An der Klagemauer wird am 29.11.2010 in Jerusalem (Israel) gebetet. Seit 1967 befindet sich die Klagemauer in Jerusalem unter israelischer Kontrolle. Die einst von König Herodes vor mehr als zweitausend Jahren errichtete westliche Stützmauer am Tempelberg ist heute für viele Israeli ein Symbol nationaler Erfüllung oder religiöser Erlösung. Foto: Rainer Jensen

22.11.2013 | Von:
Jürgen Wiebicke

Die Frage nach der Schuld

Bei meinem ersten Israel-Besuch 1993 bin ich gleich am ersten Tag erschrocken zusammen gezuckt, als mir ein Händler auf dem Carmel-Markt in Tel Aviv zurief: Where are you from? Wo kommst du her? Damals dachte ich noch, dass man Germany ganz leise aussprechen muss. So als ob man auf frischer Tat ertappt worden wäre. Und war dann umso verblüffter, als der Markthändler auf diese Nachricht geradezu überschwänglich reagierte. Germany? Großartig!

Yad VashemTwitterbild von Annette Milz, ebenfalls Teilnehmerin der Jubiläums Studienreise nach Israel anlässlich des 50-jährigen Bestehens: Das kann und darf niemanden unberührt lassen: Yad Vashem
Mein Trikot war schon durchgeschwitzt, als ausgerechnet im Fitness-Studio in Tel Aviv die entscheidende Frage kam: Ob ich mich schuldig fühlen würde. Wie das überhaupt sei, ein Deutscher zu sein? Lange habe ich auf diese Frage aus dem Mund eines Israeli gewartet, sie fast schon gefürchtet. Doch sie wollte einfach nicht kommen.

Bei meinem ersten Israel-Besuch 1993 bin ich gleich am ersten Tag erschrocken zusammen gezuckt, als mir ein Händler auf dem Carmel-Markt in Tel Aviv zurief: Where are you from? Wo kommst du her? Damals dachte ich noch, dass man Germany ganz leise aussprechen muss. So als ob man auf frischer Tat ertappt worden wäre. Und war dann umso verblüffter, als der Markthändler auf diese Nachricht geradezu überschwänglich reagierte. Germany? Großartig! Schnell habe ich damals verstanden, dass Israelis ihr Misstrauen gegenüber Deutschen streng dosierten. Es galt allein denen, die vom Alter her für eine Täterschaft während des Holocaust infrage kamen. Also war ich aus der Schuld-Nummer raus, jedenfalls im Nahen Osten. Seit diesem ersten Israel-Besuch, dem weitere folgten, habe ich viele Gespräche mit Holocaust-Überlebenden und ihren Kindern geführt, die alle einer bestimmten Dramaturgie zu gehorchen schienen: Der Nachgeborene aus Deutschland fragt, und er bekommt freundlich und ausführlich Antwort, muss aber nie mit einer Gegenfrage rechnen. Aus historisch sehr nachvollziehbaren Gründen waren meine Gefühle und Befindlichkeiten offenbar zweitrangig.

Und dann plötzlich, ausgerechnet im Fitness-Studio in Tel Aviv und zwanzig Jahre später, doch noch der lange erwartete Moment. Wir waren allein, der Fitness-Trainer und ich. Drei Tage lang hatte er mich stumm dabei beobachtet, wie ich mich auf einem Ausdauer-Gerät verausgabte. Eine echte Kante der Mann, muskulös, durchtrainiert, kahler Schädel, Mitte 50. Ein Shalom vorher zur Begrüßung, eins hinterher zum Abschied, mehr Worte hatte er bis dahin nicht gemacht. Doch heute schien er in Redelaune zu sein. Er tat das, was man an einem solchen Ort eigentlich nicht tut: den Sportler mitten im Training anzusprechen. Erst recht nicht einen, der Kopfhörer auf den Ohren hat und offenkundig in einer anderen Welt ist. Wo kommst du her, war auch seine erste Frage, mitten in meine Musik hinein. Meine Antwort darauf war Futter für seine Neugierde, denn über Deutschland wollte er anscheinend alles wissen. Wo das Leben am teuersten ist, wo es die meiste Arbeit gibt, ob das Risiko lohnt, trotz des Immobilienbooms jetzt noch eine Wohnung in Deutschland zu kaufen. Schnell war klar, dass hier einer mit dem Gedanken spielt, aus Israel auszuwandern. Wie sich herausstellte, besitzt er neben dem israelischen noch einen zweiten Pass, einen rumänischen. Seine Eltern, berichtete er, hätten den Holocaust nur überleben können, weil sie sich rechtzeitig aus der transsilvanischen Provinz nach Bukarest abgesetzt hatten. So ist das häufig in Israel. Erzählt jemand von seiner Familie, landet man unweigerlich binnen kürzester Zeit in einer Tragödie, einer Verfolgungsgeschichte.

