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Politische Partizipation von Frauen


10.6.2011
Mit der Wiedervereinigung kam es zu einem Anstieg politischer Partizipation von Männern und Frauen. Während im Westen der gender gap bei einigen Formen der Beteiligung noch immer existiert, fallen die Unterschiede im Osten traditionell geringer aus.
Abstimmung im Europäischen Parlament in Straßburg: Der Frauenanteil unter deutschen Abgeordneten hier liegt seit 1989 bei mehr als einem Drittel.Abstimmung im Europäischen Parlament in Straßburg: Der Frauenanteil unter deutschen Abgeordneten hier liegt seit 1989 bei mehr als einem Drittel. (© AP)

1. Gibt es ein Beteiligungsgefälle zwischen den Geschlechtern?



Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen ab 1953 nach Geschlecht.Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen ab 1953 nach Geschlecht. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist in der Bundesrepublik Deutschland als Grundrecht im Grundgesetz verankert (GG, Art. 3 (2)); auch in der DDR (Verfassung der DDR, Art. 20 (2)) war dieser Anspruch erhoben und rechtlich gesichert worden. Trotz vielfacher und vielfältiger Emanzipationsbemühungen sowie -maßnahmen stellt die rechtlich fixierte Gleichberechtigung in der heutigen Bundesrepublik noch immer eine Forderung dar, die in vielerlei Hinsicht nur unzureichend eingelöst ist.

Und auch in der ehemaligen DDR hatten (entgegen offiziellen Verlautbahrungen und vielleicht auch entgegen der Selbstwahrnehmung ihrer Bürger) weitgehende Defizite hinsichtlich der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen fortbestanden. Für die DDR der 1980er Jahre und zu Beginn der Wiedervereinigung wurde aber zumindest für einige Bereiche des gesellschaftlichen Lebens (z. B. bestimmte Positionseliten, Arbeitsmarkt) dennoch ein gewisser "Modernisierungsvorsprung" im Hinblick auf die Gleichberechtigung der Geschlechter diagnostiziert (Geißler 1992).

Hat sich jener Modernisierungsvorsprung in Ostdeutschland nach 1990 dauerhaft halten können bzw. ist er auch in der politischen Beteiligung sichtbar? Die Analyse politischer Partizipation bietet einen Ansatzpunkt, die Erfüllung von Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Realität zu überprüfen. Im Folgenden geht es daher unter anderem um die Frage, in welchem Ausmaß sich Frauen politisch beteiligen und dadurch die gesellschaftliche Öffentlichkeit aktiv mitgestalten. Darüber hinaus werden Art und Ausmaß weiblicher Beteiligung mit den Vergleichsdaten des männlichen Teils der Bevölkerung in Beziehung gesetzt: Gibt es ein geschlechtsspezifisches Gefälle (gender gap) in der politischen Partizipation? Und hat sich die Wiedervereinigung samt der nachfolgenden Entwicklungen auf die politische Partizipation von Frauen und auf jenes Gefälle ausgewirkt?

