Denkmal für die Berliner Mauer
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Die Einigung als Experiment


30.3.2010
Fand nach der Wende im Osten Deutschlands ein gesellschaftlicher Großversuch statt? Wurden hier Neuerungen erprobt? Und wenn ja: von wem und mit welchen Ergebnissen?
Ostdeutsche Bundesländer haben inzwischen einen Vorsprung bei der regenerativen Energiegewinnung erreicht.Ostdeutsche Bundesländer haben inzwischen einen Vorsprung bei der regenerativen Energiegewinnung erreicht. (© AP)

1. Experimente im Osten?



War und ist Ostdeutschland seit der Einigung ein "Experimentierfeld"? Gibt es ein "Labor Ostdeutschland"? Werden hier in einer Art gesellschaftlichem Großversuch Neuerungen erprobt? Wurden mit der deutschen Einheit gesellschaftliche "Experimente" gestartet und Innovationen auf den Weg gebracht? Und falls das der Fall ist: Wie war der "Versuchsaufbau"? Wer waren die "Versuchsobjekte" und wer die "Versuchsleiter"? Schließlich: Welche Ergebnisse haben eventuelle "Experimente" erbracht?

Der experimentelle Charakter der ostdeutschen Situation geht häufig mit positiven oder negativen Bewertungen einher: es geht um Chance oder Risiko. So betonte etwa der damalige sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt in seiner Rede zum 15. Jahrestag des Mauerfalls am 9.November 2004 die nützliche Bedeutung von Experimenten als bewusstes Handeln in eine offene Zukunft hinein: Die "Ostdeutschen [sind] nach 15 Jahren immer noch bereit zu experimentieren – wenn das Ergebnis nicht darin besteht, mit den sklerotischen Strukturen aus Westdeutschland den Aufbau Ost zu bewerkstelligen." Ähnlich formuliert es auch der Sozialwissenschaftler Wolfgang Engler: "Der Osten Deutschlands ist zu einem der größten Experimentierfelder der jüngeren Geschichte geworden. Und man hat den Eindruck, daß die Ostdeutschen mit der erneuten avantgardistischen Zumutung ganz gut zurechtkommen – wenn man sie läßt" (Engler 2004, S. 87).

Allgemeinverbindliche Tarife.Allgemeinverbindliche Tarife. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Demgegenüber zeichnet der Industriesoziologe Ulrich Brinkmann eher ein frankensteinhaftes Bild von Experimenten, wenn er von Ostdeutschland als "Labormaus des Westens" schreibt, an welcher neue Möglichkeiten ökonomischer Rationalisierung getestet würden. "Der Osten fungiert im Zugriff neoliberaler Eliten als Laboratorium des Westens" (Brinkmann 2005, S. 305). Bereits in den 1990er Jahren wurde insbesondere von Seiten der Gewerkschaften beklagt, dass das "'Experimentierfeld Ost', nämlich Tarifflucht und Sozialdumping, auf den Westen" übertragen werden solle (DGB 1998).
Die Frage lautet: Inwieweit ist es tatsächlich sinnvoll, von einem "Experimentierfeld Ostdeutschland" zu sprechen? Um diese Frage zu beantworten, ist ein Blick auf den wissenschaftlichen Umgang mit dem Begriff "Experiment" in Bezug auf die Entwicklung Ostdeutschlands nach der Einigung hilfreich.

2. Lässt sich die Wiedervereinigung "experimentell" nutzen?



1991 erschien ein Buch mit dem Titel "Experiment Vereinigung", in dem die deutsche Einheit als "sozialer Großversuch" gedeutet wird (Giesen/Leggewie 1991). Dem Soziologen M. Rainer Lepsius zufolge bestand damals eine "einzigartige experimentelle Situation, in der das gesamte Institutionen- und Rechtssystem schlagartig ausgetauscht wird, aber die Mentalitäten, die eingeübten Verhaltensweisen und die subjektiven Befindlichkeiten zunächst weiter bestehen" (Lepsius 1991, S. 72) bleiben. Für den Politologen Claus Offe handelte es sich um einen "forschungspragmatischen Glücksfall, der vor unseren Augen ein 'natürliches Experiment' von Dimensionen ablaufen läßt, die unter 'Laborbedingungen' auch nicht annähernd zu reproduzieren wären" (Offe 1991, S. 77).
Vor allem das letzte Zitat verdeutlicht, dass hier ein Begriff von Experiment zu Grunde gelegt wird, der nicht dem klassischen naturwissenschaftlichen Versuch entspricht. Für diesen gelten zwei andersartige Merkmale, nämlich die Isolierbarkeit des experimentellen Umfelds und die systematische Veränderung von Einflussfaktoren. Wissenschaftliche Experimente finden klassischer Weise in isolierten Räumen unter kontrollierten Bedingungen statt. Aussagen über Experimente beziehen sich dabei nicht auf die "Wirklichkeit", sondern auf deren Simulation und die kontrollierte Versuchsanordnung. Nach diesem Modell verlassen nur erfolgreiche Versuche, also solche, die einen Nutzen haben, das Labor.
Tarifvertrag und Betriebsrat.Tarifvertrag und Betriebsrat. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Indes gibt es heute auch experimentelle Wissenschaften, deren Versuche von vornherein außerhalb des Laboratoriums stattfinden. Mit dem teilweise erfolgten "Auszug" aus dem Labor hat die Wissenschaft nach Auffassung der beiden Soziologen Wolfgang Krohn und Johannes Weyer (1989) etwas nachvollzogen, was für Politik und Wirtschaft seit langem selbstverständlich ist: Entscheidungen in diesen Teilsystemen stellen kein folgenloses Handeln auf Probe dar, mit dem die Gesellschaft nur im Erfolgsfall konfrontiert wird; vielmehr handelt es sich immer um "Experimente" mit ungewissen Folgen, die durch kein "Labor" eingedämmt werden können.

