Die bpb

13.8.2002

Das Berlinseminar

Fester Bestandteil der Ausbildung bei der bpb ist eine einwöchige Reise durch die Hauptstadt. Die Auszubildenden des Jahrgangs 2005 haben hier ihre Eindrücke festgehalten.

Für die Auszubildenden des zweiten Ausbildungsjahres des Köln/Bonner-Ausbildungsverbundes wird regelmäßig ein einwöchiges Berlin-Seminar organisiert. An den Vor- und Nachmittagen wird ein Programm mit Besuchen von Regierungseinrichtungen, Museen und Gedenkstätten geboten, die Abende stehen zur persönlichen Erkundung Berlins zur Verfügung. Der folgende Bericht über das Seminar im Juni 2005 stammt von den Auszubildenden selbst.

Montag, 13. Juni 2005

Nachdem wir Montag nachmittag in Berlin angekommen sind, haben wir erstmal unsere Zimmer bezogen und unsere Koffer ausgepackt, denn für den ersten Programmpunkt hatten wir noch
empty-imageDer Potsdamer Platz (© (c) bpb 2005 )
einige Minuten Zeit. Das Montagsprogramm bestand aus einer geführten Stadtrundfahrt im Reisebus. Auf der rund zweieinhalbstündigen Fahrt haben wir viel von Berlin gesehen und gehört. Wir fuhren über den Kurfürstendamm an der Gedächtniskirche vorbei, sahen den Alexanderplatz und das KaDeWe. Nach einer Pause am Gendarmenmarkt, wo das Berliner Schauspielhaus zwischen dem Deutschen und dem Französischen Dom steht, ging es weiter über den Tiergarten und das neue Regierungsviertel zurück zum Hotel. Schon am ersten Tag erhielten wir eine Menge unterschiedlichster Eindrücke von Berlin.

Dienstag, 14. Juni 2005

empty-imageDie Mauer (© (c) bpb 2005 )
Dienstag vormittag besuchte unsere Gruppe das Informations- und Dokumentationszentrum der "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik" (BStU), Marianne Birthler. Neben einem Vortrag über die Überwachungspraktiken wurde auch ein ehemaliger Lehrfilm der Stasi gezeigt, der deutlich machte, wie groß und gut strukturiert die Stasi war. Danach nahmen wir an einer Führung durch die Ausstellung des Hauses teil, die uns die "nahezu lückenlose Überwachungs-, Manipulations- und Verfolgungsmaschinerie der SED-Diktatur" eindrücklich näherbrachte.

Durch unseren Besuch lernten wir viel über die Aufgaben der BStU. In den Archiven der Behörde werden die Unterlagen der ehemaligen Geheimpolizei und des Nachrichtendienstes der DDR aufbewahrt und nach den Vorschriften des Stasi-Unterlagen-Gesetzes (StUG) der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Mit rund 180 Kilometern Unterlagen ist es eines der größten Archive Deutschlands.

Eine Aufgabe der BstU ist die Rekonstruktion zerstörter Stasi-Unterlagen. Bei der Besetzung der Stasi-Zentralen im Januar 1990 wurden ca. 16.000 Säcke mit zerrissenen Unterlagen und Karteikarten, abgewickelten Tonbändern und Filmen, zerschnittenen Fotos und deren Negativen sichergestellt. Die zerstörten Unterlagen werden derzeit wie ein großes Puzzle wieder per Hand
empty-imageBundeskanzler Schröder beim Staatsbesuch des portugiesischen Premierministers Socrates
zusammengesetzt. Bis jetzt konnte so erst der Inhalt von rund 260 Säcken wieder rekonstruiert werden. Da diese manuellen Rekonstruktionsarbeiten noch Jahrhunderte dauern würden, werden die Papierschnipsel in Zukunft eingescannt und dann per PC zusammengesetzt.

Am Nachmittag wurden wir dann durch das neue Bundeskanzleramt am Spreebogen geführt und erhielten die Gelegenheit, dem ersten offiziellen Staatsbesuch des portugiesischen Premierministers Socrates beizuwohnen - und durch das Ehrenbatallion der Bundeswehr hindurch einige Fotos schießen. Nachdem die Nationalhymnen Portugals und Deutschlands gespielt worden waren, Bundeskanzler Schröder und Premier Socrates im Bundeskanzleramt verschwanden und das Ehrenbataillon abzog, war auch unser Besuch im Bundeskanzleramt beendet.

