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Kitas und Kindererziehung in Ost und West


30.3.2010
Vollversorgung und Einflussnahme versus Unterangebot und konzeptionelle Vielfalt: Was unterschied die Kinderbetreuung in Ost und West? Und welche Herausforderungen gilt es heute gemeinsam zu meistern?
Handtücher im Waschraum einer Erfurter Kinderkrippe. Foto: APHandtücher im Waschraum einer Erfurter Kinderkrippe. Foto: AP (© AP)

Ostdeutschland: Ideologisierte Erziehung im Gegensatz zu nichtoffiziellen Konzepten



Für die meisten DDR-Bürger war die Erziehung in staatlichen oder betrieblichen Kinderkrippen und Kindergärten eine Selbstverständlichkeit, auch wenn das nicht bedeutete, dass die Eltern unbedingt mit den staatlichen Erziehungszielen übereinstimmten. Im Vordergrund der staatlichen Politik stand einerseits die Einflussnahme auf die Erziehung und die Entwicklung der Kinder zu "allseitig und harmonisch entwickelten sozialistischen Persönlichkeiten" und andererseits die dadurch ermöglichte Erwerbsbeteiligung der Mütter, weil in der DDR eine Situation des Arbeitskräftemangels herrschte. Beim Aufbau und der Entwicklung dieses Betreuungssystems berief sich die realsozialistische Diktatur auf die sozial- und bildungspolitischen Forderungen der sozialistischen Arbeiterbewegung vor 1945. Hierzu gehörten neben der Forderung nach einheitlicher Bildung aller Kinder (Einheitsschulgedanke), beispielsweise aber auch die Forderung nach Mitbestimmung der Eltern und die Ablehnung der Vermittlung ideologischer Inhalte. Die beiden letzteren Ziele waren mit den erziehungspolitischen Zielen der SED-Diktatur jedoch unvereinbar.

Aufgebaut wurde ein öffentliches Kindererziehungssystem welches als fester Bestandteil und unterste Stufe des allgemeinen Bildungssystems fungierte. Dieses System war vorherrschend geprägt durch Zentralisierung (alle wesentlichen die Kindertagesbetreuung und -erziehung betreffenden Entscheidungen wurden vom Ministerium für Volksbildung getroffen), Politisierung bzw. Ideologisierung (z. B. Indoktrinationsversuche durch pädagogische Propaganda, "Sozialistische Erziehung" und Militarisierung durch Kriegsspielzeug und NVA-Werbematerial) und Kollektivierung (in Form des Prinzips der Führung der Kinder durch die allgegenwärtige pädagogischen Fachkraft unter den Bedingungen des Lebens im Kollektiv, einhergehend mit der partiellen Zurückdrängung kindlicher Selbsttätigkeit). Diese auf den ersten Blick unheimlich anmutende staatliche Präsenz in der kindlichen Erziehung stellt jedoch nur die eine Seite der Erziehungsrealität in der untergegangenen DDR dar, denn die Persönlichkeitsentwicklung der heranwachsenden Kinder wurde wesentlich auch von inoffiziellen Erziehungskonzepten beeinflusst. Inoffizielle Bilder von Kindheit und Erziehung in den Köpfen der Erzieherinnen und Eltern trugen ganz wesentlich dazu bei, die Schattenseiten der "sozialistischen Erziehung" teilweise zu korrigieren.
Einrichtungen der Kindestagesbetreuung in Ostdeutschland.Einrichtungen der Kindestagesbetreuung in Ostdeutschland. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© bpb)

Westdeutschland: Pädagogische Vielfalt bei mangelnder Anschlussfähigkeit zur Grundschule



In der DDR beherrschten also der Einheitsschulgedanke und zahllose Indoktrinationsversuche die institutionelle Praxis in den Kindergärten. Gleichzeitig hatten inoffizielle Konzepte eine hohe Relevanz in der Praxis. In der Bundesrepublik wurde hingegen die alte Zuordnung zur Kinder- und Familienhilfe fortgesetzt und an eine Struktur mit freien Trägern angeknüpft, die es schon in der Weimarer Republik gab. Die Situation war hier außerdem gekennzeichnet durch die föderale Struktur und die konzeptionelle Vielfalt von (in erster Linie) reformpädagogischen Ansätzen. Zweitrangig blieb in diesem Zusammenhang lange Zeit das Bildungsmotiv. Erst Ende der 1960er bzw. zu Beginn der 1970er Jahre wurde im Zuge der Bildungsreform dem Kindergarten der Status als Elementarbereich des Bildungswesens zuerkannt, wenn auch nur nominell. Denn bildungspolitisch und rechtlich ist der Kindergarten bis heute eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe.


 


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