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Zug nach Westen – Anhaltende Abwanderung


30.3.2010
Die DDR war zeitlebens ein Auswanderungsland. Dieser Trend hat sich auch nach 1990 fortgesetzt. Vor allem gut ausgebildete junge Frauen kehren ihrer ostdeutschen Heimat vermehrt den Rücken – mit negativen sozialen und politischen Effekten für die "Bleibegesellschaft".
Gymnasiastinnen im brandenburgischen Wittstock: Vor allem junge Frauen mit höheren Bildungsabschlüssen ziehen seit Ende der 90er Jahre zunehmend aus ihrer ostdeutschen Heimat in den Westen.Gymnasiastinnen im brandenburgischen Wittstock: Vor allem junge Frauen mit höheren Bildungsabschlüssen ziehen seit Ende der 90er Jahre zunehmend aus ihrer ostdeutschen Heimat in den Westen. (© AP)

1. Der Osten Deutschlands: traditionell eine Abwanderungsregion



Ein durchgängiges Merkmal der DDR war die hohe Abwanderungsbereitschaft ihrer Bürger. Die Wende von 1989/90 und die anschließende Wiedervereinigung haben den Westwärts-Trend der Ostdeutschen nur zeitweise stoppen können. Ostdeutschland ist weiterhin durch sinkende Bevölkerungszahlen gekennzeichnet. Gewandelt haben sich allenfalls die Beweggründe der Wanderungswilligen; nicht mehr, wie vormals, politische Motive spielen eine Rolle, sondern es sind nunmehr hauptsächlich wirtschaftliche Erwägungen, welche die Wanderungswilligen leiten.

Vor allem der massive Abbau von Arbeitsplätzen und die insgesamt nach wie vor prekäre Situation auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt geben den Anstoß zum Ortswechsel von Ost nach West. Betrachtet man den gesamten Zeitraum von 1949 bis heute, lassen sich drei Abwanderungswellen unterscheiden: einmal von 1949 bis 1961; sodann von 1989 bis 1994 und schließlich ab dem Jahr 2000.

    Die DDR als Auswanderungsland, Wanderungsgewinne für Westdeutschland

Die DDR stellt einen Sonderfall unter den Industriegesellschaften dar, weil sie durchgehend eine negative Bevölkerungsentwicklung aufwies. Zwischen 1948 und 1989 sank die Einwohnerzahl von 19,1 Mio. auf 16,4 Mio. Dieser Rückgang ist zum großen Teil auf Abwanderung zurückzuführen, nur teilweise auch auf einen Geburtenrückgang Anfang der 70er Jahre. Die DDR war also zeitlebens ein "Auswanderungsland" (Geißler 2006, S. 43). Nach der Staatsgründung 1949 verließen in den 50er Jahren jedes Jahr mehrere hunderttausend Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik. Zwar gab es auch Mobilität in entgegengesetzter Richtung, aber nur in einem beschränkten Maße (vgl. Diagramm "Wanderungen zwischen dem früheren Bundsgebiet und der DDR"). Ein Höhepunkt der ersten Abwanderungswelle wurde 1953, im Jahr des Volksaufstand vom 17. Juni, mit 331.000 Flüchtlingen erreicht. Gründe für die Abwanderung können in Unzufriedenheit mit der politischen Situation, in besseren beruflichen Möglichkeiten im Westen und in Zwangsmaßnahmen wie der Kollektivierung der Landwirtschaft gesehen werden.
Binnenwanderungssaldo der Länder in den Jahren 1991 bis 2006.Binnenwanderungssaldo der Länder in den Jahren 1991 bis 2006. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Für Staat und Gesellschaft der DDR war die soziale Zusammensetzung der DDR-Flüchtlinge ungünstig: Bevorzugt jüngere, gut ausgebildete Menschen, darunter viele Spezialisten wie Ärzte und Ingenieure, kehrten dem Land den Rücken. Diese soziale Ausdünnung durch Migration führte langfristig zu einer Überalterung der DDR-Bevölkerung (Rytlewski/Opp de Hipt 1987, S. 20). Ungefähr die Hälfte der Auswanderer – laut offizieller Sprachregelung des Regimes handelte es sich überwiegend um "Republikflüchtlinge" – war jünger als 25 Jahre. Es wird geschätzt, dass die DDR in den 50er Jahren etwa ein Drittel ihrer Akademiker verlor (Geißler 2006, S. 64).

Diese große Abwanderung von Akademikern und Fachkräften hatte durchaus positive Wirkungen in Westdeutschland: Mit dem beginnenden "Wirtschaftswunder" herrschte ein hoher Bedarf zumal an qualifizierten Arbeitskräften, und auch auf speziellen Arbeitsmärkten gab es keine Probleme mit der beruflichen Integration von DDR-Flüchtlingen. Diese demographischen Prozesse wirkten sich für die DDR negativ aus, für die Bundesrepublik waren sie ein Gewinn. Zum Beispiel stieg in der DDR die durchschnittliche Patientenzahl pro Arzt bis 1961 auf 1.400 an, und das trotz schrumpfender Bevölkerung. In der Bundesrepublik lag sie hingegen im selben Zeitraum bei 800 und sank dann weiter auf 600 (Wehler 2008, S. 45). Der Historiker Hans-Ulrich Wehler schätzt, dass in der Bundesrepublik durch die Zuwanderung von bereits schulisch und beruflich qualifizierten DDR-Bürgern Ausgaben für Bildung und Ausbildung in Höhe von 30 Mrd. DM eingespart worden sind (2008, S. 45).

Während der ersten Abwanderungswelle 1949-61 verließen etwa 2,7 Mio. Menschen die DDR. Diese massenhafte "Abstimmung mit den Füßen" wurde schließlich zum existenziellen Problem für die DDR, das ab August 1961 von der Staatsführung durch die strikte Abriegelung der Grenzen "gelöst" wurde.

Danach gingen die Zahlen von DDR-Flüchtlingen drastisch zurück. Trotzdem haben aber im Zeitraum 1962-88 noch einmal 625.000 Personen die DDR verlassen. Die meisten dieser Migranten taten dies legal im Rahmen von bewilligten Ausreiseanträgen.

Das Ende der DDR wurde von der zweiten Abwanderungswelle begleitet. Durch die Entwicklungen in angrenzenden sozialistischen Ländern setzte 1988/89 eine Massenflucht ein, die sich zunächst einen Weg über Ferienreisen in das befreundete Ausland (Ungarn, CSSR, Polen) suchte und bis Ende 1989 gegen 880.000 Menschen umfasste. Wehler (2008, S. 45) kommt zu dem Fazit: "Vom Gründungsjahr 1949 bis zur Auflösung der DDR [...] sind nicht weniger als 4,6 Mio. Menschen unter z.T. äußerst riskanten Umständen nach Westen geflüchtet." Dies entspricht ungefähr einem Viertel der DDR-Bevölkerung im Jahre 1950.


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