Denkmal für die Berliner Mauer

10.6.2011 | Von:
Steffen Schmidt

Mitgliedschaft und Aktivitäten in Parteien und Verbänden

4. Soziales Profil der Parteimitglieder

Mitgliedschaft und Aktivität in Organisationen im Zeitraum von 1976 bis 1998.Mitgliedschaft und Aktivität in Organisationen im Zeitraum von 1976 bis 1998. (© bpb)
Für Ost- und Westdeutschland gilt gleichermaßen, dass das Durchschnittsalter der Parteimitglieder steigt, wie die tendenzielle Verschiebung der am stärksten vertreten Alterskohorte von den 30- bis 59-Jährigen hin zu den über 60-Jährigen zeigt, und jüngere Menschen mit einem prozentualen Anteil von lediglich ca. 4 bis 6 Prozent weniger stark vertreten sind. Bei absolut sinkenden Mitgliederzahlen steigt dabei der prozentuale Anteil weiblicher Parteimitglieder nur leicht an. – Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist der von Heiko Biehl auf Basis der Daten der Potsdamer Parteimitgliederstudie herausgearbeitete Befund, dass die Volksparteien schon in den 1990er Jahren zunehmend weniger Mitglieder in unteren, formal geringer gebildeten Schichten rekrutierten und damit gerade die für diese Parteimitglieder wichtigen innerparteilichen Aufstiegs- und Karrierechancen schwinden.

Mitgliedschaft und Aktivität in Organisationen im Jahr 2006.Mitgliedschaft und Aktivität in Organisationen im Jahr 2006. (© bpb)
Unter den Mitgliedern der 6 Bundestagsparteien insgesamt waren im Jahr 1998 nur 6 Prozent Arbeiter, aber 40 Prozent Angestellte und Beamte in Wirtschaft bzw. öffentlichem Dienst (Biehl 2006, vgl. Abbildung "Erwerbsposition, Konfessionszugehörigkeit und Vereinsmitgliedschaften der Parteimitglieder in Deutschland 1998"). Aber nicht nur viele Parteien leiden unter Nachwuchsmangel und sinkenden Mitgliederzahlen, dieselbe Entwicklung zeigt sich z.B. auch bei den Kirchen sowie bei den Gewerkschaften und zwar in Ost- wie in Westdeutschland (vgl. Tabelle "Mitgliedschaft und Aktivität in Organisationen im Zeitraum von 1976 bis 1998"). Die Einbrüche in Ostdeutschland sind besonders gravierend: 1992 waren noch ca. 27%, 1998 ca. 15%, 2006 nur noch 7% der erwachsenen Bevölkerung gewerkschaftlich organisiert. Die dramatischen Verluste können wenigstens zu einem gewissen Teil mit einer schrittweisen Korrektur vorangegangener "Zwangsmitgliedschaften" bzw. dem Wegfall ehemals bloßer Mitnahmeeffekte (Freifahrten mit der Bahn, günstige Urlaubsmöglichkeiten usw.) erklärt werden. Die tatsächliche Bindung an die Gewerkschaft in der DDR (zumindest in den letzten Jahren ihrer Existenz) dürfte sehr gering ausgeprägt gewesen sein. Nachdem der äußere Druck zur Mitgliedschaft entfallen war, zerfiel auch der FDGB weitgehend, wobei sich die jeweiligen Einzelverbände größtenteils dem DGB anschlossen. Ein weiterer Grund dürfte die seit 1990 signifikant niedrigere Tarifbindung ostdeutscher Unternehmen sein, was ebenfalls den Anreiz für Gewerkschaftsmitgliedschaft schwächt.

