Denkmal für die Berliner Mauer

30.3.2010 | Von:
Michael Hofmann

Soziale Strukturen in der DDR und in Ostdeutschland

Im linksalternativen Milieu (der Lebenswelt vieler Vertreter der Bürgerbewegungen der DDR) erzeugen die neuen Verbürgungen und Möglichkeiten der Demokratie nun ein Auffächern der Orientierungen und entsprechende Gegensätze. Die Mehrheit wuchs langsam aus dem einstmals staats-oppositionellen Milieu heraus und in eher technokratische oder liberal-bürgerliche Lebensweisen und Lebensvorstellungen hinein. An ihrem vormals alternativen Lebensstil halten vergleichsweise Wenige fest.
Ostdeutsche Sozialmilieus nach der Transformation im Jahr 2000 (Legende s. Seite 3).Ostdeutsche Sozialmilieus nach der Transformation im Jahr 2000 (Legende s. Seite 3). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Nach der Transformation formierte sich am linken Rand des sozialen Raumes in Ostdeutschland auch ein neues soziales Milieu, das von Sinus so genannte postmoderne Milieu. Schematisch lässt sich die soziale Struktur Ostdeutschlands nach der Transformation so darstellen (s. Grafik links).

Fassen wir zusammen: Für den Wandel der Sozialstruktur der DDR waren die zehn Jahre von 1990 bis 2000 entscheidend. Während dieser Dekade kam es:
  • erstens zum Abschmelzen der traditionellen Lebenswelten in den Arbeitermilieus und im kleinbürgerlichen Milieu von 58 Prozent auf 39 Prozent. Diese traditionellen Volksmilieus Ostdeutschlands halbierten sich. Hier traten die größten Abstiegsprozesse und Statusverluste ein.

  • zweitens zu einem schnellen Wachstum unterprivilegierter Milieus ("der Unterschicht"), die heute ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen.

  • drittens zu einer erfolgreichen Integration des sozialistischen Establishments im sozialen Wandel. Eintretende Milieuveränderungen brachten für Ostdeutschland keine Umwälzung der sozialen Verhältnisse. Die friedliche Revolution veränderte die politischen, nicht aber die sozialen Verhältnisse grundlegend.

  • viertens auch in Ostdeutschland zur Herausbildung neuer, vor allem hedonistisch-orientierter Milieus. Die neuen und jungen sozialen Gruppen setzen sich aus Söhnen und Töchtern der gesellschaftlichen Mitte zusammen. Zur Übernahme gemeinschaftsbezogener Pflichtnormen und zum Konsumaufschub sind diese nur bedingt bereit. Dies ist ein soziales Merkmal aller westlichen Gesellschaften. In Ostdeutschland indes ist dieses Milieu seit 1990 besonders stark gewachsen.

Literaturhinweise

  • Geißler, Rainer 2007: Die Sozialstruktur Deutschlands, Wiesbaden.
  • Vester, Michael; Hofmann, Michael; Zierke, Irene (Hg.) 1995: Soziale Milieus in Ostdeutschland, Köln.
  • Vester, Michael et. al. 2001: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt am Main.

Legende zur Abbildung:
Ostdeutsche Sozialmilieus im Jahr 1960

Alte Unternehmer und Ingenieure: In der DDR verbliebene Besitzer kleiner Betriebe und leitende Ingenieure sowie selbstständige Ingenieure, Architekten usw. Das Milieu der Selbstständigen und Freiberufler mit mittleren und höheren Bildungsabschlüssen wurde in der DDR politisch und steuerlich als Vertreter der kapitalistischen Klasse stark bedrängt und löste sich dann im Zuge der Verstaatlichungswelle Anfang der 1970er Jahre endgültig auf. Viele Vertreter wuchsen jedoch auch als unverzichtbare Fachleute mit Einzelverträgen oder anderen Privilegien ins neue sozialistische Establishment hinüber.

Alte Akademiker: Die DDR sah sich als Sammelbecken des Antifaschismus und bot vielen deutschen Emigranten aus den Bereichen Kultur, Kunst und Hochschulen Wirkungschancen an. So rekonstruierten sich für kurze Zeit die Netzwerke der alten Akademiker an den Universitäten und in Kultur und Kunst, die gewissermaßen zu Paten für die kulturellen Aufsteiger wurden. Diese führenden Vertreter der Geisteswelt gerieten jedoch immer öfter in Konflikt mit der Macht, verließen die DDR wieder oder gingen im systemkonformen sozialistischen Establishment auf.


Legende zur Abbildung:
Sozialstruktur der DDR im Jahr 1989

Im sozialistischen Establishment hatten sich die verschiedenen Aufsteiger der DDR zu sozialen Milieus formiert und zwar in ein:

Statusorientiertes Milieu: Diese Menschen hatten ein mittleres und hohes Bildungsniveau, errangen mittlere und hohe Führungspositionen mit hohen Einkommen. Es waren oft auch politische Funktionäre in der DDR. Wichtigstes Lebensziel war es, sich gesellschaftliches Ansehen und Macht zu erwerben. Das geschah durch die Identifikation mit der herrschenden Ideologie, oft verbunden mit Fortschrittsglaube und Technik-Faszination.

Technokratisches Milieu: Die Vertreter dieses Milieus hatten höhere Bildungsabschlüsse, häufig im wirtschaftlichen und technischen Bereich, waren leitende Angestellte in den Betrieben der DDR. Sie waren effizienz- und erfolgsorientiert, mit Vertrauen in wissenschaftliche Rationalität und Zukunftsoptimismus. Erfolg zu haben, war in diesem Milieu Pflicht, man durfte sich nicht mit Mittelmaß zufrieden geben. In Beruf und Alltag wurde nach Perfektion gestrebt, bei durchaus pragmatischen Grundeinstellungen.

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