Fahnenschwenker vor dem Brandenburger Tor am 17. Juni 1953.
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Gedenken und Erinnern


17.5.2013
In der alten Bundesrepublik war der 17. Juni bekanntlich seit 1954 als "Tag der deutschen Einheit" zum prekären Nationalfeiertag avanciert. Prekär, weil er dort gefeiert wurde, wo er nicht stattgefunden hatte, und die Bevölkerung im Laufe der Jahre zunehmend ins Grüne fuhr, statt den Reden zu lauschen, die im Bundestag und auf anderen Veranstaltungen in Städten und Gemeinden gehalten wurden. Und heute?

Blick in das Ostberliner Schauspielhaus während der Gedenkveranstaltung am 17. Juni 1990: Zur ersten gemeinsamen Feierstunde zum "Tag der deutschen Einheit" versammelten sich Abgeordnete beider deutschen Parlamente in Ostberlin.Die Gedenkveranstaltung am 17. Juni 1990 im Ostberliner Schauspielhaus: Zur ersten gemeinsamen Feierstunde zum "Tag der deutschen Einheit" versammelten sich Abgeordnete beider deutschen Parlamente in Ostberlin. (© picture-alliance)

Der ehemalige Streikleiter der Zeiss-Werke in Jena stellte Mitte der 60er Jahre auf einer Pressekonferenz in Westberlin als Repräsentant der in der Bundesrepublik lebenden Teilnehmer des Aufstandes voller Bitterkeit fest: "Bei der ersten Jahresfeier saßen wir noch in der ersten Reihe, ein Jahr später in der zwölften, und dann wollte man nichts mehr von uns wissen." Das traf, wenn auch überspitzt, die Situation und spiegelt zugleich eine Entwicklung, deren Darstellung und Analyse das Thema dieses Beitrages sein soll. Es geht also nicht um das Ereignis selbst, sondern um seinen Stellenwert im Geschichtsbild und Geschichtsbewusstsein, die wichtige Elemente in der politischen Kultur eines Landes sind. 

Dabei beschränke ich mich bis 1989 im wesentlichen auf Westdeutschland, weil nur hier die ganze Palette der Erinnerungskultur fassbar ist, während dieses Ereignis, das zu den Schlüsseldaten der DDR-Geschichte gehört, von der SED bekanntlich tabuisiert bzw. in grotesk verzerrter Form als vom Westen gesteuerter faschistischer oder konterrevolutionärer Putschversuch stigmatisiert wurde. Dass der 17. Juni gleichwohl ein traumatisch besetztes Datum war und blieb, und zwar für die Machtelite ebenso wie unter anderem Vorzeichen für die Aufständischen und die betroffene Bevölkerung, steht auf einem anderen Blatt. Persönliche Erfahrungen wurden gewissermaßen eingekapselt, erst 1989 konnte darüber offen gesprochen werden. Interne Quellen wie die Berichte des Ostbüros der SPD und mit anderem Vorzeichen der Stasi zeigen jedoch sehr deutlich, wie nachhaltig die Aufstandserfahrung zumindest in den 50er Jahren nachwirkte. Hingegen lohnt es nicht, das offiziöse, auf die genannten Formeln reduzierte Geschichtsbild der Staatspartei zu untersuchen. Es blieb auf frappierende Weise über die Jahrzehnte hinweg konstant (mit kleinen Varianten) und konnte auch in der publizierten Belletristik kaum andere Nuancen entfalten. Versuche, die Schablone zu durchbrechen, wie Stefan Heyms "Fünf Tage im Juni", fielen dem Zensor zum Opfer und konnten nur im Westen erscheinen.

Zunächst ein paar Vorüberlegungen zur Themenformulierung. Was Geschichtsbild und Geschichtsbewusstsein bedeuten und wie man sie methodisch erfassen kann, ist nicht nur eine akademische Frage. Mit dem Begriff der kollektiven Identität sieht es ähnlich aus. Er wird häufig verwandt, ist aber bei näherem Hinsehen so kompliziert, dass Lutz Niethammer am Ende einer umfangreichen Spurensuche dafür plädiert hat, auf diese blaue Blume zu verzichten und sich mit einer konkreten Verständigung über Zugehörigkeiten und Affinitäten zu begnügen.[1]

Eine wichtige Feststellung lässt sich vorweg treffen: es gibt Geschichtsbild und Geschichtsbewusstsein in einer pluralistischen Gesellschaft nur im Plural, als verschiedene, mehr oder minder feste oder vage Geschichtsbilder und als unterschiedliche Formen von Geschichtsbewusstsein, die jeweils bei unterschiedlichen sozialen Gruppen, Generationen und Individuen zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufzusuchen sind. Vier Möglichkeiten liegen nahe, um zu präziseren Aussagen über Geschichtsbilder zum Thema zu kommen:

