Denkmal für die Berliner Mauer
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Soziale Strukturen in der DDR und in Ostdeutschland


30.3.2010
Arbeiter, Kleinbürger, Eliten: Welche Auswirkungen hatte die Wende auf die sozialen Milieus? Michael Hofmann mit einem Überblick über Entwicklungen und Veränderungen der sozialen Strukturen in Ostdeutschland.
Straßenszene am Brandenburger Tor: Für den Wandel der Sozialstruktur im Osten waren die Jahre 1990-2000 sehr entscheidend.Straßenszene am Brandenburger Tor: Für den Wandel der Sozialstruktur im Osten waren die Jahre 1990-2000 sehr entscheidend. (© AP)

Fakten



Die DDR ging nicht nur ökonomisch und ideologisch einen ganz anderen Weg als die Bundesrepublik Deutschland. Sie bildete auch eine ganz andere soziale Struktur heraus. Bis heute unterscheiden sich beide deutsche Teilgesellschaften in Ost und West in ihren sozialen Formationen und Schichtungen sowie den damit einhergehenden Orientierungen.

Anders als in der Bundesrepublik wurde in der Gründungsphase der DDR nicht versucht, die soziale Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft wiederherzustellen. Die alten Eliten (wie Unternehmer, Bankiers, Richter, hohe Beamte und Offiziere, auch viele Wissenschaftler) wurden, soweit sie nicht in den neuen Staatsapparat übernommen wurden, entmachtet, entlassen und enteignet, der Entnazifizierung unterzogen und teilweise vertrieben. Außerdem gingen bis zum Bau der Mauer 1961 rund zwei Millionen DDR-Bürger, vorwiegend gut situierter Herkunft, in den Westen.
Die soziale Deklassierung und das Abwandern der alten Eliten führten im Ergebnis zu einer starken Ausdünnung der Oberschicht. In den 1950er und 1960er Jahren wurden in der DDR in einer gewaltigen Bildungsanstrengung neue Lehrer, neue Techniker und Wirtschaftsfachleute und ein neues Führungskorps in öffentlicher Verwaltung und Sicherheit sowie von politischen Funktionären herangebildet. Zumindest anfangs kamen diese sozialistischen Bildungsaufsteiger in der Mehrheit aus den Reihen der Facharbeiterinnen und Facharbeiter. Diese frühe Öffnung der Bildungsschleusen und der massenhafte Aufstieg aus der Arbeiterschaft in verantwortliche Positionen verschafften der DDR im oberen sozialen Raum loyale, staats- und parteitreue Eliten mit entsprechenden Lebenswelten: Man kann von einem "sozialistischen Establishment" sprechen.
Ostdeutsche Sozialmilieus im Jahr 1960 (Legende s. Seite 3).Ostdeutsche Sozialmilieus im Jahr 1960 (Legende s. Seite 3). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Der Aufstieg in verantwortliche Positionen war über drei Wege möglich. Erstens konnte man über ein Studium des sozialistischen Rechts, des Marxismus-Leninismus oder der Politischen Ökonomie zum Partei- und Staatsfunktionär werden. Zweitens brauchte die DDR Leitungspersonal in der sozialistischen Industrie und Landwirtschaft. Aufsteiger in diese Positionen studierten vornehmlich technische Fächer, Agrarwissenschaft oder Ökonomie. Drittens schließlich hatte der Staat DDR großen Bedarf an der Vermittlung von Kultur und Bildung, also an Hochschullehrern, Lehrern, Naturwissenschaftlern und Kulturschaffenden. Hier konnten Menschen aufsteigen, die Pädagogik, Naturwissenschaften oder Kunst- und Kultur studierten. Das sozialistische Establishment war eine wesentliche sozialstrukturelle Besonderheit der DDR. Diese breite sozialistische Oberschicht fühlte sich ihrem Staat für den persönlich erlebten sozialen Aufstieg verpflichtet und blieb dies bis zum Untergang des Sozialismus.

