An der Klagemauer wird am 29.11.2010 in Jerusalem (Israel) gebetet. Seit 1967 befindet sich die Klagemauer in Jerusalem unter israelischer Kontrolle. Die einst von König Herodes vor mehr als zweitausend Jahren errichtete westliche Stützmauer am Tempelberg ist heute für viele Israeli ein Symbol nationaler Erfüllung oder religiöser Erlösung. Foto: Rainer Jensen

24.4.2013 | Von:
Ute Büsing

Impressionen aus Israel

„Was es ist …“ – kann bei den Israel Studienreisen nicht kurz und knapp zusammengefasst werden. Es sind vielmehr die vielen Fragen, durch die sich nach und nach ein ungefähres Bild von Israel formen lässt.

ImpressionenImpressionen (© Ute Büsing )

Ist es das hinreißende Strand-, Markt- und Nachtleben der nonkonformistischen modernen geheimen Hauptstadt Tel Aviv, wo jeder, unabhängig von der Wetterlage, zur Begrüßung, mindestens den kleinen Zeh ins milde Mittelmeer taucht? Die arabische Altstadt von Jaffa, wo die Orangen hängen? Sind es die einzigartigen Sonnenuntergänge vor nachgestellter napoleonischer, und ausgegrabener römischer Kulisse, die, von Wildkatzen umschmeichelt, eine romantische Sicht öffnen auf die weiße Stadt am Meer? Oder verkaspern hektisch umhereilende, um die beste reale Fototapete streitende Hochzeitspaare die Perspektive?

Darüber, was es ist, lässt sich sofort in der neuen Gruppe trefflich streiten beim Absacker im Café am Strand, die Füße im Sand - den Kopf schon mit den ersten, furchtbar voreiligen vorauseilenden Analysen befasst.

Es gibt so ein Moment, das Bundeszentral reisende Gruppen gleich am Ankunftstag in Tel Aviv/Jaffa in den Griff nimmt. Emotional und analytisch. Danach gibt es kein Loslassen mehr! Auch wenn die Tage darauf erstmal vorwiegend in viel zu kalt klimatisierten Hotelkonferenzräumen verbracht werden müssen. Doch da sitzt dann unter all den Sicherheitsreferenten und Parteianalysten, Geheimdienstagenten und Generalmajoren, eben auch Anita Haviv, eine herzensfrische, lebensnahe gebürtige Wienerin – und erzählt anschaulich, was ihre jüdische Identität ausmacht. So offen und ungeschönt, dass wir anderen, ihr nur folgen können in ihr Land. Für eine Woche, oder knapp zwei.

Wir pauken Parteiensystem, Sicherheitslage, wechselnde Bedrohungsszenarien, den Palästinenser-Konflikt, Nahost-Lösungen. All das, was den Staat Israel ausmacht.

Jedes Mal ist alles anders. Für Beständigkeit bürgen, neben Programmorganisatorin Anita Haviv, z.B. auch Reiseführer Itzik Shani, ein freiheitsliebender Großstädter aus Tel Aviv, mit Leib und Leben Israeli, früher Panzerkommandant. Und, sein Bruder im Geiste, der beduinische Busfahrer aus Galiläa, Rachal, auch er Veteran. Diese beiden würden sich in höchster Not auch für unser Leben einsetzen. Dass das keiner merkt, ist ihre Kunst. Es gibt so viel zu sehen und zu erleben: Im Kibbuz am See Genezareth; in der arabischen Stadt Nazaret; entlang der „Grünen Grenze“, mal Befestigungszaun, mal Mauer; bei Tagungsausflügen ins Westjordanland, nach Ramallah.

Auf dem Weg zu den Golanhöhen entdeckt unser Fahrer mit Adleraugen Schildkröten auf der Fahrbahn. Sie werden gerettet. Vorm Toten Meer macht er auf Bergziegen aufmerksam, die außer ihm keinem auffallen. Und wir benennen die Bundeszentrale um: in Vereinigung für Schutz und Rettung bedrohter Tiere.

Neu für die Öffentlichkeit zugänglich ist eine Taufstelle am Jordan. In Tauf-T-Shirts gehüllt, stürzen sich Gläubige in den schlammigen Fluss. Wir sind nur wenige Meter weit entfernt von denen, die auf jordanischer Seite dasselbe tun. Heiliges Wasser, Heiliges Land.

Am Ende der Reise sind die Teilnehmer erschöpft. Das hat auch mit dem Höhenunterschied zu tun. Vom tiefsten Punkt der Erde, dem Toten Meer, steigen wir auf Jesus Leidenswege. Jerusalem mit seiner in Stein gemeißelten Religions- und Weltgeschichte, die bei jedem Schritt verdächtig knirscht, nimmt uns gefangen. Die Grabeskirche mit ihrer aufgeschichteten Geschichte; die Klagemauer, in die jeder Wunschzettel passt. Die Knesset mit keifenden Parteigängern. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, ein Muss für deutsche Besucher.

Es ist all das, und noch viel mehr, was die Bundeszentrale für Politische Bildung bei ihren Studienreisen anbietet.

Touristische Exkursionen helfen bei der Vermittlung profunder Landeskenntnis. Die Geschichte des jüdischen Staates Israel wird aufgeladen und konfrontiert mit unschönen Ist-Zuständen im vielfach gespaltenen Land, wie der Unwilligkeit der Ultraorthodoxen am gesellschaftlichen und militärischen Leben teilzunehmen, oder der Benachteiligung der arabischen Minderheit.

Kibbuz-Veteranen erzählen anschaulich, wie es damals war, als sie im Geiste des zionistischen Ideals Land nahmen; zu Friedensbotschaftern geläuterte Generäle, wie es heute sein müsste, im Sinne einer produktiven Zweistaatenregelung. Vor den properen Siedlungen in Judäa, wie der Großstadt Maale Adumim oder der Kleinstadt Efrat, stehen wir fassungslos. Und können uns den Anschauungen unserer auskunftsfreudigen Gastgeber, meist nationalreligiöser Siedler, die das Westjordanland als heilige Erde für sich beanspruchen, doch nicht ganz entziehen…

Und am Ende steht die Abreise etwas verwirrter, aber begeisterter Teilnehmer, die meist nur eines wollen: ganz schnell wiederkommen.


Blog zur Israel-Studienreise

Im Blog berichtet die Journalistin Katarzyna Weintraub von der Israel- Studienreise "Zachor - Jüdische Erinnerungskultur der Gegenwart". Die Studienreisen der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb ermöglichen den Teilnehmenden einen authentischen und persönlichen Einblick in die politische und gesellschaftliche Situation der Reiseländer.

Mehr lesen auf bpb-studienreisen.blogspot.de

Wer kann sich auf die Israel-Studienreisen der bpb bewerben? Welche Kriterien gibt es bei der Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber? Wie erfolgt das Bewerbungs- und Einladungsverfahren? Die Antwort auf diese und weitere Fragen finden Sie hier. (PDF-Version: 66 KB)

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Seit 1963 veranstaltet die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb erfolgreich ihr Studienreisen-Programm nach Israel. Die Studienreisen sind ein Kernelement in der historisch-politischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, der deutsch-jüdischen Geschichte und dem Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland.

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