Dossierbild Kontraste

30.9.2005 | Von:
Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk

Die Wahrheit muss raus - Bekenntnisse einer Stasi-Agentin

Als inoffizielle Mitarbeiterin des MfS spionierte Monika Haeger über acht Jahre die Berliner Oppositionsbewegung aus. Nach dem Mauerfall stellt Kontraste sie zur Rede und legt die Gedankenwelt eines Spitzels offen.

Bittere Offenbarungen: die ehemalige Stasi-Kundschafterin Monika HaegerBittere Offenbarungen: die ehemalige Stasi-Kundschafterin Monika Haeger (© KONTRASTE, Rundfunk Berlin-Brandenburg)
Die "Initiative Frieden und Menschenrechte" (IFM) zählte in den 1980er Jahren neben den "Frauen für den Frieden" und der "Jenaer Friedensgemeinschaft" zu den wichtigsten Oppositionsgruppen. Für das MfS gehörten diese Gruppen zu den "Hauptfeinden". Es bemühte sich intensiv, sie mit IM zu infiltrieren. Man wollte so Einfluss auf die Arbeit ausüben und in den Gruppen mit Zersetzungsmethoden Zwietracht säen, um deren Arbeitsfähigkeit zu beeinträchtigen. Ihr wichtigstes Mittel dafür stellten IM dar.

Anfang 1989 enttarnten Bärbel Bohley, Irena Kukutz und Katja Havemann, die bei den "Frauen für den Frieden" und zum Teil in der IFM mitwirkten, Monika Haeger, für das MfS zu arbeiten. Aus vielen Akten aus den 1980er Jahren ist erkennbar, dass Debatten um Täterschaft für das MfS in oppositionellen Kreisen breiten Raum einnahmen. In der IFM spielte das Thema aber lange Zeit keine große Rolle, weil wichtige Mitglieder immer wieder betonten, dass Ihre Gedanken und Wünsche ohnehin für die Öffentlichkeit bestimmt seien. Alle gingen aber davon aus, dass das MfS sie eng und dicht bespitzelte, so dass etwa über Kurierwege, über die Standorte von Druckmaschinen, über die Lagerung von Materialien usw. sowieso nie öffentlich gesprochen wurde und nur diejenigen davon Kenntnis haben sollten, die unmittelbar damit zu tun hatten.
Als inoffizielle Mitarbeiterin spionierte Monika Haeger die Berliner Oppositionsbewegung aus. Nach dem Mauerfall stellt KONTRASTE sie zur Rede und legt die Gedankenwelt eines Spitzels offen. (© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung und RBB)

Als sich die IFM am 15. Februar 1989 traf und nun Monika Haeger von sich aus die Verdächtigungen aufnahm und zu ihrer Verteidigung sprach, war genau die Hälfte der anwesenden Teilnehmer Mitarbeiter des MfS. Haeger konnte die Vorwürfe nicht glaubhaft entkräften, die anderen hatten aber auch keine handfesten Beweise in der Hand. Kurz bevor sie sich im April 1989 gegenüber Gerd Poppe und Bärbel Bohley endgültig als MfS-Mitarbeiterin offenbarte, schrieb Monika Haeger ihrem Führungsoffizier einen langen Bericht, den sie übertitelte mit "Versuch einer Analyse".

Darin machte sie vor dem Hintergrund ihrer "Fast-Enttarnung" als "Einzelkämpferin in der politischen Untergrundbewegung" "an der vordersten Front" eine Reihe Vorschläge, wie die IM-Tätigkeit effizienter gestaltet werden müsste. Als Hauptproblem benannte sie, dass sie andere Einzelkämpfer "erriechen" würde an deren Verhaltensweisen, an den Argumenten, an der Verhinderungs- und Verzögerungstaktik. Problematisch sei daran nicht nur, dass sie die anderen und die anderen sie erkennen würden. Vielmehr noch würden ja auch die Feinde die stillen Kämpfer ausmachen können. Erst viel später ging ihr auf: "Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant."


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