Demgegenüber mussten sich andere Teile der Bevölkerung, d. h. die traditionellen Facharbeiter und insbesondere auch die kleinbürgerlichen Lebenswelten (Angestellte, kleine Selbständige), an die politischen Verhältnisse in der DDR ohne vergleichbare Prämien sozialen Aufstiegs anpassen. Das soziale Leben der DDR blieb allerdings dennoch von der großen Mehrheit dieser traditionellen, proletarischen und kleinbürgerlichen Sozialkulturen geprägt. Besonders die Arbeitermilieus wurden in der DDR ideologisch hofiert und als Ausdruck eines fortschrittlichen Lebens- und Gesellschaftsentwurfs konserviert. Wolfgang Engler nennt die DDR deshalb auch eine "arbeiterliche Gesellschaft"[1].

Die grundlegenden Veränderungen im sozialen Raum der DDR wurden von der DDR-Gesellschaftswissenschaft im Wesentlichen mit einem Klassenmodell abgebildet, das die Verhältnisse mehr verschleierte als offen legte. Auch gibt es keine Sozialstrukturforschung für die frühen Jahre der DDR. Will man sich dennoch einen Überblick über die Sozialstruktur der DDR nach dem Bildungsboom der 1950er Jahre verschaffen, so kann man auf die Berufszählungen zurückgreifen, um wenigstens einen groben Überblick zu gewinnen. Der dargestellte soziale Raum erfasst die sozialen Gruppen in ihrer vertikalen Schichtung (Ober-, Mittel- und Unterschicht) sowie in ihrer horizontalen kulturellen Differenz bei grundlegenden Wertorientierungen. Die dritte Dimension des sozialen Raumes ist die Zeit, in der sich Karrieren entwickeln und soziale Gruppen verschieben können.

Nach dem Ende der sozialistischen Bildungsanstrengungen in der Mitte der 1960er Jahre rekrutierte sich das sozialistische Establishment dann vorwiegend aus sich selbst heraus. In den späten Jahren der DDR legte es sich wie eine Bleiplatte über die traditionellen Lebenswelten. Weiterer massenhafter Aufstieg wurde dadurch blockiert. Die soziale Mobilität der sozialistischen Gesellschaft ging in den 1970er und 1980er Jahren stark zurück.

Dennoch entwickelten sich seit den 1970er Jahren auch in der DDR moderne Lebenswelten. Im Gefolge der wachsenden internationalen Anerkennung, des Empfangs westdeutscher Massenmedien und der Honeckerschen Sozialpolitik erhielt die DDR trotz aller Einschränkungen Anschluss an den Massenkonsum, den − freilich auf "Bruderstaaten" beschränkten − Massentourismus und an die westliche Massen- und Musikkultur. Wer in dieser Zeit sozialisiert worden ist, konnte auch in der DDR Anteil an der Modernisierung der Lebenswelten nehmen. Neue soziale Milieus entstanden, die sich aber schwer etablieren, geschweige denn aufsteigen konnten. Diese musik- und bildungsorientierten bzw. subkulturellen Lebensstile verband deshalb auch kaum noch etwas mit dem System der DDR. Entweder sie pflegten in privaten Nischen ihre Neigungen oder sie versuchten, ein links-alternatives Gegenmilieu in der DDR aufzubauen, oft unter dem Dach der Kirche.
Sozialstruktur der DDR im Jahr 1989 (Legende s. Seite 3).Sozialstruktur der DDR im Jahr 1989 (Legende s. Seite 3). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Bildhaft kann man sich also die soziale Kernstruktur der späten DDR als eine vom sozialistischen Establishment überwölbte, traditionelle gesellschaftliche Schichtung vorstellen, an deren linkem lebensweltlichen Rand modernisierte Milieus und Subkulturen von jungen Facharbeitern und alternativen Intellektuellen entstanden waren. (s. Grafik oben)

