Denkmal für die Berliner Mauer

30.3.2010 | Von:
Michael Hofmann

Soziale Strukturen in der DDR und in Ostdeutschland

Für die späte DDR wurde die Sozialstruktur vom Sinus-Institut auf der Grundlage eines Milieumodells erforscht. Soziale Milieus sind Gruppen mit ähnlichen Grundorientierungen und Lebenspraxen, die wiederum im sozialen Raum positioniert werden. Am Ende der DDR gab es demnach neun verschiedene soziale Milieus, wobei deutlich drei Gruppen identifiziert werden können:
  • das sozialistische Establishment
  • die traditionalen Lebenswelten (Facharbeiter und Kleinbürger) und
  • die neuen blockierten sozialen Milieus (Subkultur, Linksalternative und hedonistische Arbeiter)
Die Akteure der friedlichen Revolution von 1989/90 kamen im Wesentlichen aus diesen blockierten, neuen sozialen Milieus, die sich in den letzten 20 Jahren der DDR herausgebildet hatten. Das "hedonistische" – was meint: genussorientierte, nicht auf Askese ausgerichtete – Arbeitermilieu zum Beispiel stellte den größten Anteil an Antragstellern auf Ausreise aus der DDR, und das links-alternative Milieu könnte man auch als Bürgerrechtlermilieu bezeichnen. Aber auch in den traditionellen sozialen Lagen der Arbeiter und Angestellten wurde in den 1980er Jahren, mit dem sichtbaren Niedergang der Industrie und der Städte, das Arrangement mit dem System vielfach aufgekündigt, und selbst im sozialistischen Establishment meldeten sich jetzt Reformer.

Die friedliche Revolution leitete in der DDR einen raschen sozialstrukturellen Wandel ein. In den 1990er Jahren war die soziale Mobilität in Ostdeutschland außerordentlich hoch. Über Jahre hinweg wurden seither im Zwölfmonatsschritt mehr als die Hälfte aller sozialen Positionen (Arbeitsstellen und Berufspositionen) gewechselt. Für die große Mehrheit bedeutete dies eher einen sozialen Abstieg, nämlich den Verlust beruflicher Stellungen bzw. des Arbeitsplatzes. Im Jahr 1993 zum Beispiel stehen 23 Prozent Aufstiegen 77 Prozent Abstiege gegenüber [2].

Von den Abstiegen waren vor allem die traditionellen sozialen Formationen der Arbeiter und Angestellten betroffen. Die industrielle Basis des Arbeitermilieus, des größten Sozialmilieus Ostdeutschlands, brach ein. Auf diese Weise schrumpften die in der DDR tradierten Milieus im Verlauf der Transformation bis zum Jahr 2000 um die Hälfte [3]. Auch die historisch langlebigste und stabilste der deutschen Lebenswelten, das kleinbürgerliche Milieu, schrumpfte. Anders verlief die Entwicklung im Bereich der Selbstständigen, wo sich nun ein selbständiger ostdeutscher Mittelstand neu bildet. Ebenso aber wächst ein Sozialmilieu, das in der Sozialforschung als "das gelegenheitsorientierte oder auch traditionslose Arbeitermilieu" umschrieben wird. Gemeinsam mit dem hedonistischen Milieu bildet dieses eine immer größer werdende Unterschicht, die heute fast ein Fünftel der ostdeutschen Bevölkerung umfasst.

Entgegen manchen politischen Erwartungen und öffentlichen Selbstdarstellungen konnten die Vertreter des sozialistischen Establishments im Transformationsprozess ihre sozialen Positionen oftmals halten. Nur die höchsten Partei- und Sicherheitsfunktionäre der DDR fanden keinen Anschluss in der Bundesrepublik Deutschland. Die große Mehrheit aber fand im privaten Dienstleistungssektor neue, gut bezahlte Anstellungen. In den Schulen und regionalen Verwaltungen blieben die Dienstverhältnisse weitgehend bestehen. Die Vertreter des technokratischen Milieus wurden zum Beispiel bei der Abwicklung der DDR-Industrien und für die Neuordnung der Wirtschaft zu gefragten Akteuren. Der größte Teil der ostdeutschen Existenzgründer kommt aus diesem technokratischen Milieu. Diese soziale Teilformation der DDR ging auf im Statusmilieu und im modernen bürgerlichen Milieu. Im statusorientierten Milieu wurden zum Beispiel in der Anfangsphase der Transformation viele als "Wendehälse" abgestempelt, weil sie aus sozialistischen Staatsfunktionen massenhaft in kapitalistische Dienstleistungsfunktionen abwanderten. Trotz aller angebrachten politischen und moralischen Vorbehalte: Es waren diese alten Fachkader der DDR, welche die entsprechenden Voraussetzungen und Qualifikationen für den Aufbau neuer Verwaltungen, vor allem aber von Banken und Versicherungen mitbrachten. Die "good jobs" im neu auf- und ausgebauten Dienstleistungsbereich gingen deshalb in großer Zahl an die Vertreter des ehemaligen DDR-Establishments.