2. Die Wahlbeteiligung als Indikator



Wahlbeteiligung bei den Europawahlen nach Geschlecht.Wahlbeteiligung bei den Europawahlen nach Geschlecht. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Ein erstrangiger Indikator für geschlechtsspezifische politische Partizipation ist die Wahlbeteiligung von Frauen. Die Beteiligung von Frauen an Wahlen auf Europa-, Bundes- und Landesebene seit den 1950er Jahren folgt in ihrer Entwicklung im Groben der Wahlbeteiligung der Gesamtbevölkerung. Dass der Grad der Wahlbeteiligung zwischen den Geschlechtern variiert, ist nicht nur mit strukturellen Faktoren, sondern z. B. auch mit Mobilisierungseffekten zu erklären. Gemäß den Repräsentativen Wahlstatistiken beteiligten sich an Europawahlen, mit Ausnahme der Wahlen von 1979 und 1984, Frauen etwas weniger als Männer (Vgl. Abbildung "Wahlbeteiligung bei den Europawahlen nach Geschlecht"). Bei den Bundestagswahlen von 1953 bis 1990 und ab 2002 lag der Anteil der Frauen, die an der Wahl teilnahmen, konstant unter dem der Männer (Informationen des Bundeswahlleiters, Bundestagswahl 2009, S. 73); 2009 betrug die Wahlbeteiligung der Männer 71,8 Prozent, die der Frauen 71,0 Prozent (Vgl. Abbildung "Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen ab 1953 nach Geschlecht"). Die Unterschiede fallen derart gering aus, dass hier von einem gender gap nicht gesprochen werden kann. Ebenso gibt es bei bekennenden wie bei konjunkturellen (d. h. gelegentlich den Wahlurnen fernbleibenden) Nichtwählern kaum geschlechtsspezifische Differenzen (Bertelsmann-Stiftung 2004, S. 79 und S. 81). Bei Landtagswahlen in Deutschland bestätigt sich das Bild einer etwas geringeren Beteiligung von Frauen, allerdings mit regionalen Unterschieden (vgl. Steinbrecher/Huber/Rattinger 2007, S. 188). In den westdeutschen Flächenländern Bayern, Baden-Württemberg und Hessen ist die geringere Teilnahmehäufigkeit von Frauen deutlicher ausgeprägt; in Ostdeutschland wurden für die Landtagswahlen keine oder nicht zu allen Wahlen repräsentative Wahlstatistiken erhoben: Bei denjenigen Landtagswahlen, zu denen Daten vorliegen, zeigt sich ebenfalls eine geringere Beteiligung von Frauen. Hingegen liegt die Wahlbeteiligung von Frauen in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen über der Stimmenabgabe von Männern.

3. Ungleich verteiltes Interesse an Politik



Politisches Interesse nach Geschlecht und Erhebungsgebiet.Politisches Interesse nach Geschlecht und Erhebungsgebiet. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Aus dem Umstand der annähernd gleichen Wahlbeteiligung von Frauen und Männern darf nicht geschlossen werden, dass sich beide Geschlechter auch gleichermaßen für Politik interessieren. Immer wenn in Umfragen das politische Interesse erhoben wird, ist der Anteil von Frauen, die ein sehr starkes oder starkes politisches Interesse angeben, gerade einmal ungefähr halb so hoch wie der entsprechende Anteil bei Männern (vgl. Abbildung "Politisches Interesse nach Geschlecht und Erhebungsgebiet"). Dabei ist in Westdeutschland der statistisch gesicherte Zusammenhang von Geschlecht und politischem Interesse etwas stärker ausgeprägt als in Ostdeutschland. Als Ursache des generell geringeren politischen Interesses von Frauen wird in der Partizipationsforschung unter anderem die Orientierung an Geschlechterrollen genannt: In beiden Teilen Deutschlands hat allgemein ein Einstellungswandel zur Rolle der Frau stattgefunden, wobei sich Frauen durchschnittlich "moderner" als Männer (je für Ost und West getrennt) positionieren.

Mittelwerte der Geschlechtsrollenorientierung.Mittelwerte der Geschlechtsrollenorientierung. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Dabei fällt auf, dass ostdeutsche Männer sich bezüglich der Geschlechtsrollenorientierung sogar "moderner" zeigen als westdeutsche Frauen in ihrem geäußerten Selbstverständnis (vgl. Tabelle "Mittelwerte der Geschlechtsrollenorientierung"). Das (in Westdeutschland stärker ausgeprägte) traditionelle Rollenbild befördert eine größere Politikferne von Frauen. Zugleich fühlen sich möglicherweise insbesondere Frauen mit einer feministischen bzw. Gleichberechtigung stärker einfordernden Rollenorientierung im traditionellen "männlich" dominierten Politikbetrieb nicht hinreichend repräsentiert, so dass sie andere Formen präferieren und anstreben (Westle/Schoen 2002, S. 229f.).
Frauen im Europaparlament zu Beginn jeder Wahlperiode.Frauen im Europaparlament zu Beginn jeder Wahlperiode. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

