterien, hohes Einkommen".[32] Sekundäre Teilarbeitsmärkte sind durch "fehlende Aufstiegschancen, restriktive Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne sowie hohe Fluktuationsraten gekennzeichnet".[33]

Die Tatsache, dass die erste Generation der türkeistämmigen "Gastarbeiter" hauptsächlich auf Arbeitsplätze im sekundären Teilarbeitsmarkt verteilt wurde, ist - neben ihrer Rückkehroption - unter anderem auf das Machtgefälle innerhalb der Arbeitnehmerschaft zurückzuführen.[34] Die Rückkehroption begünstigte beziehungsweise rechtfertigte eine "Alternativrolle" für sie, die je nach Lage auch anderen Problemgruppen des deutschen Arbeitsmarkts zugeschrieben wird: Frauen finden in Krisenzeiten im Haushalt, Ältere in der Rente, Jugendliche bei den Eltern - und eben Türken in ihrer Heimat - eine Alternative zur Erwerbstätigkeit und können daher flexibel gesteuert werden.[35] Diese Logik beherrschte nicht nur die Kalkulation vieler Arbeitgeber, sondern auch vieler Arbeitnehmervertreter - die sich auf die Vertretung der Gruppe ohne die genannten "Alternativrollen" konzentrierten. Das daraus entstehende Machtgefälle innerhalb der Arbeitnehmerschaft führte dazu, dass es den Zugewanderten vielerorts an Interessenvertretern fehlte.

Der "Wilde Streik" in den Kölner Ford-Werken 1973, der vor allem von den 12000 türkeistämmigen Ford-Arbeitern getragen wurde, ist ein exemplarisches Beispiel für die fehlende Interessenvertretung der Randbelegschaft: Die Arbeitsniederlegung wurde sowohl vom Betriebsrat und der IG Metall als auch von der deutschen Stammbelegschaft abgelehnt und nicht mitgetragen, so dass der bislang größte Streik ausländischer Arbeiter mit Polizeigewalt beendet wurde.[36]

Für die Nachfolgegenerationen treffen diese Rahmenbedingungen - die bei der "ersten Generation" eine Verortung im sekundären Arbeitsmarkt begünstigten - nicht mehr zu: Einerseits gibt es keine Rückkehroption (mehr), andererseits hat sich der Organisationsgrad der Türkeistämmigen innerhalb von Betriebsräten und Gewerkschaften verbessert. Damit liefert die Segmentationstheorie zwar Erklärungen für die Arbeitsmarktungleichheit (trotz gleicher Qualifikation) der ersten, nicht aber für die der Nachfolgegenerationen.

Vor diesem Hintergrund könnte an dieser Stelle die Frage nach der Art des Ausbildungsberufs eine Erklärung für die nach wie vor vorhandenen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt bieten. Hierzu ist die Situation am Übergang von der Ausbildung in den Arbeitsmarkt zu betrachten, denn der Arbeitsmarkterfolg hängt neben dem Bildungsabschluss auch von der Berufserfahrung ab.[37] Im Jahr 2002 schaffte nur die Hälfte der Ausbildungsabsolventen mit einem türkischen Pass den Übergang aus der Ausbildung in ein Beschäftigungsverhältnis. Im Gegensatz dazu gelang fast zwei Drittel aller Personen mit deutschem Pass der Übergang.[38]

Übergangsprobleme an dieser sogenannten zweiten Schwelle (die "erste Schwelle" ist der Übergang von der Schule in die Ausbildung) können auf die Rahmenbedingungen des Ausbildungsbetriebs und die Wahl des Ausbildungsberufs zurückgeführt werden:[39] Ausbildungsbetriebe, für welche die Kosten der Ausbildung gering sind, können es sich eher leisten, ausgebildete Mitarbeiter nicht zu übernehmen. Die Ausbildungskosten sind gerade in den Berufen gering, in denen die Investitionsleistung in das Humankapital des Auszubildenden auf einem geringen Niveau gehalten wird. Hier werden die Kosten der Ausbildung bereits während der Ausbildung amortisiert, da der Auszubildende als volle Arbeitskraft eingesetzt wird und einen hohen Produktionsbeitrag leistet. Schulbildung und Alter hingegen haben einen geringeren Einfluss auf das Arbeitslosigkeitsrisiko nach der Berufsausbildung.[40]

Kurzum: Allein durch die Wahl des Ausbildungsberufs und Ausbildungsbetriebs können Nachfolgegenerationen der Zugewanderten ihre Verortung im sekundären Teilarbeitsmarkt zementieren und so eine geringere Arbeitsmarktintegration aufweisen. Nähere Untersuchungen hierzu sind aber bisher nicht vorhanden und stellen eine Lücke innerhalb der Arbeitsmarktforschung dar. Festzuhalten bleibt auch, dass die Wahl des Ausbildungsberufs und Ausbildungsbetriebs nicht nur von individuellen Präferenzen abhängt, sondern auch von sozialen Netzwerken determiniert wird.[41] Daher ist zu vermuten, dass es neben der "Vererbung" von Bildungsnachteilen auch zu einer "Vererbung" der Ausbildungsentscheidung kommt.

Fußnoten

31.
Vgl. Peter Doeringer/Michael J. Piore, Internal Labour Markets and Manpower Analysis, Lexington 1971.
32.
W. Sesselmeier/L. Funk/B. Waas (Anm. 23), S. 276.
33.
Ebd., S. 283.
34.
Vgl. N. Granato (Anm. 24).
35.
Vgl. Claus Offe/Karl Hinrichs, Sozialökonomie des Arbeitsmarktes und die Lage "benachteiligter" Gruppen von Arbeitnehmern, in: Projektgruppe Arbeitsmarktpolitik/Claus Offe (Hrsg.), Opfer des Arbeitsmarktes. Zur Theorie der strukturierten Arbeitslosigkeit, Neuwied-Darmstadt 1977, S. 3-61.
36.
Vgl. Wolfgang Kraushaar, Aus der Protest-Chronik, in: Mittelweg 36, (2004) 2.
37.
Vgl. N. Granato (Anm. 24).
38.
Vgl. Andreas Damelang/Anette Haas, Berufseinstieg. Schwieriger Start für junge Türken, IAB Kurzbericht, (2006) 16.
39.
Ein weiteres häufig genanntes Argument, Sprachprobleme, scheint zu kurz zu greifen, da sich auch bei Hochqualifizierten, die keine Sprachprobleme haben, die Arbeitsmarktungleichheiten fortsetzen. Vgl. Thomas Liebig/Sarah Widmaier, Children of Immigrants in the Labour Markets of EU and OECD Countries, OECD-Working Paper, (2009) 97.
40.
Vgl. Gabriele Somaggio, Start mit Hindernissen. Eine theoretische und empirische Analyse der Ursachen von Arbeitslosigkeit nach der dualen Berufsausbildung, Frankfurt/M. 2009.
41.
Vgl. Horst Beyer, Berufswahl als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Theoriebildung, Dissertation an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg, Augsburg 1992.

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