Bei den sozialistischen Kulturaufsteigern, die jetzt als humanistisches Milieu identifiziert werden, traten die größten Anpassungsschwierigkeiten und -konflikte auf. Das rührte zum Teil daher, dass dieses Milieu seinen Bildungsaufstieg und seine vormals privilegierte gesellschaftliche Stellung ideell und biographisch eng an das Ethos einer sozialistischen Gesellschaftsutopie gebunden gesehen hatte. Das milieuspezifische Dilemma lässt sich so beschreiben: Einerseits verhalf nun die Transformation den bildungsbewussten Vertretern klassischer Bereiche der Medizin, Kunst oder Kultur zu einer sozialen Aufwertung. Die gegenüber den Arbeitern nun deutlich erhöhten Einkommen der Akademiker erlaubten es den Vertretern dieses spezifisch ostdeutschen Bildungsmilieus, sich "nach unten" abzugrenzen. Andererseits traten besonders im Hochschul- und Rechtsbereich westdeutsche Eliten als mächtige Konkurrenten um höhere berufliche Positionen auf. Hinzu kam die Erfahrung, dass die sozialistische Gesellschaftsidee entwertet war. Im humanistischen Milieu Ostdeutschlands bildeten sich so zwei Gruppen heraus: hier die in der Elitenkonkurrenz meist unterlegenen, beruflich nicht fest etablierten Intellektuellen, die an ihrem aufklärerischen und sozialistischen Ethos als Integrationsideologie festhalten. Sie bilden die "DDR-verwurzelte Fraktion des Milieus" [4]. Die Partei "Die Linke" stellt für diese Altbestände des sozialistischen Establishments eine Art "Milieupartei" dar. Im humanistischen Milieu gibt es aber auch einen etablierteren Teil, in dem sich die Lebenswelten neu stabilisieren. In dieser Gruppe setzt sich die schon in der DDR in den achtziger Jahren spürbar gewordene "Verbürgerlichung" verstärkt fort.

Für die modernen, in der DDR wenig integrierten Sozialmilieus der hedonistischen Arbeiter und Subkulturen öffneten sich in der Phase des Systemwechsels breite Entfaltungsspielräume. Die hedonistischen Arbeiter, meist beschäftigt in den Industriekernen des Ostens, fanden in der offenen Konsum- und Medienwelt zu neuen Ufern. Sie verschmolzen mit den jugendlichen (Musik)Szenen und Jugendkulturen zum hedonistischen Milieu, das man in ähnlicher Ausprägung inzwischen in jeder mitteleuropäischen Gesellschaft antreffen kann. An diesem Pol des modernen sozialen Raumes gibt es inzwischen kaum mehr ostdeutsche Besonderheiten.

Fußnoten

2.
Diese Zahlen stammen aus dem DFG-Projekt "Ostdeutschland: Soziallagen im Umbruch" von Frank Adler und Albrecht Kretzschmar. Siehe ihr Paper auf der Arbeitstagung der Gruppe Arbeitsmarkt/Sozialstruktur in Bremen am 01.12.1994. Die Zahlen wurden durch die aktuelle Sozialberichterstattung ergänzt. Vergleiche auch Thomas Buhlmann 1996: Sozialstruktureller Wandel. In: Zapf/Habich (Hg.)1996: Wohlfahrtsentwicklung im vereinten Deutschland. Berlin, S. 25 - 49
3.
siehe dazu: Hofmann/Rink 1993: Die Auflösung der ostdeutschen Arbeitermilieus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 26 - 27/1993
4.
Siehe dazu die unter maßgeblicher Beteiligung des Sinus-Institutes entstandene Studie "Out fit 4", hrsg. vom Spiegel Verlag Rudolf Augstein GmbH, Hamburg 1998
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