Denkmal für die Berliner Mauer

10.6.2011 | Von:
Sebastian Grümer

Subjektives Wohlbefinden in Ost- und Westdeutschland

Wie geht es den Menschen in Ost und West seit dem Fall der Mauer? Sebastian Grümer mit einem Überblick zum subjektiven Wohlbefinden.
Das Lebenszufriedenheit der Ostdeutschen nähert sich seit der Wende dem Niveau in Westdeutschland an, erreicht dieses aber nicht. - Ein Jugendlicher springt bei Mühlheim in einen See.Das Lebenszufriedenheit der Ostdeutschen nähert sich seit der Wende dem Niveau in Westdeutschland an, erreicht dieses aber nicht. - Ein Jugendlicher springt bei Mühlheim in einen See. (© AP)

Fakten

Wie geht es den Bundesbürgern seit der Wiedervereinigung und welche Auswirkungen hatte der Fall der Berliner Mauer auf ihr Wohlbefinden? Waren zum Beispiel Ostdeutsche vor der Wende eher glücklich? Hat sich das geändert? Und wie sieht es in Westdeutschland aus?


Definition von SWB

Subjektives Wohlbefinden (SWB) oder verwandte Begriffe wie Glück, Zufriedenheit oder positive Stimmung beschreiben, wie Menschen ihr eigenes Leben subjektiv einschätzen.

  • Emotionale Indikatoren des SWB: emotionale Bewertungen und Einschätzungen von Ereignissen, die im Leben stattfinden, und entweder angenehmer Natur (wie bspw. Freude, Stolz, Begeisterung) oder unangenehmer Natur (z.B. Scham, Angst, Traurigkeit) sind. Positive und negative Emotionen geben einer Person direktes Feedback, ob Dinge in ihrem Leben gut oder schlecht laufen.

  • Kognitive Indikatoren wie Lebenszufriedenheit oder Zufriedenheit in spezifischen Lebensbereichen (wie bspw. Arbeit oder Familie) stellen eine globale Bewertung des bisherigen Lebens beziehungsweise des jeweiligen Lebensbereichs dar. Sie beziehen sich somit nicht auf einzelne Situationen, sondern sind eher abstrakter und längerfristiger Natur.
"Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben?""Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben?" Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Thesen zu Unterschieden im SWB zwischen Ost- und Westdeutschland

Zum Thema Auswirkungen der deutschen Wende auf das SWB der Bevölkerung und möglicher Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland gibt es viele Vorstellungen und Thesen. Grob vereinfacht lassen sich alle Annahmen (vgl. Bulmahn, 2000) auf zwei Thesen reduzieren:

1) Auf der einen Seite gibt es die These, dass die Wiedervereinigung, der Zusammenbruch des politischen Systems, Massenarbeitslosigkeit und kulturelle Konflikte besonders in Ostdeutschland eine starke Unsicherheit erzeugt haben, die viele Gruppen der Bevölkerung betrifft. Dies könnte auf individueller Ebene zu negativen Konsequenzen führen, z.B. zu einem Gefühl der Bedeutungslosigkeit oder einem verminderten SWB. Laut dieser These ist besonders in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung ein Absinken des SWB im Vergleich zu Westdeutschland zu beobachten.

2) Auf der anderen Seite gibt es die These, dass durch die deutsche Wiedervereinigung, durch die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland, durch die Demokratisierung und Befreiung von einem totalitären Staat und damit verbunden eine deutliche Verbesserung der Bürger- und Menschenrechte sich auch das SWB der Bevölkerung in beiden Landesteilen angleichen sollte. Diese zweite These geht somit davon aus, dass sich das SWB der ostdeutschen Bevölkerung in den Jahren nach der Wende eher verbessert hat.
"Wie glücklich ist Ihr eigenes Leben?""Wie glücklich ist Ihr eigenes Leben?" Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Empirische Studien zur Entwicklung des SWB in Ost- und Westdeutschland

Die folgenden Zahlen stammen aus dem Wohlfahrtssurvey und Erhebungen des statistischen Bundesamtes (vgl. Zapf & Habich, 1996). Der Wohlfahrtssurvey ist eine repräsentative Befragung der deutschen Bevölkerung zur Messung der individuellen Wohlfahrt und Lebensqualität. Er wurde in den Jahren 1978, 1980, 1984 und 1988 in Westdeutschland sowie in den Jahren 1993 und 1998 für Gesamtdeutschland durchgeführt. 1990 erfolgte eine zusätzliche Erhebung in den ostdeutschen Bundesländern. Die Stichprobengröße betrug jeweils ca. 2.000 Personen in Westdeutschland und ca. 1.000 Personen in Ostdeutschland. Leider existieren für Ostdeutschland keine repräsentativen Zahlen für die Zeit vor der Wiedervereinigung, so dass belastbare Aussagen über das ostdeutsche SWB erst ab 1990 möglich sind.

  • Lebenszufriedenheit: Die Lebenszufriedenheit wird im Wohlfahrtssurvey mit Hilfe der Frage "Was meinen Sie, wie zufrieden sind Sie gegenwärtig – alles in allem – mit ihrem Leben?" erfasst. Mögliche Antworten reichen von 0 ("ganz und gar unzufrieden") bis 10 ("ganz und gar zufrieden"). [1] Wie man in der Abbildung erkennen kann, sind Westdeutsche sehr zufrieden mit ihrem Leben. Zwischen 1978 und 1998 schwankt die Lebenszufriedenheit der Westdeutschen zwischen 7,7 und 7,9 und liegt somit über einen langen Zeitrahmen im oberen Wertebereich. Auch über die Wendezeit zeigt sich keine Veränderung im SWB. Im Gegensatz hierzu liegt der Mittelwert in Ostdeutschland etwas niedriger, es zeigt sich aber deutlich eine Annäherung des Niveaus in Ostdeutschland an das westdeutsche Niveau, auch wenn das westdeutsche Niveau nicht erreicht wird.