Mittwoch, 15. Juni 2005

Der Vormittag gehörte dem Bundesrat, untergebracht in einem 1735 erbauten alten preußischen Herrenhaus, das unter anderem als Fabrik, als Wohnsitz der jüdischen Familie Mendelssohn-Bartholdy und als preußischer Staatsrat diente. Während unserer Führung erfuhren wir, welche Aufgaben der Bundesrat hat: Stellungnahmen zu Regierungsentwürfen, Anrufung des Vermittlungsausschusses, Entscheidung über Zustimmungsgesetze, Mitwirkung bei Einspruchsgesetzen, eigene Gesetzentwürfe, Rechtsverordnungen, Zustimmung zu Allgemeinen Verwaltungsvorschriften, Vorlagen der Europäischen Union, die Mitwirkung in auswärtigen Angelegenheiten und Informationsansprache.

empty-imageDer Deutsche Bundesrat
Bei Abstimmungen richtet sich die Stimmenzahl jedes Bundeslandes nach seiner Einwohnerzahl. Jedes Land hat mindestens drei Stimmen, vier Stimmen bei mehr als zwei Millionen Einwohnern, fünf Stimmen bei mehr als sechs und sechs Stimmen bei mehr als sieben Millionen Einwohnern. Die regelmäßigen Sitzungen finden im Plenarsaal statt.

Mittags besuchten wir dann das Jüdische Museum Berlin. Dort konnten wir uns eine von drei Führungen aussuchen: "Jüdisches Leben, jüdische Traditionen", "Reaktionen deutscher Juden auf den Nationalsozialismus" oder "Aufbruch in die Moderne". Wir entschieden uns für die zweite.

Zunächst ging es in das Untergeschoss des Libeskind-Baus. Dort kreuzen sich drei unterirdische Achsen, welche für drei Aspekte der Juden im Nationalsozialismus stehen. Die längste Achse ist die Achse der Kontinuität. Sie geht vom Altbau zur Haupttreppe, die steil nach oben führt, und soll den Weg in die Gegenwart und eine ungewisse Zukunft darstellen. Eine weitere Achse führt in den Garten des Exils. Die dritte Achse ist eine Sackgasse, die im Holocaust-Turm endet. In allen drei Achsen sind die Wände leicht schräg, der Boden uneben.

Auf der Achse in den Garten zum Exil wird der Gang schmäler und niedriger. An den Wänden stehen Namen diverser Städte, in die die Juden während der nationalsozialistischen Diktatur flohen. Im Garten des Exils stehen 49 Betonsäulen, aus denen an der Spitze in sechs Metern Höhe Ölweiden herauswachsen. Die Säulen stehen schräg. Sie sollen zeigen, dass im Exil alles neu und unbekannt erscheint.

In den oberen Ausstellungsräumen wurden die Anfänge und der schreckliche Alltag der Judenverfolgung erläutert. Durch die vielen Ausstellungsstücke, Schriftstücke damals lebender Juden und die gute Vermittlung durch die Mitarbeiter des Museums lernten wir Probleme der damaligen Zeit kennen, die uns bis dahin noch gar nicht bewusst waren.

empty-imageDer Deutsche Bundestag
Nachmittags besuchten wir den Deutschen Bundestag im alten Reichstagsgebäude. Das Parlament, die vom Volk gewählte Volksvertretung, ist das höchste Verfassungsorgan. Neben der Wahl des Bundeskanzlers und der Gesetzgebung ist das Parlament auch maßgeblich an der Wahl des Bundespräsidenten beteiligt. Der Deutsche Bundestag wird oft als "Forum der Nation" bezeichnet. Er ist das höchste nationale Diskussions- und Repräsentationsforum. Hier wird über alle wichtigen politischen Themen diskutiert, wie Schwangerschaftsabbruch, Gentechnik oder Deutschlands Rolle beim Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Auch Vertreter anderer Nationen und internationaler Organisationen sprechen regelmäßig vor dem Parlament, so schon George W. Bush, Kofi Annan, Wladimir Putin oder Jacques Chirac. Wir konnten im Plenarsaal von der Besuchertribüne aus eine Debatte über Verbraucherschutz verfolgen. Anschließend besichtigten wir die neue Glaskuppel des Reichstaggebäudes.

Donnerstag, 16. Juni 2005

Am letzten Tag des Berlinseminars besuchten wir zwei überaus wichtige Orte deutscher Geschichte, die Gedenkstätte Deutscher Widerstand sowie die Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen.

empty-imageGedenkstätte Deutscher Widerstand
Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand befindet sich im Berliner Bezirk Mitte im Bendlerblock, dem historischen Ort des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944. Die Geschichte des Gebäudes war hauptsächlich vom Militär bestimmt. Im Bendlerblock wurde unter anderem die deutsche Flottenrüstung geplant; Hitler hielt hier seine Ansprache "Lebensraum im Osten". Nichtsdestotrotz ist der Ort als Mittelpunkt eines Putschversuchs gegen das nationalsozialistische Regime bekannt geworden.

Die Führung begann auf dem Innenhof des Benlderblocks. Mit seinen Ehrenmal, einer Bronzefigur sowie einer Tafel mit Inschriften der hier erschossenen Offiziere er ist die eigentliche Gedenkstätte.

In der zweiten Etage des Gebäudes informiert eine Ausstellung detailliert über die Motive und Ziele der Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus. Ihr wohl bekanntester Name ist Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Im Jahre 1943 wurde er zu einer treibenden Kraft im Kampf gegen Hitler.