Für die späte DDR wurde die Sozialstruktur vom Sinus-Institut auf der Grundlage eines Milieumodells erforscht. Soziale Milieus sind Gruppen mit ähnlichen Grundorientierungen und Lebenspraxen, die wiederum im sozialen Raum positioniert werden. Am Ende der DDR gab es demnach neun verschiedene soziale Milieus, wobei deutlich drei Gruppen identifiziert werden können:
  • das sozialistische Establishment
  • die traditionalen Lebenswelten (Facharbeiter und Kleinbürger) und
  • die neuen blockierten sozialen Milieus (Subkultur, Linksalternative und hedonistische Arbeiter)
Die Akteure der friedlichen Revolution von 1989/90 kamen im Wesentlichen aus diesen blockierten, neuen sozialen Milieus, die sich in den letzten 20 Jahren der DDR herausgebildet hatten. Das "hedonistische" – was meint: genussorientierte, nicht auf Askese ausgerichtete – Arbeitermilieu zum Beispiel stellte den größten Anteil an Antragstellern auf Ausreise aus der DDR, und das links-alternative Milieu könnte man auch als Bürgerrechtlermilieu bezeichnen. Aber auch in den traditionellen sozialen Lagen der Arbeiter und Angestellten wurde in den 1980er Jahren, mit dem sichtbaren Niedergang der Industrie und der Städte, das Arrangement mit dem System vielfach aufgekündigt, und selbst im sozialistischen Establishment meldeten sich jetzt Reformer.

Die friedliche Revolution leitete in der DDR einen raschen sozialstrukturellen Wandel ein. In den 1990er Jahren war die soziale Mobilität in Ostdeutschland außerordentlich hoch. Über Jahre hinweg wurden seither im Zwölfmonatsschritt mehr als die Hälfte aller sozialen Positionen (Arbeitsstellen und Berufspositionen) gewechselt. Für die große Mehrheit bedeutete dies eher einen sozialen Abstieg, nämlich den Verlust beruflicher Stellungen bzw. des Arbeitsplatzes. Im Jahr 1993 zum Beispiel stehen 23 Prozent Aufstiegen 77 Prozent Abstiege gegenüber [2].

Von den Abstiegen waren vor allem die traditionellen sozialen Formationen der Arbeiter und Angestellten betroffen. Die industrielle Basis des Arbeitermilieus, des größten Sozialmilieus Ostdeutschlands, brach ein. Auf diese Weise schrumpften die in der DDR tradierten Milieus im Verlauf der Transformation bis zum Jahr 2000 um die Hälfte [3]. Auch die historisch langlebigste und stabilste der deutschen Lebenswelten, das kleinbürgerliche Milieu, schrumpfte. Anders verlief die Entwicklung im Bereich der Selbstständigen, wo sich nun ein selbständiger ostdeutscher Mittelstand neu bildet. Ebenso aber wächst ein Sozialmilieu, das in der Sozialforschung als "das gelegenheitsorientierte oder auch traditionslose Arbeitermilieu" umschrieben wird. Gemeinsam mit dem hedonistischen Milieu bildet dieses eine immer größer werdende Unterschicht, die heute fast ein Fünftel der ostdeutschen Bevölkerung umfasst.

Entgegen manchen politischen Erwartungen und öffentlichen Selbstdarstellungen konnten die Vertreter des sozialistischen Establishments im Transformationsprozess ihre sozialen Positionen oftmals halten. Nur die höchsten Partei- und Sicherheitsfunktionäre der DDR fanden keinen Anschluss in der Bundesrepublik Deutschland. Die große Mehrheit aber fand im privaten Dienstleistungssektor neue, gut bezahlte Anstellungen. In den Schulen und regionalen Verwaltungen blieben die Dienstverhältnisse weitgehend bestehen. Die Vertreter des technokratischen Milieus wurden zum Beispiel bei der Abwicklung der DDR-Industrien und für die Neuordnung der Wirtschaft zu gefragten Akteuren. Der größte Teil der ostdeutschen Existenzgründer kommt aus diesem technokratischen Milieu. Diese soziale Teilformation der DDR ging auf im Statusmilieu und im modernen bürgerlichen Milieu. Im statusorientierten Milieu wurden zum Beispiel in der Anfangsphase der Transformation viele als "Wendehälse" abgestempelt, weil sie aus sozialistischen Staatsfunktionen massenhaft in kapitalistische Dienstleistungsfunktionen abwanderten. Trotz aller angebrachten politischen und moralischen Vorbehalte: Es waren diese alten Fachkader der DDR, welche die entsprechenden Voraussetzungen und Qualifikationen für den Aufbau neuer Verwaltungen, vor allem aber von Banken und Versicherungen mitbrachten. Die "good jobs" im neu auf- und ausgebauten Dienstleistungsbereich gingen deshalb in großer Zahl an die Vertreter des ehemaligen DDR-Establishments.