  • Glück: Zusätzlich zur Lebenszufriedenheit werden die Befragten im Wohlfahrtssurvey auch gefragt, wie glücklich ihr eigenes Leben alles in allem ist. Die Antwortmöglichkeiten reichten dabei von 1 ("sehr unglücklich") bis 4 ("sehr glücklich"). Die Ergebnisse sind den genannten Befunden zur Lebenszufriedenheit sehr ähnlich (vgl. Diagramm "Wie glücklich ist ihr eigenes Leben alles in allem?"). Westdeutsche berichten zwischen 1978 und 1998 über ein stabil glückliches Leben, die Werte liegen zwischen 3,1 und 3,2. Die Einschätzung eines glücklichen Lebens ist in Ostdeutschland etwas geringer, aber auch hier zeigt sich ein anhaltender Trend zwischen Ost und West: Die Einschätzung eines glücklichen Lebens in Ostdeutschland nähert sich seit der Wende dem Niveau in Westdeutschland an, erreicht dieses aber nicht.
"Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig mit Ihrem Leben?""Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig mit Ihrem Leben?" Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Leider umfassen die Daten des Wohlfahrtssurvey nur den Zeitraum bis 1998. Es bleibt somit offen, ob und inwieweit der aufgezeigte Trend der Annäherung des SWB zwischen Ost- und Westdeutschland im neuen Jahrtausend fortgesetzt wurde. Die Beantwortung dieser Frage wird mit Hilfe einer weiteren repräsentativen Langzeitstudie in Deutschland vorgenommen, dem sozioökonomischen Panel (SOEP). Dies ist eine seit 1984 durchgeführte jährliche Wiederbefragung an ca. 20.000 Personen, seit 1991 auch in den neuen Bundesländern. Die Erfassung der Lebenszufriedenheit erfolgt mit derselben Frage wie im Wohlfahrtssurvey. Wie zu erkennen ist, sind sich die Befunde des SOEP und des Wohlfahrtssurvey für den Zeitraum der 90er Jahre ähnlich. Die Zufriedenheit ostdeutscher Befragter lag 1991 auf der erwähnten 10er Skala im Mittel bei 6,0 und damit fast anderthalb Skalenpunkte unterhalb der Zufriedenheit der westdeutschen Befragten (7,4). Auch schon bekannt ist die Annäherung der Lebenszufriedenheit im Verlauf der 90er Jahre. Bis zum Ende des letzten Jahrtausends verringerte sich der Unterschied zwischen Ost und West schrittweise auf circa einen halben Skalenpunkt. Wie allerdings die weiterführenden Umfragen des SOEP zeigen, kann seit 1999 ein anhaltender Unterschied der Lebenszufriedenheit zwischen Ost- und Westdeutschland beobachtet werden, der Abstand zwischen Ost und West bleibt weitestgehend stabil. Für diesen Unterschied zwischen beiden Landesteilen wird in der Literatur vor allem die höhere Betroffenheit von Arbeitslosigkeit unter Ostdeutschen verantwortlich gemacht. Arbeitslosigkeit und insbesondere Langzeitarbeitslosigkeit verringern das eigene Befinden deutlich und nachhaltig. Allerdings soll an dieser Stelle der Unterschied von einem halben Skalenpunkt nicht überbewertet werden, er liegt im Rahmen der auch innerhalb westdeutscher Bundesländer ermittelten Spannbreite des SWB.

Zusammengefasst vermitteln die vorgestellten Studien zum SWB der deutschen Bürger ein ambivalentes Bild:
  • Einerseits gilt, dass die Ergebnisse in eindrucksvoller Weise der These vom unglücklichen Osten widersprechen. Im ersten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung verbesserte sich das SWB der ostdeutschen Bevölkerung zunehmend. Ende der 90er Jahre waren Ostdeutsche glücklicher und zufriedener als zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung, und ihr SWB weist nur noch einen geringen Unterschied zum SWB in Westdeutschland auf. Im Westen verblieb das SWB vor, während und nach der Wende auf einem gleichmäßig hohen Niveau. Mit Blick auf das erste Jahrzehnt nach der Wende kann man somit mit Fug und Recht behaupten, dass eine Angleichung durch Annäherung des ostdeutschen SWB an das westdeutsche Niveau erfolgt.

  • Andererseits muss aber auch festgehalten werden, dass fast 20 Jahre nach der Wende dieser Prozess der Annäherung beider Landesteile noch nicht abgeschlossen ist. Zwar schätzen die Menschen in Ostdeutschland ihr Leben als eher glücklich ein, im direkten Vergleich jedoch zu Menschen in Westdeutschland erleben sie ein leicht geringeres SWB. Es steht aber zu hoffen, dass im Zuge der weiteren Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschland sich auch das SWB beider Landesteile wieder weiter annähert.

Fußnoten

1.
Subjektive Indikatoren wie die an dieser Stelle vorgestellten bieten nicht nur eine aussagekräftige Basis über das Erleben und Empfinden von Menschen (siehe hierzu z.B. Veenhoven, 2002), sondern haben darüber hinaus eine hohe gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Für eine Diskussion über die den gesellschaftlichen Nutzen subjektiver Indikatoren gerade im Vergleich zu objektiven Indikatoren wie des Bruttoinlandsprodukts siehe zum Beispiel Diener und Seligmann (2004).
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