Ähnliches gilt für die Jugendorganisation der FDJ, die binnen kürzester Zeit fast alle ihre Mitglieder verlor. Der Austritt aus einer erzwungenen oder aufgenötigten Mitgliedschaft ist freilich nicht gleichzusetzen mit dem generell für Deutschland zu verzeichnenden Mitgliederschwund; Ostdeutsche finden ja auch die nach der Wende für sie zugänglichen (ehemals) westdeutschen Gewerkschaften wenig attraktiv. Diese tradierten Organisationsformen haben offensichtlich stark an Überzeugungskraft verloren, so dass sich immer weniger Menschen neu für sie entscheiden oder dafür zu engagieren bereit sind. Viele Enttäuschte kehren ihnen zudem den Rücken und treten aus, andere bleiben Mitglieder, aber engagieren sich kaum.
Erwerbsposition, Konfessionszugehörigkeit und Vereinsmitgliedschaften der Parteimitglieder in Deutschland im Jahr 1998.Erwerbsposition, Konfessionszugehörigkeit und Vereinsmitgliedschaften der Parteimitglieder in Deutschland im Jahr 1998. (© bpb)

All das hat jedoch nicht dazu geführt, dass nunmehr gänzliche Zersplitterung oder Organisationsmüdigkeit vorherrschen würde. Im Gegenteil: Deutschland zeichnet sich im internationalen Vergleich durch einen mittleren Organisationsgrad von 55 bis 60 Prozent aus, sofern man alle Organisationen betrachtet, also auch Interessengruppen und Freizeitvereinigungen (Weßels 2008, 393 f.): In Westeuropa sind einzig die Bürger der skandinavischen Staaten sowie diejenigen der Niederlande noch stärker organisiert – die deutsche "Vereinsmeierei" ist sprichwörtlich, was zugleich Beleg für die große Popularität und Verbreitung von Vereinen ist. Die negativen Aspekte, die mit dem Begriff verbunden sind (z.B. Hierarchisierung und Bürokratisierung des Vereinslebens, Intrigen und "Geschacher" bei der Postenverteilung), verdecken das große Verdienst der Vereine: Sie leisten einen erheblichen Beitrag zur gesellschaftlichen und politischen Integration. Sie bewahren darüber hinaus insbesondere Arbeitslose, ältere und weniger begüterte Menschen vor drohender gesellschaftlicher Isolation; vielfach konturiert die Vereinstätigkeit die individuelle Zeitplanung und sorgt für eine fortgesetzte aktive gesellschaftliche Partizipation und kulturelle Teilhabe.

Generell engagieren sich Menschen in Ost und West aktiver in Organisationen des Freizeitbereichs als in Interessenverbänden, wo in der Regel nur die einfache Mitgliedschaft (z.B. im ADAC) vorherrscht bzw. sich nur ein kleinerer Teil der Mitglieder freiwillig engagiert (Weßels 2008, S. 394, vgl. Tabellen "Mitgliedschaft und Aktivität in Organisationen im Zeitraum von 1976 bis 1998" und "Mitgliedschaft und Aktivität in Organisationen im Jahr 2006"). Viele Menschen engagieren sich in bzw. unterstützen Nichtstaatliche Organisationen (NGOs), die – anders als z.B. Gewerkschaften und oft auch Parteien – weniger milieu-, sondern stärker themenorientiert ausgerichtet sind und – im Kontrast zum vielfach zu konstatierenden Ansehensverlust von Parteien bzw. Politikern – einen teils sehr hohen Zuspruch und aktive Unterstützung von der Bevölkerung erfahren; die deutsche Unterorganisation der internationalen Umweltschutzorganisation Greenpeace zählt z.B. über eine halbe Million (Förder)Mitglieder. Es gibt Belege dafür, dass der Grad des Engagements in solchen Organisationen mit dem Bildungsstand variiert; Effekte des Bildungsstands bzw. der Berufsqualifikation auf das Bürgerschaftliche Engagement sind generell nachweisbar. Letztere sind in Ostdeutschland stärker als in Westdeutschland sichtbar; zugleich ist es in Ostdeutschland jedoch umgekehrt leichter als in Westdeutschland, Arbeitslose für ein Bürgerschaftliches Engagement zu gewinnen.

Mitgliedschaft und Aktivitäten in Parteien und Verbänden
Mitgliederzahl der Parteien und Massenorganisationen in der DDR in der zweiten Hälfte der 80er Jahre Angaben in Tausend
Parteien und MassenorganisationenMitglieder
SED2300
DBD106
CDU125
LDPD83
NDPD91
FDGB9500
FDJ2300
DFD1400
Kulturbund244
VdgB560
Quelle: Glaessner, Gert-Joachim 2007: Politik in Deutschland, S. 197

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