Bei den sozialistischen Kulturaufsteigern, die jetzt als humanistisches Milieu identifiziert werden, traten die größten Anpassungsschwierigkeiten und -konflikte auf. Das rührte zum Teil daher, dass dieses Milieu seinen Bildungsaufstieg und seine vormals privilegierte gesellschaftliche Stellung ideell und biographisch eng an das Ethos einer sozialistischen Gesellschaftsutopie gebunden gesehen hatte. Das milieuspezifische Dilemma lässt sich so beschreiben: Einerseits verhalf nun die Transformation den bildungsbewussten Vertretern klassischer Bereiche der Medizin, Kunst oder Kultur zu einer sozialen Aufwertung. Die gegenüber den Arbeitern nun deutlich erhöhten Einkommen der Akademiker erlaubten es den Vertretern dieses spezifisch ostdeutschen Bildungsmilieus, sich "nach unten" abzugrenzen. Andererseits traten besonders im Hochschul- und Rechtsbereich westdeutsche Eliten als mächtige Konkurrenten um höhere berufliche Positionen auf. Hinzu kam die Erfahrung, dass die sozialistische Gesellschaftsidee entwertet war. Im humanistischen Milieu Ostdeutschlands bildeten sich so zwei Gruppen heraus: hier die in der Elitenkonkurrenz meist unterlegenen, beruflich nicht fest etablierten Intellektuellen, die an ihrem aufklärerischen und sozialistischen Ethos als Integrationsideologie festhalten. Sie bilden die "DDR-verwurzelte Fraktion des Milieus" [4]. Die Partei "Die Linke" stellt für diese Altbestände des sozialistischen Establishments eine Art "Milieupartei" dar. Im humanistischen Milieu gibt es aber auch einen etablierteren Teil, in dem sich die Lebenswelten neu stabilisieren. In dieser Gruppe setzt sich die schon in der DDR in den achtziger Jahren spürbar gewordene "Verbürgerlichung" verstärkt fort.

Für die modernen, in der DDR wenig integrierten Sozialmilieus der hedonistischen Arbeiter und Subkulturen öffneten sich in der Phase des Systemwechsels breite Entfaltungsspielräume. Die hedonistischen Arbeiter, meist beschäftigt in den Industriekernen des Ostens, fanden in der offenen Konsum- und Medienwelt zu neuen Ufern. Sie verschmolzen mit den jugendlichen (Musik)Szenen und Jugendkulturen zum hedonistischen Milieu, das man in ähnlicher Ausprägung inzwischen in jeder mitteleuropäischen Gesellschaft antreffen kann. An diesem Pol des modernen sozialen Raumes gibt es inzwischen kaum mehr ostdeutsche Besonderheiten.

Im linksalternativen Milieu (der Lebenswelt vieler Vertreter der Bürgerbewegungen der DDR) erzeugen die neuen Verbürgungen und Möglichkeiten der Demokratie nun ein Auffächern der Orientierungen und entsprechende Gegensätze. Die Mehrheit wuchs langsam aus dem einstmals staats-oppositionellen Milieu heraus und in eher technokratische oder liberal-bürgerliche Lebensweisen und Lebensvorstellungen hinein. An ihrem vormals alternativen Lebensstil halten vergleichsweise Wenige fest.
Ostdeutsche Sozialmilieus nach der Transformation im Jahr 2000 (Legende s. Seite 3).Ostdeutsche Sozialmilieus nach der Transformation im Jahr 2000 (Legende s. Seite 3). Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Nach der Transformation formierte sich am linken Rand des sozialen Raumes in Ostdeutschland auch ein neues soziales Milieu, das von Sinus so genannte postmoderne Milieu. Schematisch lässt sich die soziale Struktur Ostdeutschlands nach der Transformation so darstellen (s. Grafik links).

Fassen wir zusammen: Für den Wandel der Sozialstruktur der DDR waren die zehn Jahre von 1990 bis 2000 entscheidend. Während dieser Dekade kam es:
  • erstens zum Abschmelzen der traditionellen Lebenswelten in den Arbeitermilieus und im kleinbürgerlichen Milieu von 58 Prozent auf 39 Prozent. Diese traditionellen Volksmilieus Ostdeutschlands halbierten sich. Hier traten die größten Abstiegsprozesse und Statusverluste ein.

