Der israelische Historiker und Publizist Moshe Zimmermann spricht am Dienstag (22.02.2011) in Erfurt während einer Pressekonferenz. Zimmermann ist einer der vier Autoren und Herausgeber des Buchs "Das Amt und die Vergangenheit" über die NS-Verstrickungen des Auswärtigen Amtes. Am gleichen Tag will Moshe Zimmermann aus diesem Buch lesen. Foto: Martin Schutt dpa/lth

23.12.2011 | Von:
Muriel Blaive
Thomas Lindenberger

Zeitgeschichte und Erinnerungskonflikte in Europa

Im gegenwärtigen Erinnerungsboom droht memory Geschichte zu ersetzen. Erinnerungskonflikte (memory clashes) beruhen auf tendenziell statischen Opferidentitäten, die einem dynamischen Verständnis europäischer Geschichte im Wege stehen.

Einleitung

Die Rede von "Erinnerung" und "Gedächtnis"[1] hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten auf alle Bereiche des öffentlichen Lebens übergegriffen, in Europa wie im Rest der Welt. Manche Vertreter eines umfassenden memory-Begriffs halten mittlerweile die Dichotomie zwischen "Erinnerung" und "Geschichte" für überholt und unergiebig: Erinnerung/Gedächtnis schließe "Geschichte" ohnehin mit ein. Demnach solle sich die Geschichtswissenschaft zu einer übergreifenden "Metawissenschaft der Erinnerung" ausweiten.[2] Die österreichische Historikerin Heidemarie Uhl schlägt vor, Geschichtswissenschaft, da die Phase des "Zerbrechens" von nationalen Mythen der Vergangenheit angehöre, fortan "als kritische Reflexionsagentur des Gedächtnisses" zu verstehen.[3] Ob es mit einer solchen an die Aufgaben eines Technischen Überwachungsvereins erinnernden Dienstleistung für die Gedächtnisanstrengungen der Gesellschaft sein Bewenden haben kann, sei indes füglich bezweifelt; mit Sicherheit wird sich Geschichtswissenschaft nicht darauf reduzieren lassen. Darauf werden wir am Ende unseres Beitrags wieder zu sprechen kommen.




Fußnoten

1.
Wir verwenden die Kopplung der beiden Begriffe als gemeinsames Äquivalent zum englischen memory und zum französischen mémoire. Einige Überlegungen dieses Beitrags wurden bereits in englischer Sprache vorgelegt: Muriel Blaive/Christian Gerbel/Thomas Lindenberger, Introduction, in: dies. (eds.), Clashes in European Memory. The Case of Communist Repression and the Holocaust, Innsbruck 2011, S. 7-23. Herzlichen Dank an Otmar Binder für die Erstellung einer Arbeitsübersetzung.
2.
Vgl. Dirk van Laak, Vom Denkmal zum Mahnmal. Gedächtnisgeschichte im Rückblick, in: Norbert Frei (Hrsg.), Was heißt und zu welchem Ende studiert man Geschichte des 20. Jahrhunderts?, Göttingen 2006, S. 36-41, hier: S. 39.
3.
Heidemarie Uhl, generation of memory. Geschichtswissenschaft im Kampf um die Erinnerung, in: Heinrich Berger/Melanie Denejga/Regina Fritz/Alexander Prenninger (Hrsg.), Politische Gewalt und Machtausübung im 20. Jahrhundert. Zeitgeschichte, Zeitgeschehen und Kontroversen. Festschrift für Gerhard Botz, Wien-Köln-Weimar 2011, S. 563-573, hier: S. 573.