Denkmal für die Berliner Mauer

30.3.2010 | Von:
Steffen Schmidt / Anne Wilhelm

Freizeitverhalten

Ressourcenknappheit und die ideologische Verbindung von Arbeit und Freizeit engten in der DDR die Möglichkeiten einer selbstbestimmten Freizeitgestaltung ein. Dennoch: Damals wie heute teilen Ost und West in ihrer Freizeit dieselben Vorlieben.
Familienausflüge wie hier bei Dresden gehören in Ost und West zu den beliebten Freizeitaktivitäten.Familienausflüge wie hier bei Dresden gehören in Ost und West zu den beliebten Freizeitaktivitäten. (© AP)

1. Freie Zeit in der Arbeitsgesellschaft

Vergleich des Ausgehhaltens in Ost- und Westdeutschland im Jahr 2004.Vergleich des Ausgehhaltens in Ost- und Westdeutschland im Jahr 2004. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Beteiligung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben beschränken sich nicht auf politische Partizipation oder auf die soziale Integration durch Erwerbsarbeit. Letzterer kommt jedoch zweifellos eine herausragende Bedeutung für die soziale Anerkennung und das Selbstwertgefühl der Bürger zu: Die deutsche Gesellschaft versteht sich weiterhin vor allem als Arbeitsgesellschaft. Vor diesem Hintergrund stellt Arbeitslosigkeit nicht nur ein materielles, sondern auch ein psychologisches Problem dar, das es zu lindern bzw. zu bewältigen gilt. Die Betroffenen können häufig nicht mehr im gleichen Maß an der Gesellschaft teilhaben. Auch führen mentale Auswirkungen vor allem lang anhaltender Arbeitslosigkeit oftmals zu einem veränderten Freizeitverhalten, weil Sinn und Bedeutung freier Zeit sich ungewollt wandeln. Anstelle aktiver Lebensgestaltung und Geselligkeit treten dann, wie die berühmte Marienthal-Studie bereits Anfang der 1930er Jahre nachgewiesen hat, häufig ein verlangsamter Tagesablauf und selbstgenügsame Lethargie. Derartige soziale Folgen der Arbeitslosigkeit waren in der DDR zwar unbekannt, weil die Pflicht zur Arbeit nicht nur ideologisches Gebot, sondern auch für nahezu jede erwerbsfähige Person verwirklicht war. Intensiver als im kapitalistischen Westen wurden in der DDR aber ideeller Zweck und Organisation von Freizeit von der Arbeitsgesellschaft her bestimmt. Genauer gesagt: sie wurden vom offiziell propagierten Ethos der sozialistischen Arbeit überformt. Umgekehrt – und in einer Art instinktiver Abwehrreaktion auf derlei staatliche Vereinnahmungsansprüche – war die Freizeitgestaltung für viele DDR-Bürger eine private Nische, die bewusst unpolitisch begriffen wurde.


2. Freizeitaktivitäten in beiden deutschen Staaten vor der Einigung



Im Durchschnitt hatten erwerbstätige Menschen in beiden deutschen Staaten vergleichbar viel freie Zeit. Allerdings gab es geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen stand mit 3,3 Stunden in der DDR und 3,6 Stunden in der BRD durchschnittlich etwa eine Stunde weniger freie Zeit pro Tag zur Verfügung als Männern, was vor allem in der Ungleichverteilung der Hausarbeit begründet lag (vgl. Tabelle "Zeitnutzung durch berufstätige Männer und Frauen in der DDR und BRD"). Freizeitaktivitäten bedürfen generell eines Angebots an Freizeitmöglichkeiten und Kulturgütern. Auf der Nachfrageseite hängt die Freizeitgestaltung wesentlich davon ab, wie viel Zeit, Geld und Mobilität verfügbar sind (Nolteernsting 1998, S. 60). Alle diese Voraussetzungen waren in der Bundesrepublik in höherem Maße gegeben als in der DDR. Dort kam zur allgemeinen Ressourcenknappheit noch die ideologische Vorstellung einer Aufhebung des Gegensatzes von Arbeit und Freizeit hinzu, was die Möglichkeiten einer selbstbestimmten Freizeitgestaltung massiv beeinträchtigte. Die Betriebe, vor allem die Kombinate, waren gleichzeitig Arbeits- und Freizeitort (Irmscher 2000, S. 354 f.): Sie gründeten z.B. Sport- und Volkskunstgruppen, unterhielten Ferienheime und fungierten als Reiseveranstalter. Freizeitaktivitäten wurden vornehmlich durch staatliche Organisationen angeboten und entsprechend ideologisch ausgerichtet. Zu diesen Massenorganisationen zählten der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB), der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB), die Gesellschaft für Sport und Technik (GST), die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft (DSF) sowie die Freie Deutsche Jugend (FDJ). Freizeitgestaltung, besonders die der Jugendlichen, war Sache der sozialistischen Politik und mit konkreten Erwartungen an das Verhalten der "entwickelten sozialistischen Persönlichkeit" verbunden (Micksch 1972, S. 140).
Vergleich der Zeitnutzung durch berufstätige Männer und Frauen in der DDR.Vergleich der Zeitnutzung durch berufstätige Männer und Frauen in der DDR. (© Jugend und Freizeit in der DDR - Micksch, Jürgen)

Es gab selbstverständlich auch Freizeitaktivitäten, die sich von denen in der Bundesrepublik nicht unterschieden. So gehörten um 1950 etwa Kinobesuche oder der Besuch eines Wanderzirkus sowie Ausflüge ins Theater oder Varieté zu beliebten Varianten der Freizeitgestaltung. Eine wichtige Rolle spielten außerdem die Vereine, in denen der Feierabend verbracht, gemeinsam Sport getrieben oder musiziert werden konnte und wo das Freizeitvergnügen für die ganze Familie (z.B. Wettbewerbe, Bälle) organisiert wurde. Außerdem wurden Freizeitaktivitäten wie Fahrradtouren oder Wanderungen und Feste von Kirchen, Schulen und den Gemeinden angeboten (Irmscher 2000, S. 357). Hinzu kam die Nutzung der modernen Massenmedien als Unterhaltungsquelle. Zwischen 1960 und 1970 stieg die Ausstattung mit Fernsehgeräten in der DDR von 16,7 Prozent auf 69,1 Prozent. Fernsehen wurde in Ost- wie Westdeutschland zur allgemein beliebtesten und zeitlich am längsten ausgeübten Freizeitaktivität (Micksch 1972, S. 95). Auch im Freizeitsektor nahmen die Kirchen in der DDR die ihnen zugewiesene Sonder- bzw. Außenseiterrolle als teilautonome Fremdkörper in der realsozialistischen Staatsgesellschaft ein. Die Kirchen waren nicht nur ein Ort für konfessionell gebundene Personen, sondern sie boten zugleich Raum für alternative Angebote im Bereich Freizeit und Kultur. Insgesamt lässt sich feststellen, dass trotz andersartiger Systembedingungen die Vorlieben, freie Zeit zu verbringen bzw. zu gestalten, vor 1990 in Ost- und Westdeutschland ähnlich waren: Hier wie dort gehörten Ausflüge und Heimwerkern, das Lesen von Büchern und Zeitungen, Radiohören und Fernsehen, Sport, Kino, Theater und Konzerte zu den bevorzugten Freizeitbeschäftigungen.

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