Nun wollte der Trainer wissen, was ein rumänischer Pass in Deutschland wert ist. Ich erklärte ihm, dass für 2014 der Beitritt Rumäniens zur Schengen-Zone geplant sei, er von diesem Moment an also als Arbeitnehmer vollständige Freizügigkeit genießen würde. Bis hierhin hatte sich unser Gespräch folglich nur um Fakten gedreht. Was genau es war, das ihn veranlasst hatte, plötzlich die Gesprächsebene zu wechseln, weiß ich nicht. Jedenfalls wollte er unvermittelt wissen, wie ich die Schuldfrage sehe und ob ich mich als Deutscher wohl in meiner Haut fühle. In diesem Moment musste ich runter vom Fitness-Gerät. So eine Frage beantwortet man wohl besser nicht atemlos und mit hohem Puls. Immerhin hatte ich nun vom Sport einen klaren Kopf und registrierte zum Glück sofort, dass hinter seiner Frage kein bisschen Argwohn und kein Ressentiment steckten. Er wollte es einfach nur wissen.

Mein erster Versuch, die Frage zu beantworten, geriet verdammt psychologisch. In der ersten, der Nazi-Generation, improvisierte ich, sei das Trauma aufgebaut worden. Die Aufgabe der zweiten, also meiner Generation sei es, das Trauma zu bearbeiten und möglichst aufzulösen. Für den Fall, dass dies gelingt, sei die dritte Generation frei. Schnell bemerkte mein Gegenüber, dass dies eine Flucht in die Abstraktion war. Also hängst du bis heute drin, bohrte er nach. Und damit hatte er mich. Denn das genau ist es ja, was uns Babyboomer von unseren eigenen Kindern unterscheidet: Uns fehlt der Abstand, den Schrecken des Dritten Reiches so zu behandeln, als sei dies alles lange her. Wenn wir zurück in unsere Kindheit blicken, bemerken wir Prägungen, die darauf zurück zu führen sind, dass unsere Eltern mit Nazi-Pädagogik groß geworden sind. Dieses Gift steckt bis heute in ihnen drin, und eine Portion davon haben sie, oftmals ohne es zu wollen, an uns weiter gegeben. Aber für unsere eigenen Kinder sind die 68 Jahre, die seitdem vergangen sind, eine halbe Ewigkeit. Sie wundern sich, dass damals ein ganzes Land einem Mann verfallen ist, dessen Rhetorik heute lächerlich wirkt. Sie wissen viel, aber sie haben nichts damit zu tun. Jedenfalls dann nicht, wenn der Begriff der Schuld sinnvoll verwandt wird, als individuell zurechenbare Verantwortung.

Schwer zu erklären dies alles, dachte ich im Fitness-Studio. Und irrte mich gewaltig. Denn für meinen Trainer schien die Angelegenheit einfach und klar zu sein. Er hielt es für völlig abwegig, dass Schuld von einer Generation zur nächsten weiter gegeben wird. Er forderte mich auf, mit meinem Deutschland nicht zu hadern. Überleg doch mal, sagte er, dass inzwischen zwanzigtausend junge Israelis in Berlin leben. Deutschland ist cool. Außerdem fühlt man sich da sicher. Ich will gern zugeben, dass ich mich über diese Sätze gefreut habe. Und dann brauchte ich dringend eine Dusche.


Blog zur Israel-Studienreise

Im Blog berichtet die Journalistin Katarzyna Weintraub von der Israel- Studienreise "Zachor - Jüdische Erinnerungskultur der Gegenwart". Die Studienreisen der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb ermöglichen den Teilnehmenden einen authentischen und persönlichen Einblick in die politische und gesellschaftliche Situation der Reiseländer.

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Wer kann sich auf die Israel-Studienreisen der bpb bewerben? Welche Kriterien gibt es bei der Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber? Wie erfolgt das Bewerbungs- und Einladungsverfahren? Die Antwort auf diese und weitere Fragen finden Sie hier. (PDF-Version: 66 KB)

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Seit 1963 veranstaltet die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb erfolgreich ihr Studienreisen-Programm nach Israel. Die Studienreisen sind ein Kernelement in der historisch-politischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, der deutsch-jüdischen Geschichte und dem Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland.

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