4. Nur unterdurchschnittlich beteiligt – der Frauenanteil am politischen Personal



Die Wahlbeteiligung der Bürger wie auch ihr bekundetes politisches Interesse stellt nur eine Variante institutionalisierter politischer Partizipation dar. Etwas anderes ist es, als Bürger selbst beteiligt zu sein, also im Personalkörper der Politik repräsentiert zu sein (oder eben auch nicht). Ein Gradmesser hierfür ist die "einfache" Mitgliedschaft in einer Partei oder die höherrangige Zugehörigkeit zur politischen Delegationselite, also die Mitgliedschaft bzw. Übernahme von Ämtern und Funktionen in gewählten parlamentarischen Vertretungskörperschaften. Bis Ende der 1960er Jahre lag in der Bundesrepublik der Anteil an weiblichen Mitgliedern in den politischen Parteien weit unter 20 Prozent (Hoecker 1998, S. 66-68). Im Zuge der Politisierung in den 1970er Jahren stiegen in Westdeutschland die Zahlen weiblicher Parteimitglieder erheblich an. In der DDR waren 1989 ca. 36,5 Prozent aller Parteimitglieder Frauen. Im wiedervereinten Deutschland stellen Frauen im Jahre 2008 dennoch lediglich ein gutes Viertel aller deutschen Parteimitglieder. Den höchsten Frauenanteil weisen kleinere Parteien auf, so Bündnis 90/Die Grünen mit 37,4 Prozent und die PDS bzw. Die Linke mit 37,3 Prozent; den niedrigsten Frauenanteil hat die CSU in Bayern mit 18,9 Prozent (Dossier Parteien der bpb). Der Anteil an weiblichen Parlamentsmitgliedern ist auf Europa-, Bundes- wie Landesebene inzwischen deutlich gestiegen. Während der Frauenanteil unter deutschen Abgeordneten im Europäischen Parlament 1979 nur ca. 15 Prozent betrug (12 Frauen von 81 Abgeordneten), erreichte er 1989 schon mehr als ein Drittel (25 Frauen von 81 Abgeordneten) und blieb bis einschließlich 2009 (37 Frauen von 99 Abgeordneten) in etwa konstant (vgl. Abbildung "Frauen im Europaparlament zu Beginn jeder Wahlperiode"). Im europäischen Vergleich: 2008 war die Hälfte der MdEP aus Estland, Luxemburg und Slowenien weiblichen Geschlechts; bei den Abgeordneten aus Frankreich, den Niederlanden und Schweden war es fast die Hälfte; dagegen entsandten Zypern und Malta keine weiblichen Abgeordneten in das Europäische Parlament (Pressemappe des Europäischen Parlaments zur Europawahl 2009, S. 24).

Frauen im Bundestag bei den Wahlen nach Fraktion.Frauen im Bundestag bei den Wahlen nach Fraktion. (© bpb)
Der Frauenanteil im Deutschen Bundestag lag seit der ersten Wahlperiode 1949-53 bis zur 10. Wahlperiode 1983-87 generell unter 10 Prozent. Von 15,4 Prozent nach den Wahlen 1987 stieg er 1990 bei den ersten gesamtdeutschen Wahlen auf 20,5 Prozent an. Nachdem der Anteil weiblicher MdB 1994 auf ein gutes Viertel weiter angewachsen war, liegt er seit 1998 bei einem knappen Drittel (vgl. Tabelle "Frauen im Bundestag bei den Wahlen nach Fraktion"). Den geringsten Frauenanteil weist die Bundestagsfraktion der CSU und CDU mit 9,8 Prozent bzw. 14,6 Prozent im Jahre 1990 und 13,3 Prozent bzw. 21,6 Prozent im Jahre 2009 auf. Die höchsten Frauenanteile finden sich in den Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen mit 37,5 Prozent bzw. 54,4 Prozent und der PDS/Die Linke mit 47,1 Prozent bzw. 52,6 Prozent in den Jahren 1990 und 2009.


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