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Spezial: Weltgipfel zur Informationsgesellschaft
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Die Welt als digitale Klassengesellschaft? |

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Peter Filzmaier
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Im Mai 2002 kamen von weltweit knapp 606 Millionen Nutzern der Informations- und Kommunikationstechnologien (kurz ICT) 191 Millionen aus Europa sowie 183 Millionen aus den USA und Kanada. 187 Millionen waren aus dem asiatisch-pazifischen Raum. In Lateinamerika gab es lediglich 33 Millionen Nutzer von ICTs, in Afrika rund sechs Millionen und im Mittleren Osten fünf Millionen. Prozentual stellen demzufolge Nordamerika, Europa und Asien jeweils fast ein Drittel der Internetnutzer weltweit. Aus Lateinamerika kommen weniger als zwei Prozent, aus Afrika und dem Mittleren Osten in Summe 0,2 Prozent.
Die Zahl der ICT-Nutzer wächst nicht in allen Regionen
Lateinamerika erlebt eine durchschnittliche ICT-Entwicklung, doch der Nahe und Mittlere Osten ist nahezu vollständig offline. Die Zahl der afrikanischen ICT-Nutzer hat sich seit dem Jahr 2000 von zwei Millionen auf sechs verdreifacht. Etwa die Hälfte der afrikanischen ICT-Nutzer lebte 2000 wie auch 2002 in Südafrika, während Ägypten und Marokko mit 500.000 Nutzern folgen. Es gibt kaum mehr als 300 afrikanische Provider, ein Drittel davon in Südafrika.
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Zur Person |
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Peter Filzmaier, geboren 1967, ist Professor für Politikwissenschaft und Politische Bildung am Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universaität Klagenfurt. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind Politik und Medien, Politische Kommunikation und Wahlen, der Vergleich politischer Systeme sowie Internet und Demokratie. |  |
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In vielen Ländern fehlen die technischen Voraussetzungen für ICT-Zugangsmöglichkeiten. Das Verhältnis der Zahl der Telefonanschlüsse zur Zahl der Einwohner in Industrieländern/modernen Kommunikationsgesellschaften beträgt weniger als 1 zu 2, d.h. höchstens zwei Personen teilen sich einen Telefonanschluss. In den 48 ärmsten Ländern Welt, den so genannten Landlocked Least Developed Countries oder LLDCs (am wenigsten entwickelte Länder ohne Anbindung ans Meer), beträgt das Verhältnis mehr als 1 zu 20: Weniger als 50 von 1.000 Einwohnern verfügen über einen Telefonanschluss. Am Beginn des 21. Jahrhunderts hat etwa die Hälfte der Weltbevölkerung niemals ein Telefongespräch geführt. Zahlenspiele veranschaulichen die Dramatik der Situation: Für die etwa 6,5 Millionen Einwohner Ruandas gibt es weniger Telefon- und Modemanschlüsse als für die Mitarbeiter der Weltbank. Afrika ist insgesamt schwächer im Internet vertreten als die Stadt New York.
Die Neugestaltung von Machtverhältnissen bleibt zu prüfen
Obwohl die ICTs auch NGOs neue Möglichkeiten der Kontrolle und Publikation eröffnen: Eine kritische Prüfung der Neugestaltung von internationalen Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen im Informationszeitalter steht noch aus. Das US-Programm einer Global Information Infrastructure (GII) etwa dürfte eher sozioökonomische Eliten ausgewählter Entwicklungsländer bevorzugen und Vorschläge der UNESCO für eine New International Information and Communication Order (NIICO) befinden sich keinesfalls im Realisationsstadium.
Visionen einer Neudefinition internationaler Politik und Diplomatie oder der Förderung des interkulturellen Verständnisses durch ICTs sind nicht belegbar. Vielmehr besteht ein logischer Widerspruch zwischen dem Ziel einer digitalen Alphabetisierungoffensive für Entwicklungsländer, während gleichzeitig humanitäre Hilfe zur unmittelbaren Armutsbekämpfung und für minimale Bildungsstandards unzureichende Erfolge zeigt und mit knappen Ressourcen ausgestattet ist. Durchschnittsbürger in LLDCs müssten bis zu acht Jahreseinkommen für den Kauf eines Computers aufwenden.
