Denkmal für die Berliner Mauer

30.3.2010 | Von:
Christoph Köhler / Alexandra Krause

Arbeit

Hohe Arbeitslosigkeit, schwache Gewerkschaften, extremer Kostendruck: Gibt es den "wilden Osten", in dem eine Beschäftigungspolitik des Heuerns und Feuerns herrscht? Und ist der Osten zum Vorreiter eines flexiblen Kapitalismus geworden?
Im Vergleich zum Westen ist der Anteil an befristeten Arbeitsverhältnissen im Osten nach wie vor etwa doppelt so hoch. - Unterzeichnung eines Vertrags.Im Vergleich zum Westen ist der Anteil an befristeten Arbeitsverhältnissen im Osten nach wie vor etwa doppelt so hoch. (© Fotolia/3pc)

Fakten

Mit der Vernichtung fast der Hälfte des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens innerhalb von drei Jahren wurde der ostdeutsche Arbeitsmarkt dem härtesten Schock aller Transformationsländer in Mittel- und Osteuropa ausgesetzt. Eine erste Ursache war die weitgehende Zerstörung der flächendeckenden großen Kombinate, womit auch ein Verlust ihrer bildungs- und sozialpolitischen Funktionen verbunden war. Nach dieser historisch einmaligen Strukturumwandlung eines Wirtschaftssystems nahm die neue Betriebslandschaft eine durch kleine Betriebe und einen höheren Grad der Vermarktlichung gekennzeichnete Struktur an. Die durchschnittliche Produktivität liegt allerdings nach wie vor deutlich unter dem westdeutschen Produktivitätsniveau.


Damit verbunden ist ein hoher Kostendruck im Wettbewerb. Sowohl die hohe Arbeitslosigkeit und das hohe Arbeitskräfteangebot als auch die Schwäche der Gewerkschaften sowie die geringe Tarifbindung ostdeutscher Unternehmen setzen einer betrieblichen Personal- und Beschäftigungspolitik des Heuerns und Feuerns, die kurzfristig Personalkosten senkt, weniger Grenzen. Folgerichtig diagnostizierten und prognostizierten viele Journalisten und Politiker, aber auch Wissenschaftler zu Beginn der 90er Jahre einen "wilden Osten" mit hoher betrieblicher Flexibilität im Personalaufbau und -abbau, d.h. hoher Arbeitsplatzunsicherheit für die Beschäftigten.
Ist der Osten Deutschlands in diesem Sinne zum Vorreiter eines flexiblen Kapitalismus geworden? - Die Antwort lautet ja und nein.
Arbeitsvertragsformen in Ost- und Westdeutschland.Arbeitsvertragsformen in Ost- und Westdeutschland. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Horizontale Arbeitsmarktspaltung zwischen stabiler und instabiler Beschäftigung - Der Prozess der Externalisierung

Als allgemein anerkannter Anhaltspunkt dafür, wie stabil oder instabil die Beschäftigungsverhältnisse in einer Gesellschaft sind, gilt der Anteil der so genannten Normalarbeitsverhältnisse (NAV). Darunter versteht man eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag. Die Diagramme "Arbeitsvertragsformen in Ost- und Westdeutschland in den Jahren 1993 und 2004" zeigen, wie der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse in Ost und West im Zeitablauf abnimmt und ein ähnliches Niveau erreicht. Die Ursache für den nach wie vor etwas höheren Wert für Ostdeutschland ist vor allem der geringere Anteil der Frauen in Teilzeitarbeit.

Spiegelbildlich zur Abnahme der Normalarbeitsverhältnisse ist der Anteil nicht-standardisierter Arbeitsverhältnisse im Zeitverlauf gestiegen: In Westdeutschland hat sich der Anteil der befristeten Verträge und der Leiharbeit leicht erhöht. Stärker ist der Zuwachs bei geringfügiger Beschäftigung, Teilzeitarbeit und Selbstständigen. Dies gilt auch für Ostdeutschland. Im Unterschied zum Westen ist der Anteil an befristeten Arbeitsverhältnissen allerdings nach wie vor etwa doppelt so hoch.
Arbeitsvertragsformen in Ost- und Westdeutschland im Jahr 2004.Arbeitsvertragsformen in Ost- und Westdeutschland im Jahr 2004. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Diese West-Ost-Differenz ist zu etwa zwei Dritteln Resultat der vergleichsweise höheren Anteile an Arbeitsbeschaffungs- und Strukturanpassungsmaßnahmen (ABM/SAM) in Ostdeutschland. Darüber hinaus verweist die Differenz aber auch auf eine andere Beschäftigungspraxis als in Westdeutschland: Vor dem Hintergrund der wirtschaftlich unsicheren Situation werden Arbeitnehmer in zunehmendem Umfang zunächst nur befristet rekrutiert. Das lässt sich auch daran ablesen, dass der Anteil der befristeten Beschäftigungsverhältnisse mit etwa 10 Prozent vergleichsweise konstant blieb, obwohl sich der Anteil der ABM/SAM-Beschäftigung zwischen der Hochphase von 1998 und dem Jahre 2000 um ein Drittel verringerte. Diese Einstellungspraxis lässt sich mit dem Begriff Externalisierung umschreiben: In dem Maße, wie Betriebe ihre Stammbelegschaft reduzieren und stärker auf nicht-standardisierte Arbeitsverträge zurückgreifen, lagern sie Beschäftigungsrisiken aus – allerdings um den Preis eines künftig nicht mehr gedeckten Bedarfs an Fachkräften.

Um die Stabilität der Arbeitsverhältnisse zu erfassen, richtet die Arbeitsmarktforschung ihr Augenmerk nicht nur auf die Form der Arbeitsverträge, sondern auch und vor allem darauf, wie lange Beschäftigte im Durchschnitt in einem Betrieb verbleiben. Die Tabellen "Beschäftigungsperspektiven nach Region und Wirtschaftszweig" zeigen, wie hoch 2006 in einem Betrieb durchschnittlich der Anteil jener Arbeitsplätze war, mit denen für die Beschäftigten eine kurze, mittlere oder eine lange Beschäftigungsperspektive verbunden war. Um dies zu ermitteln, wurden Personalverantwortliche danach gefragt, wie hoch in ihrem Betrieb der Anteil der Stellen ist, die in der Regel eher kurz-, mittel- oder aber langfristig besetzt sind. Die Angaben werden wieder für Ost- und Westdeutschland und zusätzlich nach Wirtschaftszweigen getrennt ausgewiesen, da zwischen den Wirtschaftszweigen erhebliche Unterschiede in der durchschnittlichen Beschäftigungsdauer existieren.

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