An der Klagemauer wird am 29.11.2010 in Jerusalem (Israel) gebetet. Seit 1967 befindet sich die Klagemauer in Jerusalem unter israelischer Kontrolle. Die einst von König Herodes vor mehr als zweitausend Jahren errichtete westliche Stützmauer am Tempelberg ist heute für viele Israeli ein Symbol nationaler Erfüllung oder religiöser Erlösung. Foto: Rainer Jensen

22.4.2013 | Von:
Dr. Hans-Jürgen Krug

Schusswechsel

Unser Medienbild vom Nahen Osten hat nicht viel mit der Realität dort zu tun 

Eigentlich ist alles klar. Folgt man den Nachrichten in Fernsehen, Radio oder Zeitung, dann stehen in Israel vor allem die Parteien Gut und Böse gegeneinan­der. Die Bilder zei­gen Explosionen, Leichen, Verletz­te, Zer­störungen, Militär, die Kor­respondenten übermitteln gern ihr Kopfschüt­teln über die nie enden wol­lenden Gewaltakte und verbrei­ten magische Wor­te. Oslo etwa, Frie­densprozess, Hoff­nung, Optimismus, Annäherung und seit einiger Zeit nun auch noch die All­rounderklärung Scharon.

Am 21. März 2001 können wir, eine 24-köpfige Journalistengruppe aus Deutschland, mit der Bundeszen­trale für politische Bildung auf Isra­el-Reise, erstmals ande­res hören: "The main war ist on CNN and not in field", sagt Carmi Gillon, 2 Jah­re Chef des israelischen Security Ser­vice und nun Generaldirektor im Peres Center For Peace. Am 27. März besichtigen wir morgens den Ölberg und den Gar­ten Gethsemane. In Amman tagt die Arabische Liga. Ein Tag zuvor ist ein isra­eli­sches Baby in Hebron gezielt erschossen worden, am Morgen ex­plodierte im In­dustrieviertel Talpiot eine Autobombe, eine gewaltige Ex­plosion, sieben Ver­letzte. "Terroran­schläge sind ein normaler Teil un­seres Lebens", sagt Ga­briel Bron (58), Parla­mentskorrespondent bei der "Ye­dioth Ahronot" und unser Stadtführer an diesem denkwürdigen Tag.

Dann stehen wir in Gilo. "Nicht in Gruppen aufstellen, einzeln stehen bleiben", empfiehlt Gabriel Bron. Er hat seine Erfahrungen aus sieben Kriegen und ei­nem Alltag, der mit "Normalität" wenig zu tun hat. Am 29. Februar hatte die "Tages­schau" "Schuss­wechsel" sogar in Deutschland gemel­det. Diese Schüsse fie­len hier. Die geographische Lage ist ganz ein­fach: hier die israelische Wohnsied­lung, eine Schu­le, Wohnhäuser, auf dem nächsten Hügel das arabi­sche Beit Jala - und dazwischen Schutz­mauern gegen Heckenschützen. "Jour­nalisten aus aller Welt sollten sich diesen Ort an­schauen, damit sie verstehen, dass Schwarz und Weiß nicht die richti­gen Farben sind, um die Situation zu be­schreiben", sagt un­ser Führer. Die Szene ist gespenstisch, die Gefahr spürbar präsent.

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Nackensteif sitzen wir danach im Reisebus und fahren in einen Stau. Poli­zei, Militär, Ambulanz, Han­dytelefonierer - und ein zerstörter Linienbus: Ein Selbstmordattentä­ter hat sich um 13.25 Uhr in French Hill vor einen Bus der vielbefahre­nen Linie 6 gestellt - und in die Luft gesprengt. 22 Verletzte, oder 36 - die Quellen differieren, der Attentäter tot - der zehnte Anschlag in weni­gen Ta­gen. "Ich bin nicht zu sehr erschüttert", sagt der erklärende Gab­riel Bron ins Busmikrofon, sichtbar um Fassung bemüht. "Viel mehr Leute sterben bei Auto­unfällen." Und dann spricht er von dem "men­talen Panzer", den man sich zulegt, zulegen musste. Überall in Israel gibt es solche Stellen.

Als wir im Hotel zurück sind, gibt es im israelischen TV schon Livebil­der. Ein Studiogast erläutert, im­mer wieder werden die gleichen Bil­der gezeigt; bald fol­gen CNN und BBC World. In den Kaufhäusern werden derweil die Kon­trollen ver­schärft, die polizeiliche Präsenz auf den Stra­ßen wird erhöht. Und das Leben geht weiter.

