Denkmal für die Berliner Mauer

30.3.2010 | Von:
Michael Hofmann

Soziale Strukturen in der DDR und in Ostdeutschland

Humanistisches Milieu: Diese Menschen hatten hohe Bildungsabschlüsse, waren qualifizierte und leitende Angestellte in den Bereichen Bildung, Kultur, Verwaltung, Gesundheit, darunter viele Hochschullehrer, Naturwissenschaftler, Rechtsanwälte, Ärzte, Lehrer. Sie erzielten auch in der DDR hohe Einkommen. Tugenden der "Protestantischen Ethik" wie Pflichterfüllung, Disziplin und soziales Engagement dominierten die Lebensziele. Sehr auf humanistische Bildung bedacht, familien- und traditionsbezogen, in Ablehnung materialistischen Strebens, versuchten sie im harmonischen Einklang mit dem sozialen Umfeld zu leben.

Die traditionalen Lebenswelten hatten sich im Wesentlichen die Dimensionen ihrer Lebensführung erhalten können. Sie bestandenen aus dem:

Gelegenheitsorientierten Arbeitermilieu: Überwiegend Menschen mit einfacher und mittlerer formaler Bildung, Facharbeiter, Angelernte. Ihr Lebensziel hieß, Anschluss an die in der DDR gut verdienende Facharbeiterschaft zu halten, anerkannt zu werden. Aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel oft "von der Hand in den Mund" lebend, spontan, neue Trends aufgreifend, heute und hier lebend.

Traditionellen Arbeitermilieu: Berufsstolzes Facharbeitermilieu, überwiegend mit einem Schulabschluss der Klasse 10. Das Lebensziel hieß hier, sein Ding zu machen, sein gutes Auskommen zu haben, d.h. vor allem einen sicheren Arbeitsplatz oder eine sichere Rente bei bescheidenen Konsumansprüchen. Geselligkeit unter Kollegen und Freunden wurde hoch veranschlagt, man mochte unter seinesgleichen sein und integriert und anerkannt werden. Wenig Prestigedenken, statt modischer werden solide und haltbare Produkte bevorzugt.

Kleinbürgerlichen Milieu: Dieses umfasste Menschen mit meist mittlerer Bildung, Facharbeiter, oft in leitenden Funktionen (Meister), die in der DDR verbliebenen Handwerksmeister und Einzelhändler, aber auch Verwaltungsangestellte im Finanzwesen, im Bildungs- und Gesundheitswesen. Sicherheit und familiäre Geborgenheit waren die wichtigsten Ziele, den Verhältnissen wurde das Beste abgerungen, meist eine optimistische Lebenseinstellung. Es wurde Wert auf Statusdemonstration gelegt, allerdings hielt man sich an die Konventionen und geltenden Regeln, wollte nicht exponieren.


Legende zur Abbildung:
Sozialstruktur der DDR im Jahr 1989

Die am Ende der 1960er Jahre neu entstandenen blockierten sozialen Milieus werden vom Sinus-Institut beschrieben als:

Hedonistisches Arbeitermilieu: Die Kinder traditioneller Arbeiter und Angestellter bildeten dieses Milieu. Sie hatten eine mittlere Bildung mit Zusatzqualifikationen, waren Facharbeiter oder Angestellte, die das Arbeitsethos von ihren Eltern übernommen hatten, aber nicht mehr so bescheiden leben wollten wie jene. Ihre Lebensziele waren ein angenehmes Leben, den Lebensstandard genießen, sich nicht unter Druck setzen lassen und alle sich bietenden Gelegenheiten und Vorteile in Anspruch zu nehmen. Der Besitz materieller Güter war wichtig, auch das Repräsentieren mit dem Neuen, was man sich leisten kann.

Links-alternatives Milieu: Hohes Bildungsniveau und Tätigkeiten zumeist in Bildung, Forschung und Kultur, mittlere bis hohe Einkommen. Wichtigstes Lebensziel war die Selbstverwirklichung, oft gekoppelt mit einem ausgeprägten ökologischen Denken. Die eigene Selbstverwirklichung sollte jedoch der Gesellschaft dienen. Charakteristisch war eine Distanz zur Konsumgesellschaft und ein Engagement für eigene Ideale und Wertvorstellungen in sozialen, künstlerischen oder ökologischen Projekten.

Subkulturelles Milieu: Jüngere Menschen, meist mit mittlerer Bildung, viele Abbrecher, viele noch in Schule oder Ausbildung befindlich, auch Facharbeiter. Meist geringes Einkommen. Wichtigster Lebenswert war Eigenständigkeit. Man wollte ungebunden von den ideologischen Vorgaben der DDR das Leben genießen, gab sich sehr kommunikativ, spontan, ohne Schablonen. Demonstrative Geringschätzung materieller Güter und längerfristiger Lebensplanung, Abgrenzung von den Normalbürgern, der eigene Geschmack (z. B. Punk, Grufti, Skin usw.) wurde ostentativ zur Schau gestellt.


Legende zur Abbildung:
Ostdeutsche Sozialmilieus im Jahr 2000

Veränderte und neue Milieubildungen:

Hedonistisches Milieu: Ein aus den Subkulturen hervorgegangenes Milieu ohne deutlichen Bildungsschwerpunkt. Alle möglichen Bildungsstufen kommen hier vor, Arbeiter, Hilfskräfte, Studenten, Schüler und Lehrlinge sowie Abbrecher. Die Orientierungen sind Freiheit, Ungebundenheit und Spontanität und die Ablehnung konsumorientierten Lebens. Hedonismus meint hier das Leben genießen, intensiv leben, Spaß, Action und Kommunikation haben.

Modernes bürgerliches Milieu: Umfasst vor allem Menschen mit mittleren Bildungsabschlüssen (Angestellte, Beamte, kleine Selbständige). Lebensziel ist es, ein angenehmes, behütetes Leben zu führen, kontrollierter Hedonismus: keine Extreme, keine Risiken. Diese Menschen setzen auf Sicherheit in Beruf und Familie, versuchen eine private Idylle zu schaffen (Familie, Verwandtschaft, Freundeskreis) und in Harmonie mit der Umwelt zu leben. Sie sind anpassungsbereit und haben Achtung vor sozialen Werten wie Gerechtigkeit, Toleranz und Fairness. Im Grunde genommen sind dies die modernisierten (Klein)Bürger.

Postmodernes Milieu: Vorwiegend jüngere Menschen mit gehobener Bildung. Hier finden wir Menschen, die etwas aus ihrem Leben machen wollen, (risikobereit) Herausforderungen suchen und ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen wollen. Sie versuchen oftmals sich selbständig zu etablieren (im Handwerk, im Fachhandel, der Gastronomie oder auch in der IT-Branche), aber auch aufstrebende Angestellte in Wirtschaft und Verwaltung. Sie sehen sich als Gewinner der friedlichen Revolution in der DDR. Es ist wichtig für sie, sich von der Masse durch ihren Erfolg abzuheben,bewusster Unkonventionalismus, "Sekt oder Selters-Mentalität".

Humanistisches und DDR-verwurzeltes Milieu: Das humanistische Milieu integriert nach wie vor auch die (vorwiegend älteren) Menschen, die mit der friedlichen Revolution ihren Status verloren und/oder die sich mit den in der DDR betonten Werten wie soziale Angleichung der Gesellschaft, Fortschritt, Frieden, Völkerfreundschaft und Antiimperialismus identifizieren.

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