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Der israelische Historiker und Publizist Moshe Zimmermann spricht am Dienstag (22.02.2011) in Erfurt während einer Pressekonferenz. Zimmermann ist einer der vier Autoren und Herausgeber des Buchs "Das Amt und die Vergangenheit" über die NS-Verstrickungen des Auswärtigen Amtes. Am gleichen Tag will Moshe Zimmermann aus diesem Buch lesen. Foto: Martin Schutt dpa/lth

23.12.2011 | Von:
Thomas Großbölting

Geteilter Himmel: Wahrnehmungs-
geschichte der Zweistaatlichkeit

War der Himmel zwischen 1945 und 1990 geteilt, so dass sich DDR und Bundesrepublik auseinanderentwickelten? Oder überwogen gemeinsame Wurzeln und Beziehungen? Wie geht wissenschaftliche Zeitgeschichte damit um?

Einleitung

Aufregung um eine Ausstellung in der Neuen Deutschen Nationalgalerie: Unter dem Titel "Der geteilte Himmel" zeigen seit November 2011 der Direktor Uwe Kittelmann und der Leiter Joachim Jäger ausgewählte Objekte ihrer Sammlung aus den Jahren zwischen Kriegsende und 1968. In ihrem Depot verfügen die Ausstellungsmacher vor allem über die nationale und internationale Kunst, die in den konkurrierenden Nationalgalerien Berlin (Ost) und Berlin (West) bis 1990 gesammelt wurde. Keine andere Sammlung ist in solcher Intensität vom Kalten Krieg geprägt worden. Laut Konzept ist es der Anspruch der Exposition, Hauptpositionen der Kunst in diesen Jahren extremer Politisierung künstlerischer Produktion zu zeigen.

Gemessen daran stechen zwei Leerstelle unmittelbar hervor, die in der Geschichte der Sammlungen angelegt sind: Es dominieren Werke von Künstlern, Künstlerinnen der Zeit sind kaum vertreten. Zudem beschränkt sich der Ausstellungsfundus bei der Kunstproduktion aus der DDR auf die staatlich genehme Kunst; oppositionelle Werke wurden bis 1990 selbstredend nicht gesammelt. Aber auch über diese beiden Schwierigkeiten hinaus bleiben konzeptionelle Fragen offen: Wie setzt man die beiden Sammlungen, den östlichen und den westlichen Objektfundus, miteinander in Beziehung? Die Macher haben sich für einen Mittelweg entschieden. Die Figuration, das Gegenständliche, den sozialistischen Realismus hat man dem Osten zugeordnet; die Abstraktion als offene Struktur und als "Symbol der Freiheit" dem Westen. Auf diese Weise, so die Macher, sollen "die alten Fronten (...) als hart umkämpfte Themen in der Präsentation sichtbar" bleiben.

Wer nun aber eine daran ausgerichtete Positionierung der Exponate erwartet, sieht sich enttäuscht. Die klare Zuordnung nach Ost und West, nach figürlich und abstrakt ist nicht Sache der Ausstellung, im Gegenteil: "Der Blick geht jedoch betont über alle Grenzen hinweg und richtet sich auf übergreifende Kunstideen. Im Mittelpunkt des 'geteilten Himmels' stehen die internationalen Diskrepanzen: das Nebeneinander der Stile und Künste, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen."[1] So trifft die monumentale "Sitzende Figur" von Henry Moore auf den "Hirten" von Georg Baselitz, der Schweizer Weltkünstler Alberto Giacometti steht neben dem DDR-Apparatschik Willi Sitte.[2] Geht das Konzept auf? Geht nun endlich eine "jüngere Kuratorengeneration" erfrischend, konventionell und "angstfrei [mit der Bürde der Politisierung, T.G.] um und kann aufzeigen, wie viel Verbindendes es trotzdem immer gab, dass sich die Künstler um die politischen Grabenkriege häufig wenig scherten"?[3] Oder - so die Kritik der Gegner - wird hier, statt Teilung zu zeigen, ein großes Miteinander inszeniert und werden durch "diese Art von Normalisierung auch jene Unterschiede (verwischt), die man besser nicht verwischen sollte"?[4] Wurde ganz unstatthaft zusammengestellt, was ohne die hoch politisierten jeweiligen Entstehungskontexte eigentlich nicht zu begreifen ist, da doch in Ost und West jeweils anders und in andere Kontexte hinein gemalt, gehauen und geformt wurde? Generell gefragt und den von Christa Wolf entlehnten Titel der Ausstellung noch einmal aufgreifend: War der Himmel wirklich geteilt? Kann man den Himmel überhaupt teilen? Wenn doch, lässt er sich wieder zusammenfügen? Und mit Blick auf die vergleichbaren Probleme von Ausstellungsmachern und Geschichtswissenschaftlern: Wie lässt sich das Oxymoron vom "geteilten Himmel" ebenso analysieren wie darstellen?

Fußnoten

1.
Vgl. den Pressetext online: www.wechselausstellungen.de/berlin/der-geteilte-himmel-die-sammlung-19451968 (24.11.2011).
2.
Vgl. Carsten Probst, Deutsche Künstler abseits von Ost-West-Mustern. Nachkriegskunst in der Neuen Nationalgalerie, online: www.dradio.de/dlf/sendungen/
kulturheute/1604434 (24.11.2011).
3.
Nicola Kuhn, Eine deutsche Renaissance, in: Der Tagesspiegel vom 10.11.2011.
4.
Hanno Rauterberg, Alles nackt, in: Die Zeit vom 17.11.2011.