  1. Die Analyse von Schulbüchern. Hier handelt es sich um Texte, die viele Diskussions- und Kontrollstufen durchlaufen haben, die zwar der Fachwissenschaft meist erheblich hinterherhinken, aber nicht ohne Bezug zu ihr sind, und die über weit verbreitete Bilder, aber auch über politisch und gesellschaftlich gewünschte Urteile viel aussagen;
  2. die Untersuchung von Reden, Feiern und Veranstaltungen der politischen Klasse, die einige Aufschlüsse über die politische Kultur, über Geschichtspolitik und Erinnerungskultur eines Staates geben. Auch hier stößt man naturgemäß schnell an die Grenzen der Untersuchungsmöglichkeit, weil das Feld prinzipiell uferlos ist;
  3. die Analyse der in den Massenmedien (Tagespresse, Illustrierte, Rundfunk, Wochenschauen) veröffentlichten Meinung, die sich nicht unbedingt mit der öffentlichen Meinung, die von den Demoskopen aufgespürt wird, deckt. Beides zu betrachten, ist wichtig, aber u.U. extrem aufwendig und nur selten genauer quantifizierbar;
  4. die Befragung der Historiographie. Das ist die relativ einfachste und zumindest insofern ergiebigste Methode, als sie - ohne ihren tatsächlichen Einfluss überschätzen zu wollen - eine wesentliche Grundlage auch der drei anderen genannten Quellenarten bildet. Als These lässt sich aus meiner Sicht formulieren: 


Die Inhalte der Darstellungen und Bilder zum 17. Juni haben sich weniger stark verändert, als manche öffentlichen Debatten heute suggerieren, die Gewichtungen und Urteile dagegen haben sich erheblich verschoben. 

1. Zu Schulbüchern liegen erstaunlicherweise kaum Untersuchungen vor. In jüngeren Büchern aus den 90er Jahren ist der Aufstand stets prominent vertreten. Die Begriffe weisen eine breite Streuung auf: Aufstand, Volksaufstand, Arbeiteraufstand, Aufruhr gegen das System. Die sowjetische Intervention, die Verfolgung der Aufständischen werden durchweg genannt, der offizielle Gedenktag in der Bundesrepublik nur selten.[2]

Probeweise Tests in älteren Schulbüchern zeigen, dass der 17. Juni meist erwähnt wird, in ganz knappen Darstellungen der Nachkriegsentwicklung allerdings manchmal auch in der systematischen Gliederung entfällt. Insgesamt ist jedoch ohne eine umfassende genaue Analyse aus diesem Bereich wenig Honig zu saugen. 

2. Ähnliches gilt für die veröffentlichte Meinung. Es gibt meines Wissens keine ausführliche Presse- oder gar Rundfunk- und Fernsehanalyse zu dieser Thematik. Es wird jedoch keine zu kühne Vermutung sein, dass sich hier prinzipiell, wenn auch in einer größeren Bandbreite, ähnliche Bilder und Akzentverschiebungen feststellen lassen wie für die Historiographie und die politischen Debatten und öffentlichen Gedenkreden. Das Jahrbuch für öffentliche Meinung aus Allensbach (1947-1955) hat immerhin eine Rubrik "Geschichtsbild", in der sich interessante Daten zu historischen Leitfiguren, zur Weimarer Republik, zum NS u.a. finden lassen. Unter "Miscellen" steht dort auch die Frage vom Juli 1953: "Finden Sie, dass die Opfer des Aufstandes in Ost-Berlin und in der Ostzone ihr Leben umsonst eingesetzt haben oder hat ihr Einsatz für Deutschland einen Sinn gehabt?" Die Antworten lauteten: 58% ja, hat einen Sinn, 19% umsonst, 23% weiß nicht.[3] Im Jahrgang 1957 ist der Aufstand nicht mehr zu finden. Es mag sein, dass es aus späteren Phasen demoskopisches Material gibt, herausragend ist das Ereignis jedoch in einschlägigen Büchern mit Daten zur politischen Kultur nicht vertreten. 

Ganz anders sieht das bei öffentlichen patriotischen Aktivitäten und bei den Debatten des Bundestages aus, über die es bereits eingehende zusammenfassende Analysen gibt. In den ersten Wochen nach dem Aufstand war das historische Ereignis im Westen überall präsent: in Hunderten von Kommentaren, Artikeln, Berichten. Im Wahlkampf - am 6. September 1953 war Bundestagswahl - spielte es eine wichtige Rolle. Illustrierte druckten eindrucksstarke Fotoserien mit den Bildern, die heute allgemein bekannt sind. Ein Weißbuch der Bundesregierung rekonstruierte einen genauen Ereignisverlauf anhand von Augenzeugenberichten. Die "Bundeszentrale für Heimatdienst" verbreitete Veröffentlichungen dazu in hohen Auflagen. Die Zahl privater Zeitzeugenberichte schwoll schnell an. Es entstand, so hat Edgar Wolfrum das neue schriftstellerische Genre charakterisiert, "eine merkwürdige Mischung aus Erlebnisbericht, Geschichtsbuch, Unterhaltungsliteratur und politischer Analyse, deren einigendes Band der zeittypische Antikommunismus war."[4] Reißerische Sprache und aufgeblähtes Pathos gehörten häufig dazu. Oft schwang Erleichterung in den Berichten mit, dass die Bewohner der "Zone" trotz massiver ideologischer Beeinflussung Deutsche und freiheitsliebende Menschen geblieben waren. Ein für unsere Frage nach dem Geschichtsbild aufschlussreiches Genre sind die Bundestagsdebatten und Feierstunden zum Tag der nationalen Einheit. 

