Dossierbild Kontraste

30.9.2005 | Von:
Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk

Nichts geht mehr - Wo sind die Reformer?

Gibt es in der DDR Aussicht auf Reformen? Wer wird sie gestalten? Viele Menschen sehen keine Chance mehr und wollen in den Westen. Kontraste beschreibt die Situation in der DDR wenige Wochen vor der friedlichen Revolution.

Menschenkette: Seit Ende der 1980er Jahre nimmt die Zahl der Oppositionellen in der DDR stetig zuMenschenkette: Seit Ende der 1980er Jahre nimmt die Zahl der Oppositionellen in der DDR stetig zu (© KONTRASTE, Rundfunk Berlin-Brandenburg)
Die Krise in der DDR hatte sich über Monate hinweg immer mehr zugespitzt. Seit etwa 1987 war die Opposition kaum noch aus den Schlagzeilen westlicher Medien herausgekommen. Das verdankte sie zumeist weniger ihren eigenen Aktivitäten, sondern zunächst den Verfolgungsmaßnahmen von SED und MfS, die dann wiederum Aktionen der Opposition hervorriefen. Der tiefen Gesellschaftskrise in der DDR standen die Machthaber ratlos und konzeptlos gegenüber. Der Strom der Ausreisenden, Flüchtlinge und Ausreisewilligen schwoll immer mehr an.

Die ökonomischen Probleme waren immens und nicht mehr beherrschbar. Und auch der große Bruder, die Sowjetunion, war nicht mehr das, was er einmal bedeutete.

Die SED fühlte sich von Feinden umgeben, zumal die Ungarn und Polen ganz langsam Abschied vom Kommunismus nahmen. Als in der Nacht vom 3. bis zum 4. Juni 1989 die chinesischen Kommunisten nach Angaben der Protestierenden bis zu 3.000 friedliche chinesische Demonstranten auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens mit Panzern und anderen Waffen umbrachten und etwa doppelt so viele verletzten, bekamen die chinesischen Herrscher nur aus ganz wenigen Ländern unüberhörbaren Beifall für dieses Massaker. Eines dieser wenigen Länder war die DDR. Deren Opposition protestierte gegen diese Haltung und solidarisierte sich mit der Demokratiebewegung Chinas. Die Panzer Chinas aber erinnerten an die Panzer in der DDR 1953, in Ungarn und Polen 1956, in der CSSR 1968 und wiederum in Polen 1970 und 1980/81.
Viele Menschen sehen keine Chance mehr und wollen in den Westen. KONTRASTE beschreibt die Situation in der DDR wenige Wochen vor der friedlichen Revolution. (© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung und RBB)

Der Gang zum mündigen Bürger

Die Opposition begann dennoch, sich im Sommer 1989 in Bürgerbewegungen und neuen Parteien zu formieren mit dem Ziel, die Gesellschaft zu demokratisieren. Die SED versuchte mit neuen Angeboten gegenzuhalten, konnte aber nicht mehr schnell genug reagieren. Die Bevölkerung war ihrer Herrschaft überdrüssig. Zehntausende flohen in den Westen, Tausende besetzten die bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau.

Die Hoffnung war illusorisch, dass sich Wissenschaftler nur mit dem SED-Parteibuch getarnt hatten und nun mit Konzepten hervortreten und sagen würden, wie die Gesellschaft demokratisiert werden könnte. Mehltau, der über dem Staat jahrzehntelang gelegen hatte, hatte auch die Köpfe vieler Menschen lahm gelegt. Es dauerte seine Zeit, den Weg von der Forderung nach Mündigkeit und dem "aufrechten Gang" zum mündigen Bürger und geraden Rücken zurückzulegen. Die Revolution von 1989 hatte eine sehr lange Vorgeschichte, kam für die Akteure ganz überraschend und war vor allem schneller erfolgreich als von irgendjemandem vorausgesagt. Die Opposition hatte ihren Teil dazu beigetragen, selbst wenn manche Oppositionelle sich gar nicht als Oppositionelle begriffen hatten.


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