  • zweitens zu einem schnellen Wachstum unterprivilegierter Milieus ("der Unterschicht"), die heute ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen.

  • drittens zu einer erfolgreichen Integration des sozialistischen Establishments im sozialen Wandel. Eintretende Milieuveränderungen brachten für Ostdeutschland keine Umwälzung der sozialen Verhältnisse. Die friedliche Revolution veränderte die politischen, nicht aber die sozialen Verhältnisse grundlegend.

  • viertens auch in Ostdeutschland zur Herausbildung neuer, vor allem hedonistisch-orientierter Milieus. Die neuen und jungen sozialen Gruppen setzen sich aus Söhnen und Töchtern der gesellschaftlichen Mitte zusammen. Zur Übernahme gemeinschaftsbezogener Pflichtnormen und zum Konsumaufschub sind diese nur bedingt bereit. Dies ist ein soziales Merkmal aller westlichen Gesellschaften. In Ostdeutschland indes ist dieses Milieu seit 1990 besonders stark gewachsen.

Literaturhinweise

  • Geißler, Rainer 2007: Die Sozialstruktur Deutschlands, Wiesbaden.
  • Vester, Michael; Hofmann, Michael; Zierke, Irene (Hg.) 1995: Soziale Milieus in Ostdeutschland, Köln.
  • Vester, Michael et. al. 2001: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt am Main.

Legende zur Abbildung:
Ostdeutsche Sozialmilieus im Jahr 1960



Alte Unternehmer und Ingenieure: In der DDR verbliebene Besitzer kleiner Betriebe und leitende Ingenieure sowie selbstständige Ingenieure, Architekten usw. Das Milieu der Selbstständigen und Freiberufler mit mittleren und höheren Bildungsabschlüssen wurde in der DDR politisch und steuerlich als Vertreter der kapitalistischen Klasse stark bedrängt und löste sich dann im Zuge der Verstaatlichungswelle Anfang der 1970er Jahre endgültig auf. Viele Vertreter wuchsen jedoch auch als unverzichtbare Fachleute mit Einzelverträgen oder anderen Privilegien ins neue sozialistische Establishment hinüber.

Alte Akademiker: Die DDR sah sich als Sammelbecken des Antifaschismus und bot vielen deutschen Emigranten aus den Bereichen Kultur, Kunst und Hochschulen Wirkungschancen an. So rekonstruierten sich für kurze Zeit die Netzwerke der alten Akademiker an den Universitäten und in Kultur und Kunst, die gewissermaßen zu Paten für die kulturellen Aufsteiger wurden. Diese führenden Vertreter der Geisteswelt gerieten jedoch immer öfter in Konflikt mit der Macht, verließen die DDR wieder oder gingen im systemkonformen sozialistischen Establishment auf.


Legende zur Abbildung:
Sozialstruktur der DDR im Jahr 1989



Im sozialistischen Establishment hatten sich die verschiedenen Aufsteiger der DDR zu sozialen Milieus formiert und zwar in ein:

Statusorientiertes Milieu: Diese Menschen hatten ein mittleres und hohes Bildungsniveau, errangen mittlere und hohe Führungspositionen mit hohen Einkommen. Es waren oft auch politische Funktionäre in der DDR. Wichtigstes Lebensziel war es, sich gesellschaftliches Ansehen und Macht zu erwerben. Das geschah durch die Identifikation mit der herrschenden Ideologie, oft verbunden mit Fortschrittsglaube und Technik-Faszination.

Technokratisches Milieu: Die Vertreter dieses Milieus hatten höhere Bildungsabschlüsse, häufig im wirtschaftlichen und technischen Bereich, waren leitende Angestellte in den Betrieben der DDR. Sie waren effizienz- und erfolgsorientiert, mit Vertrauen in wissenschaftliche Rationalität und Zukunftsoptimismus. Erfolg zu haben, war in diesem Milieu Pflicht, man durfte sich nicht mit Mittelmaß zufrieden geben. In Beruf und Alltag wurde nach Perfektion gestrebt, bei durchaus pragmatischen Grundeinstellungen.

