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18.10.2011 | Von:
Christoph Reinprecht

Verwundbarkeit des Alterns in der Migration. Lebensrealitäten der türkeistämmigen älteren Bevölkerung

Ambivalente Alterserwartungen

Wie für die ältere Bevölkerung generell gilt auch für die türkeistämmige Minderheit, dass das Bedürfnis nach selbstständiger und teilhabender Lebensführung durch Verwundbarkeitsrisiken konterkariert wird. Der Ausdruck Verwundbarkeit verweist dabei auf eine Störanfälligkeit des physischen und psychischen Wohlbefindens (wie bei chronischer Erkrankung, Überbelastung und Stress aufgrund materieller Armut, Ausgrenzung und Fremdheitserfahrung), wodurch die Fähigkeit zur Autonomie beeinträchtigt wird.

Für die potenzielle Verwundbarkeit der älteren türkeistämmigen Bevölkerung sind widersprüchliche Empfindungen und Alterserwartungen repräsentativ. Der Ausdruck prekäres Altern bezieht sich in diesem Zusammenhang auf ein Spannungsfeld aus konkurrierenden Altersbildern, die nur teilweise als legitim angesehen werden. Die in Deutschland dominanten Normen des aktiven, autonomen oder produktiven Alterns können aus der Perspektive des migrantischen Alterns fremd anmuten und im Widerspruch zu den innerhalb der türkeistämmigen Bevölkerung zirkulierenden Altersvorstellungen stehen. Wenn sich beispielsweise türkeistämmige Migrantinnen und Migranten im Alter nach einem überaus anstrengenden Erwerbsleben einfach zur Ruhe setzen wollen, folgen sie vielfach auch einem tradierten Rollenkonzept von Seniorität, welches mit dem dominierenden, auf die Befriedigung von Selbstverwirklichungsbedürfnissen abzielenden Altersbild nicht vereinbar ist.

Während der "Ruherückzug" durch entsprechende Altersnormen der Herkunftsgruppe, aber auch durch Lebensrealitäten wie beengte Wohnverhältnisse (die das Bedürfnis nach Ruhe erhöhen), familiäre Arbeitsteilung und traditionelle Autoritätsordnung legitimiert ist, tendiert die Mehrheitsgesellschaft dazu, daraus ein soziales Problem zu konstruieren: Rückzug wird als Zurückweisung von Angeboten (auch im Sinne von Integrationsangeboten) bewertet. Doch aus der Sicht der Betroffenen können sich dadurch Handlungsressourcen eröffnen. So manchem als abweichend diagnostizierten Merkmal migrantischer Lebensentwürfe im Alter (Rückkehrillusion, imaginierte Pendelmigration) haftet ein Moment an Eigensinn und Widerständigkeit gegen von außen herangetragene Assimilationserwartungen an.

Auch in der empirischen Forschung lässt sich für die türkeistämmige ältere Bevölkerung ein Bedürfnis nach Rückzug im Alter feststellen. Dieses Bedürfnis geht mit einer positiven Bewertung der Rente einher. Das Ende der Erwerbsarbeit wird als entlastend erlebt, insbesondere aufgrund der wegfallenden körperlichen Anstrengung, aber auch der Erwerbszwänge an sich. Die restriktive materielle Realität des nachberuflichen Lebens, die sich in niedrigen Pensionseinkommen und einem hohen Armutsrisiko bemerkbar macht, verbindet die Pensionierung jedoch mit erheblichen Sorgen. Dies zwingt viele dazu, auch nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsprozess Einkommen zu generieren. Aus diesem Grund wird das Alter, im Unterschied zur Mehrheit der älteren Deutschen, zumeist auch nicht als eine Lebensphase gesehen, die frei von Verpflichtungen ist.


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