Auf der Robert-Schuman-Parade in Warschau wird die EU-Flagge getragen.

17.1.2012 | Von:
Jan Zielonka

Paradoxien aus 20 Jahren Integration und Erweiterung

Vor knapp 20 Jahren, bei der Unterzeichnung der Maastrichter Verträge, war das Vertrauen groß, die europäische Einigung vertiefen zu können. Heute droht die Auflösung. Im Angesicht der Krise bedarf es eines neuen Paradigmas der Integration.

Einleitung

Die Ergebnisse aus den vergangenen 20 Jahren europäischer Integration sind paradox. Noch vor zwei Jahrzehnten hatten Paris, Rom und Bonn ein enormes Vertrauen darin, die europäische Einigung vertiefen zu können. Die Schaffung der Europäischen Währungsunion (EWU) durch den Vertrag von Maastricht wurde als fortschrittlichstes und erfolgreichstes Beispiel dafür angesehen, wie sich Staaten zu einer engen Kooperation verbinden können. Nationale Währungen, immer ein Symbol staatlicher Souveränität, konnten auf dem Altar europäischer Integration geopfert werden. Mögliche Bedrohungen, so dachte man, kämen von außen, etwa ausgelöst durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und Jugoslawiens. Obwohl Deutschland wiedervereinigt war und die Nachbarn der Europäischen Union ihre Freiheit zurückgewonnen hatten, sahen sie doch einer beunruhigenden Zukunft entgegen, fürchteten Kommentatoren, dass in den Staaten Osteuropas wirtschaftliches Chaos, soziale Unruhen und Korruption herrschen könnten. Wie berechtigt diese Befürchtungen waren, bestätigte sich bereits wenige Jahre später in den Balkankriegen, die deutlich vor Augen führten, dass das Ende des Kommunismus mit Instabilität, Konflikt und Gewalt einhergehen konnte.

Heute stellt sich das Bild genau andersherum dar. Mittel- und Osteuropa scheinen stabil zu sein; Staaten wie Polen präsentieren sich geradezu als Musterschüler guten Haushaltens und demokratischer Regierungstätigkeit. Selbst die Länder Ex-Jugoslawiens leben - trotz verbliebener Streitpunkte im Einzelnen - friedlich mit ihren Nachbarn zusammen. Sorgen um die Stabilität gehen heute eher von älteren EU-Mitgliedstaaten aus wie Griechenland, Irland oder Italien sowie von der Krise der EWU. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel erklärte kürzlich, dass ein Scheitern des Euro auch den Kollaps Europas zur Folge haben könnte.[1] Der polnische Finanzminister Jacek Rostowski fügte wenig später hinzu, dass am Ende dieses Szenarios ein Krieg stehen könnte.[2] Aus der Perspektive von vor 20 Jahren erscheint dies alles, als sei die Geschichte auf den Kopf gestellt.

Dieser Beitrag wird den Prozess der europäischen Integration über die zurückliegenden zwei Jahrzehnte zurückverfolgen und fragen, wie Europa in die Krise geraten konnte und ob es tatsächlich droht, auseinanderzufallen.

Fußnoten

1.
Vgl. Merkel warnt vor Kontrollverlust der Politik, Video, 13.9.2011, online: www.sueddeutsche.de/politik/merkel-o-merkel-warnt-vor-kontrollverlust-der-politik-1.1142713 (13.12.2012).
2.
Zit. nach Tomasz Bielecki, "Wojna Idzie?", in: Gazeta Wyborcza vom 15.9.2011, online: http://wyborcza.pl/1,75968,
10290674,Wojna_idzie_.html (13.12.2012).