Englisch dominiert als Sprache im Netz
Ein zentrales Kriterium der ICT-Nutzung bildet die (Fremd-)Sprachenkompetenz. 2002 gaben über 40 Prozent der Internet-Nutzer Englisch als Muttersprache an. Ein weiteres Drittel entfällt auf andere europäische Sprachen. Fast 20 Prozent sprachen Chinesisch oder Japanisch, acht Prozent Spanisch und mehr als vier Prozent Koreanisch. Diese Zahlen korrelieren mit der Weltwirtschaftsleistung, die zu etwa von jeweils einem Drittel von Unternehmen in Staaten mit der Landessprache Englisch und "nicht-englischen" europäischen Sprachen und zu 20 Prozent von China und Japan erbracht wird. Hingegen besteht ein eklatanter Widerspruch zu den Bevölkerungszahlen, nachdem beispielsweise mehr als 300 Millionen Menschen Arabisch und mehr als 200 Millionen Malayisch sprechen. Diese beiden Muttersprachen sind unter den ICT-Nutzern zu insgesamt weniger als vier Prozent vertreten, obwohl hinsichtlich ihres Anteils an der Weltbevölkerung den über 40 Prozent ICT-Nutzern mit englischer Muttersprache gleich.
Noch heute sind fast drei Viertel aller Seiten im Netz in englischer Sprache gestaltet. Über einen relativ großen Anteil mit hohem Entwicklungspotential verfügten lediglich asiatische Sprachen, während hinsichtlich des Verbreitungsgrads europäische Sprachen eher stagnieren.
Technischen Möglichkeiten sorgen nicht automatisch für mehr Fachwissen
Das Kompetenzdilemma beschränkt sich aber keineswegs auf den technischen und sprachlichen Bereich, sondern ist ein Problem der Mediennutzungskompetenz. Modelle elektronischer Demokratie wollen politische Information, Partizipation und Kommunikation mit Hilfe moderner Technologien ermöglichen. Sie hoffen, so eine (elektronische) politische Mündigkeit und Kompetenz der Bevölkerung zu fördern, die sie jedoch selbst benötigen. In vielen Fällen sind Menschen durch die Informationsflut des Internets überfordert. Allein aufgrund technischer Möglichkeiten eines neuen Mediums entstehen weder Fachwissen noch Kompetenz und Qualifikation der ICT-Nutzer, um das Medium für politische Information und Partizipation verwenden zu können.
Gesellschaftlich und demokratiepolitisch bedenklich sind Entwicklungen, die in eine digitale Klassengesellschaft - Kennzeichen digital divide - mit mehreren Aspekten münden. Als Konsequenzen sind Entwicklungen eines technischen Analphabetismus (techno-illiteracy) zu befürchten:
- Auf internationaler Ebene entsteht eine Klassenteilung von Industrie- bzw. Kommunikationsgesellschaften und Entwicklungsgesellschaften (global divide).
- Auf nationaler Ebene entsteht eine Klassenteilung informationsreicher und informationsarmer Gesellschaftsgruppen (social divide).
- Auf beiden Ebenen entsteht eine Klassenteilung zwischen der Mehrheit von "inkompetenten" und "unqualifizierten" ICT-Konsumenten und der Minderheit von kompetenten Bürgern, die ICTs aktiv für politische Bildung, Engagement und Partizipation nutzen (democratic divide).
Es droht die Spaltung in "information rich and poor"
Die Chance einer Nutzung von ICTs für eine weltweite Demokratie und die Stärkung der Zivilgesellschaft ist derzeit nur theoretisch. Praktisch droht die Spaltung in eine nationale und internationale Klassengesellschaft. Die Klassen sind "user" mit und "loser" ohne ausreichenden Zugang und Kompetenz für via ICTs vermittelte Informationen. Wir leben in einer Welt der privilegierten information rich und der unterprivilegierten information poor. |
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10. Februar 2012
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