Stauffenberg war schon früh ein Gegner der antisemitischen Politik; sein aktiver Widerstand begann allerdings erst, als er sich über die Folgen der deutschen Politik im Osten und des gesamteuropäischen Krieges klar wurde. Er stellte daraufhin Verbindung zu zivilen Verschwörern her, koordinierte Attentatspläne und entwarf mit verschiedenen Kreisen ein Programm, das nach der Ermordung Hitlers greifen sollte.

1944 kommt es dann zum tatsächlichen Attentat. In einer militärischen Lagebesprechung Hitlers im Führerhauptquartier sieht Stauffenberg seine Gelegenheit und platziert dort eine Bombe. Doch Hitler übersteht den Anschlag. Im falsch Glauben, Hitler sei tot, fliegt Stauffenberg nach Berlin, um von dort den Staatsstreich zu organisieren. Noch am selben Abend werden er und seine Mitverschwörer im Bendlerblock erschossen. Am 20. Juli 1952 wurde dort auf Anregung von Angehörigen der Widerstandskämpfer der Grundstein für ein Ehrenmal gesetzt.

empty-imageBlick ins ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen
Der letzte und für uns interessanteste Programmpunkt war eine Führung durch das ehemalige Stasi-Gefängnis Berlin Hohenschönhausen. Die Gedenkstätte wurde Anfang der 1990er Jahre auf Anregung der ehemaligen Häftlinge gegründet.

Der Gebäudekomplex besteht aus einem dreistöckigen Gefangenentrakt, einem Vernehmungstrakt sowie einem Haftkrankenhaus. Das Gelände ist von einer etwa vier Meter hohen Mauer mit drei Wachtürmen umgeben und liegt inmitten des ehemaligen militärischen Sperrbezirks. In den Stadtplänen der DDR war dieses Gelände lediglich als Leerfläche eingezeichnet.

Zu Beginn der Führung betraten wir das so genannte "U-Boot". Das noch aus sowjetischer Besatzungszeit stammende Gebäude wurde in den 1950er Jahren zur Unterbringung von 'Gegnern des Kommunismus' genutzt. Dieser Teil des Gefängnisses ist fensterlos. Es herrscht eine gruftänlichen Atmosphäre. Die Zellen sind extrem beengend und waren nur mit einer einfachen Holzliege und einem Eimer als Toilette ausgestattet. Während der Unterbringung in diesen Zellen brannte immer das Licht, Verhöre fanden meistens in der Nacht statt. Ehemalige Gefangene berichteten, dass ihnen durch tagelangen Schlafentzug, stundenlanges Stehen und den Aufenthalt in den so genannten Wasserzellen (Zellen, die mit Wasser geflutet werden konnten), Geständnisse abgezwungen wurden.

Durch eine Schleuse betraten wir den Ende der 1950er Jahre entstandenen Anbau des Gefängnisses, der etwa 200 Zellen und Vernehmungszimmer fasst. Hier wurden die Gefangenen für Monate, teilweise sogar jahrelang festgehalten. Statt physischer Gewalt setzte man hier eher auf psychische Zermürbung durch eine komplette Isolierung von der Außenwelt.

empty-imageEine Haftzelle in Hohenschönhausen
Während der gesamten Inhaftierung gab es keinen Kontakt zu Mithäftlingen. Die Fenster der Zellen bestanden aus Glasbausteinen und ließen somit keinen Blick nach draußen zu, die Häftlinge wurden bewußt darüber im Unklaren gelassen, wo sie sich befanden. So wurde ihnen unmissverständlich vermittelt, einem übermächtigen Staat ausgeliefert zu sein.

Die einzigen, mit denen die Häftlinge reden durften, waren die Beamten, die die Verhöre führten. Daraus entstand oftmals ein Vertrauensverhältnis zu dieser einzigen Bezugsperson, was die Vernehmungsbeamten sich zu Nutze machten. Oft unbewusst verrieten die Häftlinge Persönliches, von dem Rückschlüsse auf andere Personen gezogen werden konnten, die mit Fluchtversuchen oder 'antikommunistischen Verhaltensweisen' in Zusammenhang standen.

Der friedliche Umsturz im Herbst 1989 brachte das Ende der Stasi und des Gefängnisses in Berlin Hohenschönhausen. 1992 wurde die Haftanstalt unter Denkmalschutz gestellt, zwei Jahre später zur Gedenkstätte erklärt.

Abschließend möchten wir sagen, dass das Berlin-Seminar bei weitem kein einfacher Ausflug ist. Es ist eine Reise in die Deutsche Historie, die jungen Menschen die Möglichkeit bietet, die deutsche Nachkriegsgeschichte und die Vergangenheit der DDR zu erfahren. Dadurch, dass man die Stätten der Geschichte tatsächlich besucht und nicht nur in Berichten oder als Schulunterricht kennen lernt, kann man ein wirkliches Verständnis für die Vergangenheit entwickeln. Für die nachfolgenden Jahrgänge der Auszubildenden wäre es sicher ein Verlust, sollte diese Art der Veranstaltung künftig nicht mehr stattfinden.


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