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Beitrag

Katholische Kirche und Globalisierung


Christoph Strack
Inhalt

Einleitung

Kirchliche Aussagen zur ökonomischen Herausforderung

Kirchliche Praxis eigener Globalisierung

Einleitung
Mit dem Begriff Globalisierung schien die katholische Kirche lange Zeit zu fremdeln. Das macht schon ein Blick in die Neuauflage des "Lexikon für Theologie und Kirche" (LThK), des wichtigsten Nachschlagewerkes innerhalb der katholischen Theologie, deutlich. Bei der jetzt abgeschlossenen Neuauflage fehlte im 1995 erschienenen Band 4 zwischen "Glenstal" und "Glocke" das Stichwort "Globalisierung" noch gänzlich. Erst im abschließenden Band 14 mit Nachträgen und Registern, 2001 druckgelegt und vor kurzem erschienen, taucht dann, recht ausführlich, der Begriff in unterschiedlichen Perspektiven auf. Dabei wird er eingeleitet als "ein um 1990 aufgekommener zeitdiagnostischer Begriff der Modernisierungssemantik".

Zur Person
Christoph Strack, geboren 1961, studierte Theologie in Bonn und Jerusalem. Der Diplomtheologe arbeitet seit 1988 bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Seit 2000 ist er Leiter des Hauptstadtbüros in Berlin.

Der lexikalische Befund einer (zu) späten Auseinandersetzung mit dem Phänomen Globalisierung mag symptomatisch sein für die katholische Kirche, die sich als "Weltkirche" in der "Ökumene" (griechisch wörtlich: dem ganzen bewohnten Erdkreis) versteht. Sicher, sie gilt einerseits als das erste Weltunternehmen der Weltgeschichte mit einem festgeschriebenen Missions- und Universalisierungsauftrag. Papst Johannes Paul II. (seit 1978 im Amt) wurde spätestens mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme Mittel- und Osteuropas längst nicht nur wegen seiner ausgedehnten Reisetätigkeit als "global player" bezeichnet. Als das Kirchenoberhaupt im Jahr 2003 bei den friedensethischen Diskussionen im Vorfeld des Irak-Krieges zu der prominenten Stimme innerhalb der Weltgemeinschaft (und von manchem als Pazifist vereinnahmt) wurde, wuchs ihm daneben aus der Feder eines konservativen süddeutschen kirchlichen Verlegers der später preisgekrönte Titel "global prayer" zu.

Distanz zu säkularen Antiglobalisierungsbewegungen

Andererseits scheint sich Kirche aus unterschiedlichen Gründen manchmal schwer zu tun mit den populären säkularen Globalisierungs- oder auch Antiglobalisierungsbewegungen:

1. Schon lange vor dem Aufkommen des weltgesellschaftlichen Phänomens der Globalisierung kam es zur kirchlichen Globalisierung mit anderen, gleichwohl vergleichbaren Zügen: Im 19. und 20. Jahrhundert nahm die Ausprägung eines kirchlichen Zentralismus zu, der zum Teil mit Dogmen (Unfehlbarkeit, jungfräuliche Empfängnis Mariens), zum Teil mit Entscheidungsdominanz einherging und -geht. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) ist letztlich auch als Reaktion auf diese oder weitere Etappe dieser Auseinandersetzung einzuordnen.

2. Im Gefolge des Konzils und im Sinne des Zentralismus gab es seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wiederholt Konflikte um regional entstehende Theologien, die die pastorale wie die soziale Botschaft des Evangeliums in eine konkrete Lebenswirklichkeit inkulturieren und durchdeklinieren wollten. Das bekannteste Beispiel ist der Streit um die "Theologie der Befreiung" Lateinamerikas, die nach 1980 massiv gemaßregelt wurde (Es sei hier nur knapp gesagt, dass es innerhalb dieser theologischen Bewegung angesichts einer fast ohnmächtig empfundenen strukturellen Gewalt sicherlich Fehlentwicklungen gab. Dabei gab und gibt es aber sicher ein in der Breite der Pastorale, der Gemeinden und der Kleriker verwurzeltes Bewusstsein, das unzweifelbar in der Treue zur kirchlichen Botschaft und auch zum Amt steht; die Zahl der so genannten Basisgemeinden in Südamerika ist schier unüberschaubar. Die "Vorrangige Option für die Armen", die zum zentralen Begriff der Befreiungstheologie wurde, ist und bleibt nach Meinung vieler Experten ein "Markenzeichen" der katholischen Kirche Lateinamerikas. Die Redeweise von der "Option" war 1979 beim Treffen des Lateinamerikanischen Bischofsrates (Celam) im mexikanischen Puebla erstmals kirchenoffiziell formuliert worden; den Boden bereitet hatte dafür ein historisches Bischofstreffen im kolumbianischen Medellin 1968). Neben dieser lateinamerikanischen Variante kam es – beispielsweise in Asien, aber auch und sogar regionalisiert in einzelnen Teilen Afrikas – zu anderen Formen kulturell ausgeprägter Theologien, die gleichfalls mit römischem Druck zu kämpfen hatten. Und auch mancher kirchliche Konflikt in Mitteleuropa steht für die Suche nach einer theologischen Antwort auf die Vorgabe bürgerlicher Gesellschaft.

3. Zugleich kommt es während der vergangenen Jahrzehnte zu einer statistischen Veränderung in der Kirchenstruktur, deren Ende nicht absehbar ist: Der katholische Christ 2004 lebt eher in Lateinamerika als in Europa, spricht eher Spanisch als irgendeine andere Weltsprache, gehört eher zu einer unterprivilegierten denn zu einer bürgerlichen Schicht.

4. Auf all diese Bereiche (1. bis 3.) haben jene Bedingungen der Kommunikation, der Vernetzung und der Infrastruktur, die "Globalisierung" erst möglich gemacht haben, nachhaltige Auswirkungen. Die über 100 Reisen des Papstes sind dafür das beste Beispiel. So kann man heute gewiss aus wo-auch-immer per E-Mail als nicht rechtgläubig erachtete Aktivitäten bei der vatikanischen Zentrale denunzieren; genauso prompt findet aber auch ein nur begrenzter theologischer Streit zwischen einem Wissenschaftler und einem Bischof in Lateinamerika Aufsehen in europäischen Medien und ermuntert Solidaritätsbekundungen. Und die Mitglieder kirchlicher Orden, die in vielen Krisenregionen der Welt – gleich ob Afghanistan, Algerien, Sudan oder Kolumbien – tätig und bei einer Eskalation der Lage gelegentlich noch als letzte ausländische Beobachter vor Ort sind, haben heute schier ungeahnte Möglichkeiten, in aller Welt Solidarität im Gebet oder im politischen Protest zu organisieren.

All das macht deutlich, dass die ökonomischen Aspekte – vom multinationalen Unternehmen über Neoliberalismus bis zum Zusammenbruch überkommener Märkte – aus kirchlicher Sicht nur ein Teilbereich der Globalisierungsdebatte sind. Sie sollen im folgenden gleichwohl als erstes behandelt werden.

März 2004
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10. Februar 2012
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