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18.10.2011 | Von:
Christoph Reinprecht

Verwundbarkeit des Alterns in der Migration. Lebensrealitäten der türkeistämmigen älteren Bevölkerung

Doppel-, aber nicht unzugehörig?

Die Lebensrealität der älteren türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland folgt dieser pessimistischen Sichtweise des Älterwerdens in der Migration nur in Ausnahmefällen. Gefühle der Unzugehörigkeit, so die Ergebnisse eigener mehrjähriger Forschungen, bestimmen das Lebensgefühl der vor Jahrzehnten aus der Türkei eingewanderten Arbeitskräfte nur selten.[3] Die Mehrheit der älteren Migrantinnen und Migranten aus der Türkei lebt in positivem Bezug zu Deutschland. Für viele geht diese Gefühlslage mit einer ebenso positiven Bindung an die Türkei beziehungsweise an ihre Herkunftsregion einher. Nur ein (kleinerer) Teil der Älteren fühlt sich vorwiegend zur alten Heimat hingezogen, ohne eine positive Bindung zu Deutschland zu haben.

Aufenthaltsdauer, materielle Lage, Dichte der Kontakte in Deutschland und in der Türkei, Familiensituation, Grad der Sprachkenntnisse, Stellenwert von Traditionen und Religiosität sowie das Ausmaß subjektiv wahrgenommener Diskriminierung lassen sich als Faktoren identifizieren, die über die Ausrichtung der Bindungsgefühle entscheiden. Zusammengefasst lässt sich sagen: Wer sich sowohl der Türkei als auch Deutschland zugehörig fühlt, verfügt über Ressourcen wie ein ausreichendes Einkommen und soziale Kontaktnetze in beiden Ländern, über kulturelle Kompetenzen (Sprachkenntnisse und Orientierungswissen in beiden Gesellschaften) und eine Sympathie für die Pflege von Traditionen. Wer sich vorwiegend an Deutschland orientiert, zentriert die Kontaktkreise in Deutschland, fühlt sich hier weitgehend wohl und anerkannt, verfügt über recht gute Sprachkenntnisse, während den traditionellen Werten im Leben ein geringerer Stellenwert zugewiesen wird. Jene, die vorwiegend an der Herkunftsgesellschaft orientiert sind, empfinden Deutschland häufig als fremdes und abweisendes Land, leiden unter sozialer Zurücksetzung und Ausgrenzung, oftmals auch in benachteiligtem Wohnumfeld mit hoher sozialer Segregation, soziale Binnen- und Traditionsorientierungen sind ausgeprägt.

Jeder Versuch, die Lebenslagen der aus der Türkei stammenden älteren Migrantinnen und Migranten zu typisieren, kann selbstverständlich nur andeutungsweise der komplexen Lebenssituation dieser Bevölkerungsgruppe gerecht werden. Die vorliegenden Forschungen zeigen, dass die türkeistämmigen Älteren in vielerlei Hinsicht die allgemeinen Erfahrungen des Älterwerdens in Deutschland teilen, sei es in Bezug auf die mit der Statuspassage verbundenen Anforderungen während des Übergangs vom Erwerbsleben in die Rente, die alternsbedingten Veränderungen der körperlichen und intellektuellen Funktionsfähigkeiten oder das Verhältnis zwischen den Generationen. Ihre Lebenslage ist mit der von sozioökonomisch ähnlichen Gruppen vergleichbar.[4] Zudem hat das Pensionssicherungssystem eine inkludierende, harmonisierende Funktion.

Gleichwohl strukturiert das Migrations- und Integrationsgeschehen die Lebenssituation und Lebensführung im Alter nachhaltig. Prägend wirken der Kontext der Wanderung (Anwerbung, Familiennachzug, politisches Exil), die rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen oder das Ausmaß der sozialrechtlichen und bürgerschaftlichen Einbindung (bis hin zur Einbürgerung). Für das Verständnis von Alternsprozessen in der Migration sind aber auch herkunftsbezogene Aspekte bedeutsam: Wertvorstellungen oder Altersbilder, die auf eine spezifische Sozialisation verweisen (Stadt-Land-Herkunft, Klassen- und Milieulage, Ethnizität) und die im Lebensverlauf teilweise konserviert, teilweise aber auch modifiziert, stärker akzentuiert oder abgeschliffen wurden. Diese vielfältigen, mitunter ambivalenten und hybriden kulturellen Referenzsysteme helfen, den Prozess des Alterns zu rahmen und ihm Gestalt zu verleihen.

Die öffentliche Debatte in Deutschland oszilliert oftmals zwischen stereotypen Bildern der Verelendung (extreme Armut, sozialer Ausschluss) und ethnischer Segmentierung (völlige Orientierung an der ethnischen Bezugsgruppe). Diese Bilder verabsolutieren einseitig die lebenslange instabile Einbindung in Arbeitsmarkt und Gesellschaft, die sich im Alter in verschärfter multipler Benachteiligung (Einkommensarmut, gesundheitliche Beeinträchtigungen, schlechte Wohnversorgung) wie auch im Bedürfnis nach sozialer und kultureller Abschließung (gegenüber einer fremd gebliebenen Umwelt) kristallisiert. Doch weder das Bild der "Parallelgesellschaft" noch des "Altersdramas" sind generalisierbar. Die Lebenslage der türkeistämmigen älteren Bevölkerung ist vielschichtiger und widersprüchlicher - auf objektiver und subjektiver Ebene.

Fußnoten

3.
Vgl. Christoph Reinprecht, Nach der Gastarbeit. Prekäres Altern in der Einwanderungsgesellschaft, Wien 2006.
4.
Vgl. Deutsches Zentrum für Altersfragen (Hrsg.), Lebenssituation und Gesundheit älterer Migranten in Deutschland. Expertisen zum Fünften Altenbericht der Bundesregierung, Bd. 6, Münster 2006.

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