Humanistisches Milieu: Diese Menschen hatten hohe Bildungsabschlüsse, waren qualifizierte und leitende Angestellte in den Bereichen Bildung, Kultur, Verwaltung, Gesundheit, darunter viele Hochschullehrer, Naturwissenschaftler, Rechtsanwälte, Ärzte, Lehrer. Sie erzielten auch in der DDR hohe Einkommen. Tugenden der "Protestantischen Ethik" wie Pflichterfüllung, Disziplin und soziales Engagement dominierten die Lebensziele. Sehr auf humanistische Bildung bedacht, familien- und traditionsbezogen, in Ablehnung materialistischen Strebens, versuchten sie im harmonischen Einklang mit dem sozialen Umfeld zu leben.

Die traditionalen Lebenswelten hatten sich im Wesentlichen die Dimensionen ihrer Lebensführung erhalten können. Sie bestandenen aus dem:

Gelegenheitsorientierten Arbeitermilieu: Überwiegend Menschen mit einfacher und mittlerer formaler Bildung, Facharbeiter, Angelernte. Ihr Lebensziel hieß, Anschluss an die in der DDR gut verdienende Facharbeiterschaft zu halten, anerkannt zu werden. Aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel oft "von der Hand in den Mund" lebend, spontan, neue Trends aufgreifend, heute und hier lebend.

Traditionellen Arbeitermilieu: Berufsstolzes Facharbeitermilieu, überwiegend mit einem Schulabschluss der Klasse 10. Das Lebensziel hieß hier, sein Ding zu machen, sein gutes Auskommen zu haben, d.h. vor allem einen sicheren Arbeitsplatz oder eine sichere Rente bei bescheidenen Konsumansprüchen. Geselligkeit unter Kollegen und Freunden wurde hoch veranschlagt, man mochte unter seinesgleichen sein und integriert und anerkannt werden. Wenig Prestigedenken, statt modischer werden solide und haltbare Produkte bevorzugt.

Kleinbürgerlichen Milieu: Dieses umfasste Menschen mit meist mittlerer Bildung, Facharbeiter, oft in leitenden Funktionen (Meister), die in der DDR verbliebenen Handwerksmeister und Einzelhändler, aber auch Verwaltungsangestellte im Finanzwesen, im Bildungs- und Gesundheitswesen. Sicherheit und familiäre Geborgenheit waren die wichtigsten Ziele, den Verhältnissen wurde das Beste abgerungen, meist eine optimistische Lebenseinstellung. Es wurde Wert auf Statusdemonstration gelegt, allerdings hielt man sich an die Konventionen und geltenden Regeln, wollte nicht exponieren.


Legende zur Abbildung:
Sozialstruktur der DDR im Jahr 1989



Die am Ende der 1960er Jahre neu entstandenen blockierten sozialen Milieus werden vom Sinus-Institut beschrieben als:

Hedonistisches Arbeitermilieu: Die Kinder traditioneller Arbeiter und Angestellter bildeten dieses Milieu. Sie hatten eine mittlere Bildung mit Zusatzqualifikationen, waren Facharbeiter oder Angestellte, die das Arbeitsethos von ihren Eltern übernommen hatten, aber nicht mehr so bescheiden leben wollten wie jene. Ihre Lebensziele waren ein angenehmes Leben, den Lebensstandard genießen, sich nicht unter Druck setzen lassen und alle sich bietenden Gelegenheiten und Vorteile in Anspruch zu nehmen. Der Besitz materieller Güter war wichtig, auch das Repräsentieren mit dem Neuen, was man sich leisten kann.

Links-alternatives Milieu: Hohes Bildungsniveau und Tätigkeiten zumeist in Bildung, Forschung und Kultur, mittlere bis hohe Einkommen. Wichtigstes Lebensziel war die Selbstverwirklichung, oft gekoppelt mit einem ausgeprägten ökologischen Denken. Die eigene Selbstverwirklichung sollte jedoch der Gesellschaft dienen. Charakteristisch war eine Distanz zur Konsumgesellschaft und ein Engagement für eigene Ideale und Wertvorstellungen in sozialen, künstlerischen oder ökologischen Projekten.

