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Soziale Strukturen in der DDR und in Ostdeutschland


30.3.2010
Arbeiter, Kleinbürger, Eliten: Welche Auswirkungen hatte die Wende auf die sozialen Milieus? Michael Hofmann mit einem Überblick über Entwicklungen und Veränderungen der sozialen Strukturen in Ostdeutschland.
Straßenszene am Brandenburger Tor: Für den Wandel der Sozialstruktur im Osten waren die Jahre 1990-2000 sehr entscheidend.Straßenszene am Brandenburger Tor: Für den Wandel der Sozialstruktur im Osten waren die Jahre 1990-2000 sehr entscheidend. (© AP)

Fakten



Die DDR ging nicht nur ökonomisch und ideologisch einen ganz anderen Weg als die Bundesrepublik Deutschland. Sie bildete auch eine ganz andere soziale Struktur heraus. Bis heute unterscheiden sich beide deutsche Teilgesellschaften in Ost und West in ihren sozialen Formationen und Schichtungen sowie den damit einhergehenden Orientierungen.

Anders als in der Bundesrepublik wurde in der Gründungsphase der DDR nicht versucht, die soziale Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft wiederherzustellen. Die alten Eliten (wie Unternehmer, Bankiers, Richter, hohe Beamte und Offiziere, auch viele Wissenschaftler) wurden, soweit sie nicht in den neuen Staatsapparat übernommen wurden, entmachtet, entlassen und enteignet, der Entnazifizierung unterzogen und teilweise vertrieben. Außerdem gingen bis zum Bau der Mauer 1961 rund zwei Millionen DDR-Bürger, vorwiegend gut situierter Herkunft, in den Westen.
Die soziale Deklassierung und das Abwandern der alten Eliten führten im Ergebnis zu einer starken Ausdünnung der Oberschicht. In den 1950er und 1960er Jahren wurden in der DDR in einer gewaltigen Bildungsanstrengung neue Lehrer, neue Techniker und Wirtschaftsfachleute und ein neues Führungskorps in öffentlicher Verwaltung und Sicherheit sowie von politischen Funktionären herangebildet. Zumindest anfangs kamen diese sozialistischen Bildungsaufsteiger in der Mehrheit aus den Reihen der Facharbeiterinnen und Facharbeiter. Diese frühe Öffnung der Bildungsschleusen und der massenhafte Aufstieg aus der Arbeiterschaft in verantwortliche Positionen verschafften der DDR im oberen sozialen Raum loyale, staats- und parteitreue Eliten mit entsprechenden Lebenswelten: Man kann von einem "sozialistischen Establishment" sprechen.
Ostdeutsche Sozialmilieus im Jahr 1960 (Legende s. Seite 3).Ostdeutsche Sozialmilieus im Jahr 1960 (Legende s. Seite 3). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Der Aufstieg in verantwortliche Positionen war über drei Wege möglich. Erstens konnte man über ein Studium des sozialistischen Rechts, des Marxismus-Leninismus oder der Politischen Ökonomie zum Partei- und Staatsfunktionär werden. Zweitens brauchte die DDR Leitungspersonal in der sozialistischen Industrie und Landwirtschaft. Aufsteiger in diese Positionen studierten vornehmlich technische Fächer, Agrarwissenschaft oder Ökonomie. Drittens schließlich hatte der Staat DDR großen Bedarf an der Vermittlung von Kultur und Bildung, also an Hochschullehrern, Lehrern, Naturwissenschaftlern und Kulturschaffenden. Hier konnten Menschen aufsteigen, die Pädagogik, Naturwissenschaften oder Kunst- und Kultur studierten. Das sozialistische Establishment war eine wesentliche sozialstrukturelle Besonderheit der DDR. Diese breite sozialistische Oberschicht fühlte sich ihrem Staat für den persönlich erlebten sozialen Aufstieg verpflichtet und blieb dies bis zum Untergang des Sozialismus.