3. Beginnen kann man mit der Bundestagsdebatte, die sich an Adenauers Regierungserklärung vom 1. Juli 1953 anschloss. Darin versuchte der Kanzler, vom Aufstand in der DDR einen Bogen zu seiner Politik der Westintegration zu schlagen. Die Unterstützung der Westmächte werde die Wiedervereinigung bringen und so das Vermächtnis der Aufständischen einlösen. Herbert Wehner dagegen sah in seiner erregten Entgegnung in der Erhebung die Bestätigung der SPD-Politik, die Besatzungsmächte zu intensiveren Anstrengungen um die Wiedervereinigung zu drängen. Tumultartige Szenen begleiteten dann Willy Brandts Rede. Für ihn war es ein Aufstand der Arbeiterklasse, in dem sich soziale und nationale Ziele verbanden. Es sei jedoch nirgendwo der Ruf nach Anschluss an die Bonner Republik laut geworden. Sozialismus war für Brandt auch ein nationales Emanzipationsprojekt. Die Erregung erreichte einen Höhepunkt, als Brandt in einer scharfen Wendung gegen die Regierung von den aufständischen Arbeitern sagte: "Sie wollen demokratisieren, nicht restaurieren."[5] Auch in den zeitnahen Aktionen des DGB rückte der 17. Juni in die Traditionslinie der sozialistischen Arbeiterbewegung. In vielen Varianten wurde das Grundmuster der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Deutung des Aufstandes sichtbar: eine Art sozialdemokratische Doppelrevolution gegen den kommunistischen Totalitarismus und gegen den restaurativen kleindeutschen Bonner Teilstaat.[6]

Der FDP-Vorsitzende Dr. Erich Mende hält am 17.06.1963 anlässlich der Gedenkveranstaltung zum Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni in der Frankfurter Paulskirche eine Rede.Am 17.06.1963 hält der damalige FDP-Vorsitzende Erich Mende anlässlich der Gedenkveranstaltung zum Volksaufstandes in der DDR in der Frankfurter Paulskirche eine Rede. (© picture-alliance)
Mit wachsender zeitlicher Entfernung vom Ereignis und mit der außen- und gesellschaftspolitischen Umorientierung der SPD verschwand diese sozialistische Deutungskomponente. Die nationale Substanz des Feiertags aber wurde ebenfalls immer dünner. Schon vor dem Mauerbau, der ja deutschlandpolitisch auch einer großen Desillusionierung gleichkam, gab es endlose öffentliche Debatten darüber, wie man den Tag angemessen und würdig begehen solle. Bundespräsident Heinrich Lübke machte deshalb 1963 den 17. Juni zum "Nationalen Gedenktag des deutschen Volkes" - veröffentlicht im Bundesgesetzblatt. "Die Redlichkeit unserer Gesinnung", hieß es darin, "wird daran gemessen werden, wie wir den Tag der deutschen Einheit begehen. Dieser Tag darf nicht den Feiertagen zugerechnet werden, die zur Entspannung, Erholung oder gar dem Vergnügen dienen". 

Das war ebenso ehrlich und gut gemeint wie illusorisch. Denn die "deutsche Frage" verlor mit der unübersehbaren und unaufhaltsamen Vertiefung der Teilung für die breite Bevölkerung Westdeutschlands, die sich zunehmend in ihrer Doppelhaushälfte einrichtete, an politischer und emotionaler Brisanz und geriet zu einem künstlichen Gebilde. Der "Spiegel" brachte bereits 1960 die bis zur Inhaltsleere abgedroschene Politiker-Formel "Einheit in Freiheit" in einer Reportage zum 17. Juni bissig auf den Titel "Einheit in Freizeit".[7]  


Fußnoten

1.
Lutz Niethammer/Alexander von Plato/Dorothee Wierling, Die volkseigene Erfahrung. Eine Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR, Berlin 1991.
2.
Wolfgang Jacobmeyer, DDR-Geschichte im Hauptschulbuch der Bundesrepublik, in: Arnd Bauerkämper/Martin Sabrow/Bernd Stöver (Hg.), Doppelte Zeitgeschichte. Deutsch-deutsche Beziehungen 1949-1990, Bonn 1998, S. 168-78.
3.
Institut für Demoskopie Allensbach (Hg.), Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1947-1955, S. 386.
4.
Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland, Darmstadt 1999, S. 70.
5.
Ebd., S. 87.
6.
Ebd., S. 92.
7.
Ebd., S. 204f.

 

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