Auch in Deutschland kommt die Nachricht von dem Attentat an, umge­hend, aber dürr: Um 14 Uhr hat NDR 4 Info den Aufmacher: "Bei der Explosion in einem Bus wurde nach Angaben des israeli­schen Fernsehens mindestens ein Mensch getötet. Augenzeugen be­richten von mehreren Verletzten". In der "Ta­gesschau" berichtet Peter Dud­zik erstmals um 15 Uhr live aus Tel Aviv: "Die Bürger von Jerusalem hatten Glück im Un­glück". Der Je­rusalemer Bürgermei­ster sagt "Isra­el befindet sich im Kriegszustand", und Scharon schiebt Arafat die Schuld zu. Diese Linie wird in der ARD den ganzen Tag gehalten. Um 23 Uhr existieren die At­tentate auf NDR 4 Info nicht mehr. "Im West­jordanland haben israelische Sol­da­ten nach Palästinenserangaben einen elfjährigen Jungen erschos­sen."

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"We are on the boiling point", sagt Ori Noy, Informationsdirektor im Au­ßenmi­niste­rium am 28. März harsch. Es ist heiß in Jerusalem, wunderba­res Früh­lings­wetter, weit über 30 Grad, nach 17 Uhr - und der Medien­fachmann ist mit den Medien gar nicht zufrieden. Im Gebiet der Palästi­nensischen Autorität (PA) ge­be es keine Pressefreiheit, klagt er. Nur "pa­lästinensische Journalisten" könnten be­richten, die Bilder aus Hebron oder Ramallah seien un­vollständig, selektiv: "Sie zeigen die Steine wer­fenden Kinder, nicht die Waffen dahinter". Er spielt auf die getöteten Kinder der letzten Tage an: "Die Medien zeigen Bil­der von palästinen­si­schen Kindern, nicht von israelischen." Und er sagt: "Mi­ster Scharon will not wait long." Kurz darauf, etwa um 18 Uhr, mel­den die Medien vier bis fünf An­griffe des israelischen Militärs auf Gaza und Ramallah.

Es ist eine verblüffende Erfah­rung. Die deutschen Medien setzen auf die eta­blierte Rhetorik Friedensprozess versus Scharon, Steinewer­fen versus Militär, Verhandlung ver­sus Gewalt, Palästinenser versus Is­raelis, Ver­nunft versus Wahnsinn. Die Wirklichkeit trifft das nie. Längst haben sich die Anhänger der Friedensbewegung zurückgezogen oder sind resigniert. "Wir waren zu gutgläu­big", sagt einer. Selbst Linke hoffen, daß Scharon "ein zweiter Begin" wird. "Arafat hat total ver­sagt", so der Politologe Binyamin Neuberger von der Uni­versität Tel Aviv, "und ist bei den Palä­stinensern doch ein Gott". Wer spricht so in Is­rael - ein Rechter? "Ich bin eine Tau­be", sagt der Professor. In Deutsch­land zeigt man die Bilder einer of­fenbar sinnlos zerstörenden Armee. In Israel sagen sogar liberale Juden: "Die Armee sind wir." Schließlich ist "immer je­mand aus der Familie da­bei". Die Frauen eingeschlossen.

Gabriel Bron hat sein Reiseführer-Einsatz "im Angesicht des Grauens" nicht los­gelassen. Am 28. März erscheint in "Yedioth Ahro­noth" ein lan­ger Bericht über seine Erfahrungen mit den deutschen Journalisten, die "wie leere Säcke in ihren Sitzen liegen" und "Laute des Schocks und des Entsetzens von sich" ge­ben. Und er schreibt über die Verschiedenheit der Standpunk­te: "Sie werden nach Hause zurück­kehren. Ich bleibe hier, und ich weiß, dass sie nicht begreifen kön­nen, wie man gerade hier leben will und darauf besteht, ein normales Le­ben zu führen."


Blog zur Israel-Studienreise

Im Blog berichtet die Journalistin Katarzyna Weintraub von der Israel- Studienreise "Zachor - Jüdische Erinnerungskultur der Gegenwart". Die Studienreisen der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb ermöglichen den Teilnehmenden einen authentischen und persönlichen Einblick in die politische und gesellschaftliche Situation der Reiseländer.

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Wer kann sich auf die Israel-Studienreisen der bpb bewerben? Welche Kriterien gibt es bei der Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber? Wie erfolgt das Bewerbungs- und Einladungsverfahren? Die Antwort auf diese und weitere Fragen finden Sie hier. (PDF-Version: 66 KB)

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Seit 1963 veranstaltet die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb erfolgreich ihr Studienreisen-Programm nach Israel. Die Studienreisen sind ein Kernelement in der historisch-politischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, der deutsch-jüdischen Geschichte und dem Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland.

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