Demgegenüber mussten sich andere Teile der Bevölkerung, d. h. die traditionellen Facharbeiter und insbesondere auch die kleinbürgerlichen Lebenswelten (Angestellte, kleine Selbständige), an die politischen Verhältnisse in der DDR ohne vergleichbare Prämien sozialen Aufstiegs anpassen. Das soziale Leben der DDR blieb allerdings dennoch von der großen Mehrheit dieser traditionellen, proletarischen und kleinbürgerlichen Sozialkulturen geprägt. Besonders die Arbeitermilieus wurden in der DDR ideologisch hofiert und als Ausdruck eines fortschrittlichen Lebens- und Gesellschaftsentwurfs konserviert. Wolfgang Engler nennt die DDR deshalb auch eine "arbeiterliche Gesellschaft"[1].

Die grundlegenden Veränderungen im sozialen Raum der DDR wurden von der DDR-Gesellschaftswissenschaft im Wesentlichen mit einem Klassenmodell abgebildet, das die Verhältnisse mehr verschleierte als offen legte. Auch gibt es keine Sozialstrukturforschung für die frühen Jahre der DDR. Will man sich dennoch einen Überblick über die Sozialstruktur der DDR nach dem Bildungsboom der 1950er Jahre verschaffen, so kann man auf die Berufszählungen zurückgreifen, um wenigstens einen groben Überblick zu gewinnen. Der dargestellte soziale Raum erfasst die sozialen Gruppen in ihrer vertikalen Schichtung (Ober-, Mittel- und Unterschicht) sowie in ihrer horizontalen kulturellen Differenz bei grundlegenden Wertorientierungen. Die dritte Dimension des sozialen Raumes ist die Zeit, in der sich Karrieren entwickeln und soziale Gruppen verschieben können.

Nach dem Ende der sozialistischen Bildungsanstrengungen in der Mitte der 1960er Jahre rekrutierte sich das sozialistische Establishment dann vorwiegend aus sich selbst heraus. In den späten Jahren der DDR legte es sich wie eine Bleiplatte über die traditionellen Lebenswelten. Weiterer massenhafter Aufstieg wurde dadurch blockiert. Die soziale Mobilität der sozialistischen Gesellschaft ging in den 1970er und 1980er Jahren stark zurück.

Dennoch entwickelten sich seit den 1970er Jahren auch in der DDR moderne Lebenswelten. Im Gefolge der wachsenden internationalen Anerkennung, des Empfangs westdeutscher Massenmedien und der Honeckerschen Sozialpolitik erhielt die DDR trotz aller Einschränkungen Anschluss an den Massenkonsum, den − freilich auf "Bruderstaaten" beschränkten − Massentourismus und an die westliche Massen- und Musikkultur. Wer in dieser Zeit sozialisiert worden ist, konnte auch in der DDR Anteil an der Modernisierung der Lebenswelten nehmen. Neue soziale Milieus entstanden, die sich aber schwer etablieren, geschweige denn aufsteigen konnten. Diese musik- und bildungsorientierten bzw. subkulturellen Lebensstile verband deshalb auch kaum noch etwas mit dem System der DDR. Entweder sie pflegten in privaten Nischen ihre Neigungen oder sie versuchten, ein links-alternatives Gegenmilieu in der DDR aufzubauen, oft unter dem Dach der Kirche.
Sozialstruktur der DDR im Jahr 1989 (Legende s. Seite 3).Sozialstruktur der DDR im Jahr 1989 (Legende s. Seite 3). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Bildhaft kann man sich also die soziale Kernstruktur der späten DDR als eine vom sozialistischen Establishment überwölbte, traditionelle gesellschaftliche Schichtung vorstellen, an deren linkem lebensweltlichen Rand modernisierte Milieus und Subkulturen von jungen Facharbeitern und alternativen Intellektuellen entstanden waren. (s. Grafik oben)


Fußnoten

1.
Wolfgang Engler 1999: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin
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