Subkulturelles Milieu: Jüngere Menschen, meist mit mittlerer Bildung, viele Abbrecher, viele noch in Schule oder Ausbildung befindlich, auch Facharbeiter. Meist geringes Einkommen. Wichtigster Lebenswert war Eigenständigkeit. Man wollte ungebunden von den ideologischen Vorgaben der DDR das Leben genießen, gab sich sehr kommunikativ, spontan, ohne Schablonen. Demonstrative Geringschätzung materieller Güter und längerfristiger Lebensplanung, Abgrenzung von den Normalbürgern, der eigene Geschmack (z. B. Punk, Grufti, Skin usw.) wurde ostentativ zur Schau gestellt.


Legende zur Abbildung:
Ostdeutsche Sozialmilieus im Jahr 2000



Veränderte und neue Milieubildungen:

Hedonistisches Milieu: Ein aus den Subkulturen hervorgegangenes Milieu ohne deutlichen Bildungsschwerpunkt. Alle möglichen Bildungsstufen kommen hier vor, Arbeiter, Hilfskräfte, Studenten, Schüler und Lehrlinge sowie Abbrecher. Die Orientierungen sind Freiheit, Ungebundenheit und Spontanität und die Ablehnung konsumorientierten Lebens. Hedonismus meint hier das Leben genießen, intensiv leben, Spaß, Action und Kommunikation haben.

Modernes bürgerliches Milieu: Umfasst vor allem Menschen mit mittleren Bildungsabschlüssen (Angestellte, Beamte, kleine Selbständige). Lebensziel ist es, ein angenehmes, behütetes Leben zu führen, kontrollierter Hedonismus: keine Extreme, keine Risiken. Diese Menschen setzen auf Sicherheit in Beruf und Familie, versuchen eine private Idylle zu schaffen (Familie, Verwandtschaft, Freundeskreis) und in Harmonie mit der Umwelt zu leben. Sie sind anpassungsbereit und haben Achtung vor sozialen Werten wie Gerechtigkeit, Toleranz und Fairness. Im Grunde genommen sind dies die modernisierten (Klein)Bürger.

Postmodernes Milieu: Vorwiegend jüngere Menschen mit gehobener Bildung. Hier finden wir Menschen, die etwas aus ihrem Leben machen wollen, (risikobereit) Herausforderungen suchen und ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen wollen. Sie versuchen oftmals sich selbständig zu etablieren (im Handwerk, im Fachhandel, der Gastronomie oder auch in der IT-Branche), aber auch aufstrebende Angestellte in Wirtschaft und Verwaltung. Sie sehen sich als Gewinner der friedlichen Revolution in der DDR. Es ist wichtig für sie, sich von der Masse durch ihren Erfolg abzuheben,bewusster Unkonventionalismus, "Sekt oder Selters-Mentalität".

Humanistisches und DDR-verwurzeltes Milieu: Das humanistische Milieu integriert nach wie vor auch die (vorwiegend älteren) Menschen, die mit der friedlichen Revolution ihren Status verloren und/oder die sich mit den in der DDR betonten Werten wie soziale Angleichung der Gesellschaft, Fortschritt, Frieden, Völkerfreundschaft und Antiimperialismus identifizieren.

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Fußnoten

1.
Wolfgang Engler 1999: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin
2.
Diese Zahlen stammen aus dem DFG-Projekt "Ostdeutschland: Soziallagen im Umbruch" von Frank Adler und Albrecht Kretzschmar. Siehe ihr Paper auf der Arbeitstagung der Gruppe Arbeitsmarkt/Sozialstruktur in Bremen am 01.12.1994. Die Zahlen wurden durch die aktuelle Sozialberichterstattung ergänzt. Vergleiche auch Thomas Buhlmann 1996: Sozialstruktureller Wandel. In: Zapf/Habich (Hg.)1996: Wohlfahrtsentwicklung im vereinten Deutschland. Berlin, S. 25 - 49
3.
siehe dazu: Hofmann/Rink 1993: Die Auflösung der ostdeutschen Arbeitermilieus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 26 - 27/1993
4.
Siehe dazu die unter maßgeblicher Beteiligung des Sinus-Institutes entstandene Studie "Out fit 4", hrsg. vom Spiegel Verlag Rudolf Augstein GmbH, Hamburg 1998
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