Denkmal für die Berliner Mauer

30.3.2010 | Von:
Michael Fritsch / Michael Wyrwich

Vom Plan zum Markt

Übergroß und bürokratisch erstarrt - so stellte sich die Situation der DDR-Wirtschaft zum Ende der 1980er Jahre dar. Eine Konsequenz dieser Zustände war eine wesentlich geringere Produktivität im Vergleich zur alten BRD.
Monteur bei der Arbeit in einem Leipziger Kombinat im Jahr 1989.Monteur bei der Arbeit in einem Leipziger Kombinat im Jahr 1989. (© Bundesarchiv, Bild 183-1989-0505-003, Foto: Kluge, Wolfgang)


1. Strukturtypisch: große Kombinate

Die Wirtschaftspolitik der DDR war darauf gerichtet, den Privatbesitz von Unternehmen zu unterbinden und die Produktion in großen Einheiten (Kombinate) zusammenzufassen. Wie im Agrarsektor (siehe Textstück Landwirtschaft), wurden auch in Industrie, Handel und Gewerbe die privaten Betriebe nach und nach verstaatlicht. Die letzte große Enteignungswelle fand im Jahr 1972 statt. Die wenigen am Ende der 1980er Jahre noch verbliebenen Privatbetriebe waren fast ausschließlich im Handwerk und Einzelhandel tätig. Der Staat kontrollierte die Gewinne auch dieser Betriebe und unterband Wachstum über eine Größe von 10 Beschäftigten hinaus. Im Jahr 1989 arbeiteten lediglich 5,3 Prozent aller Berufstätigen im Privatsektor.

Die meisten Beschäftigten arbeiteten in den staatlichen Produktionsgenossenschaften (15,6 %) oder Kombinaten (79,1 %). Kombinate waren Großorganisationen, die durch einen hohen Grad an vertikaler Integration (Eigenfertigung) gekennzeichnet waren. Ein Kombinat hatte meist mehrere Betriebsstandorte, die allerdings keinerlei eigene Entscheidungsbefugnisse besaßen. Insgesamt bestanden in der DDR im Jahr 1989 genau 126 Kombinate (laut Statistischem Jahrbuch der DDR).

Die Konzentration der Produktion auf wenige große Kombinate hatte zum einen das Ziel, ein hohes Maß an Kontrolle über die planwirtschaftlich organisierte Wirtschaft ausüben zu können. Zum anderen versprach man sich hiervon Effizienzvorteile, die allerdings – sofern solche Vorteile tatsächlich bestanden – durch gravierende Mängel der Planwirtschaft zunichte gemacht wurden. Der Schwerpunkt der Produktion lag in der DDR bei Agrar- und Industriegütern. Konsumnahe Dienstleistungen blieben vernachlässigt.

2. Das ostdeutsche produzierende Gewerbe Ende der 1980er Jahre


Der Grad an Produktdifferenzierung, d.h. der Umfang an einzelnen Produktvarianten war in der DDR-Wirtschaft vergleichsweise gering. Betriebe spezialisierten sich in hohem Maße auf einzelne Produkte, was wiederum zu einem, im Vergleich zum Westen, relativ hohen Anteil von Produktion in Massenfertigung führte. Die ostdeutsche Wirtschaft krankte daran, dass die Produktionsanlagen in wesentlichen Teilen technisch stark rückständig waren. Staatliche Planung und organisatorisch-institutionelle Defizite, wie etwa die Vorherrschaft politischer Konzepte über ökonomische Notwendigkeiten und das Fehlen von Wettbewerb, schränkten die ohnehin geringe Leistungsfähigkeit zusätzlich ein. Zudem verursachten die rückständigen Produktionsmethoden, vor allem in der Chemie-Industrie und im Braunkohletagebau, Umweltschäden ungeheuren Ausmaßes. Die Braunkohle war als Energieträger von überragender Bedeutung; ab dem Jahr 1982 wurde der Energiebedarf der DDR fast vollständig mit Braunkohle abgedeckt.

Da die Betriebe bzw. Kombinate ein relativ hohes Maß an Eigenfertigung aufwiesen, war das Niveau der zwischenbetrieblichen Arbeitsteilung sehr niedrig. Lieferbeziehungen außerhalb des Systems staatlicher Planung waren verboten. Innerhalb der Betriebe dominierte eine stark ausgeprägte Zergliederung der Arbeitsabläufe, meist eingebunden in vielstufige, streng hierarchische Entscheidungsstrukturen. Dementsprechend waren Eigenverantwortlichkeit und die Fähigkeit bzw. der Wille zur Selbstorganisation nur schwach ausgeprägt. So gut wie alle Betriebe profitierten von einer Art Monopolstellung. Da Wirtschaftlichkeitsüberlegungen bei der Zuteilung von Produktionsmitteln in der Regel nur eine untergeordnete Rolle spielten, waren allenfalls schwache Anreize für einen effizienten Umgang mit den vorhandenen ökonomischen Potenzialen gegeben. Das staatliche Außenhandelsmonopol, die Nichtkonvertibilität der Währung, d.h. das nicht gegebene Recht Währungsguthaben in Fremdwährungen umzutauschen, aber auch ein von den westlichen Industriestaaten verhängtes Verbot der Lieferung technologieintensiver Güter an Staaten des Ostblocks (COCOM-Liste) isolierten die DDR-Wirtschaft von internationalen Entwicklungen. Aktivitäten, die auf Innovation abzielten, waren nahezu ausschließlich in den zentralen Stammbetrieben der Kombinate und den Hochschulen angesiedelt. Auch hierfür gab es genaue Planvorgaben. Aufgrund der wirtschaftlichen Isolierung der DDR gestalteten sich die Innovationsaktivitäten als enorm kostenintensiv. So wurde in der DDR Ende der 1980er Jahre ein 256KB-Mikrochip zum Selbstkostenpreis von 534 Mark hergestellt, während ein vergleichbarer Chip auf dem Weltmarkt zu dieser Zeit lediglich etwa 6 Mark kostete. Ende der 1980er Jahre betrug das Exportvolumen der DDR-Wirtschaft pro Kopf lediglich ca. 40 Prozent des westdeutschen Niveaus. Vor allem Produkte des Maschinenbaus wurden exportiert, wobei der Großteil dieser Exporte auf die osteuropäischen Staaten des RGW (= Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) entfiel. Bei den Exportgütern handelte es sich vor allem um ‘klassische´ Standardprodukte.

3. Das Markenzeichen der DDR-Wirtschaft am Vorabend des Systemwechsels: ein rückständiges System


Zu Beginn des Systemwechsels stellte die DDR-Wirtschaft ein rückständiges System dar, welches durch fehlenden Wettbewerb, unzureichende und fehlgeleitete Einbindung in die internationalen Wirtschaftsverflechtungen und Handelsstrukturen sowie eine enorme zentrale Bürokratie gekennzeichnet war. Die sektorale Struktur entsprach in etwa jener der BRD in den späten 1960er Jahren. Eine Konsequenz dieser Zustände war eine wesentlich geringere Produktivität im Vergleich zur alten BRD. Die DDR-Wirtschaft erreichte Ende der 1980er Jahre nur knapp 30 Prozent des westdeutschen Produktivitätsniveaus.

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