Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.

16.11.2004

Die Medien öffneten die Mauer

Hans-Hermann Hertle, Historiker

Der Historiker Hans-Hermann Hertle sieht zwei Gründe für den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. Zum einen lag es vor allem an der Berichterstattung der Medien und zum anderen war das Verhalten der Grenzsoldaten vor Ort dafür verantwortlich.

Der Historiker sieht zwei Gründe für den Fall der Mauer: Die Medien-Berichterstattung sowie das Verhalten der Grenzsoldaten vor Ort. (© Bundeszentrale für politische Bildung)

Textversion des Video-Interviews

Beabsichtigt war mit der Reiseverodnung des Ministerrates, dass DDR-Bürger reisen und ausreisen durften, aber nach wie vor mit einem Visum. Und um ein Visum zu erlangen, bedurfte es eines Reisepasses. Schabowski hat auf seiner Pressekonferenz ja nicht mitgeteilt: Die DDR-Grenze ist offen, sondern hat kundgetan, dass Reise- und Ausreisemöglichkeiten geschaffen werden, aber unter diesen Bedingungen.

Nur indem die Medien dann Schabowskis zum Teil doch sehr schwieriger und unverständlicher Äußerung eine Richtung gegeben haben, ist eine Eigendynamik entstanden. Und indem – vor allen Dingen die Ostberliner – aufgebrochen sind, um zu testen, ob die Grenzen offen sind, haben sie die Grenze im Prinzip gestürmt. Die Grenzwächter unmittelbar an den Übergängen hatten in der Tat keinerlei Befehle, keinerlei Weisungen. Die ersten Weisungen, die sie dann bekamen, als die ersten sich einfanden an den Grenzübergängen, waren, sie sollten die Grenzübergänge halten. Das haben sie eine Zeit lang versucht, dann war aber im Laufe des Abends – und vor allen Dingen nach den entsprechenden Sendungen im ZDF und vor allen Dingen in der ARD – der Druck so stark, dass sie keine andere Möglichkeit mehr sahen als zurückzuweichen. Das waren eigenständige Entscheidungen der Passkontrolleure und der Grenzsoldaten vor Ort an den Übergängen. Sie hatten es erlebt, dass Ungarn die Grenze zu Österreich öffnete und DDR-Bürger über Ungarn ausreisen durften. Dann kam als nächster großer Einschnitt der 4. November, als DDR-Bürgern erlaubt wurde, über die CSSR in die Bundesrepublik auszureisen. Sie waren aber praktisch in Berlin und an der innerdeutschen Grenze immer noch verdonnert, Ausreisewillige oder einfach nur Reisewillige zurückzuweisen und zur Not auch Fluchten gewaltsam zu verhindern. Das machte alles keinen Sinn mehr.

Zum Zusammenbruch der DDR haben verschiedene Faktoren beigetragen. Das Entscheidende letzten Endes war, dass die Sowjetunion nach dem Mauerfall irgendwann einsehen musste, dass die DDR nicht mehr zu halten war. Und dieses Einsehen beruhte wiederum auf verschiedenen Faktoren. Einer der wichtigsten war die wirtschaftliche Krise der DDR. Die DDR stand vor der Zahlungsunfähigkeit. Mit dem Mauerfall hatte die DDR praktisch gegenüber dem Westen ihre letzte kreditwürdige Immobilie verloren. Es gab in der DDR immer noch die Vorstellung, man könne die Mauer und das Durchlässigmachen der Mauer gewissermaßen verkaufen und im Gegenzug dadurch von der Bundesregierung finanzielle, wirtschaftliche Hilfe bekommen. Als die Mauer dann gefallen war, wurden aus Bonn – von der Bundesregierung unter Helmut Kohl – aber ganz klar politische Forderungen gestellt als Voraussetzung für wirtschaftliche Hilfe. Zu diesen Forderungen gehörte zum Beispiel die Aufgabe des Führungsanspruchs der SED, es gehörte dazu die Zulassung von Parteien und Oppositionsbewegungen. Und dieser ursprüngliche Gedanke der DDR-Oberen, für die Mauer und das Durchlässigmachen der Mauer noch Gegenleistungen zu erzielen, waren dadurch praktisch verloren gegangen.


Themenseite

Zwischenbilanz der Deutschen Einheit

Seit dem 5. Februar 2018 ist die Mauer länger nicht mehr existent, als sie faktisch Berlin und symbolisch Deutschland und Europa teilte: 28 Jahre, drei Monate und 26 Tage lang. Diese Themenseite beleuchtet Facetten des Einheitsprozesses: Was geschah am 3. Oktober 1990? Wie hat sich das wiedervereinigte Deutschland seitdem entwickelt und was denken Bürger des Landes mittlerweile über den Fortgang der Deutschen Einheit?

Mehr lesen

Online-Angebot

Chronik der Mauer

28 Jahre war die Berliner Mauer Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. In zeitlicher Abfolge werden Ursachen, Verlauf und Folgen von Mauerbau und Mauerfall durch Texte, Film- und Tonmaterial, Fotos und Zeitzeugeninterviews dargestellt.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart: Wirklichkeit wird geschönt, Kritik unterdrückt, Oppositionelle werden verfolgt und gebrochen.

Mehr lesen

Sammel-Dossier

Der Kalte Krieg

Mehr über die historischen Hintergründe der deutschen Teilung - eingebettet in den Kalten Krieg der Supermächte nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mehr lesen

Online-Angebot

Jugendopposition in der DDR

Ausgezeichnet mit Grimme Online Award: Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Videos, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Am 31. August 1990 unterzeichneten Bundesinnenminister Schäuble und DDR-Staatssekretär Krause den Vertrag über die Herstellung der Einheit Deutschlands. Auf rund 1.000 Seiten regelt der Einigungsvertrag die rechtlichen Grundlagen für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland.

Mehr lesen

Go West! Von Ost-Berlin nach New York und dann Richtung San Francisco – die Geschichte einer abenteuerlichen Reise im Jahr 1989. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de