Ebenso ist die Wiedervereinigung ein "Versuch" mit der Gesellschaft, außerhalb künstlich angelegter Laborräume. Dies trifft im Übrigen für alle politischen oder wirtschaftlichen Entscheidungen zu, wie etwa – um zwei aktuelle Beispiele zu nennen – den Bologna-Prozess der Angleichung akademischer Abschlüsse in der EU oder die Einführung des Euro als gemeinsamer Währung. Auch hier ist die Isolierbarkeit des Umfelds, und damit die erste Voraussetzung eines strengen naturwissenschaftlichen Versuchs, nicht gegeben.

Wie ist es nun um das zweite Kriterium klassischer Experimente bestellt? War für den sozialen Großversuch in Ostdeutschland eine kontrollierte Veränderung von Einflussfaktoren kennzeichnend? Dies trifft für das Versuchsfeld Ostdeutschland gleichfalls nicht zu. Vielmehr wurden durch den Einigungsvertrag, wo vielleicht noch am ehesten möglich gewesen wäre, anders zu verfahren, einheitliche Rechtsgrundlagen für den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes festgeschrieben. Es wurden keine Sonderzonen ausgewiesen, in denen andere Bedingungen (etwa des Steuerrechts) gelten sollten. Damit fehlten aber Elemente eines "kontrollierten Versuchsaufbaus", um zu überprüfen, mit welcher Anordnung von Einflussfaktoren sich die Einigungsfolgen bestmöglich beherrschen ließen. Hinzukommt, dass schon vor dem Beitritt der DDR deren Bewohner Deutsche im Sinne des Grundgesetzes waren, die nach dem Mauerfall durch Abwanderung einen eventuellen "Versuchsaufbau" immer unterlaufen konnten. Durch fehlende "Versuchskontrolle" sind aber die Möglichkeiten, aus Experimenten Schlüsse zu ziehen, entscheidend eingeschränkt. Allenfalls hätte sich angeboten, die Transformation in Ostdeutschland mit parallelen Großversuchen in anderen ehemals sozialistischen Ländern quasi-experimentell zu vergleichen – wobei die Rahmenbedingungen (oder die "Grenzen des Labors") freilich andere waren.

Der "Großversuch Ostdeutschland" erfüllt also nicht die Kriterien klassischer wissenschaftlicher Experimente. Soweit dennoch von einem Experiment die Rede ist, werden damit metaphorisch die historische Einmaligkeit, die weit umspannende Größenordung und der ungewisse Verlauf der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse betont. Und als ein Prozessbegriff, der kontrollierten Wandel anzeigt, ist "das Experiment" zur Beschreibung der Entwicklung Ostdeutschlands seit 1990 durchaus tauglich.

3. Ostdeutschland als Experimentierfeld, stellvertretend für Gesamtdeutschland? – Die Arbeitsbeziehungen als Beispiel



"Atypische" Beschäftigung."Atypische" Beschäftigung. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Ein so als Experiment verstandener Vorgang stellt die von Lepsius, Lehmbruch und anderen beschriebene Umsetzung der Wiedervereinigung als ein Institutionentransfer dar. Ein Beispiel für eine gelungene Übertragung ist dabei die Institution Schule. Dieser Institutionentransfer musste dem Pädagogen Klaus-Jürgen Tillmann (1994, S. 265) zufolge aufgrund gemeinsamer historischer Traditionen der preußischen Staatsschule und auch, weil die Strukturunterschiede des Schulwesens zwischen den beiden deutschen Staaten relativ gering waren, vergleichsweise problemlos ablaufen. Ein gegenteiliges Beispiel für den Transfer solcher Institutionen, die sich in der Anwendung auf ostdeutsche Problemlagen als nur eingeschränkt passfähig erwiesen, sind etliche wohnungspolitische Förderprogramme der frühen 1990er Jahre. Sie wurden aus Bundes- und Landesmitteln finanziert und teilweise. noch in den letzten Monaten der DDR aufgelegt. Im Einzelnen ging es um die Modernisierung und Instandsetzung von Wohnungen, die Sanierung leer stehender Wohngebäude zur Schaffung von Mietwohnungen, die Eigentumsförderung und Privatisierung. Bei der Umsetzung erwiesen sich gerade ostdeutsche Besonderheiten als hinderlich: fehlendes Eigenkapital, ungeklärte Eigentumsverhältnisse, mangelnde Passfähigkeit der Förderprogramme (z.B. gab es keine Fördermittel für Teilleerstand von Häusern) (Holtmann/Meisel 1996).
Größere strukturelle Hindernisse für einen reibungslosen Institutionentransfer traten in Bereichen auf, die im Westen marktförmig funktionieren und in der DDR staatswirtschaftlich oder staatlich organisiert waren. So schreiben Wissenschaftler der Universität Duisburg: "Die einzige Institution, deren Export nach Ostdeutschland in beträchtlichem Umfang fehlschlug, war das Tarifvertragssystem." Es stellte sich im Laufe der ökonomischen Transformation heraus, "wie wenig das für das bisherige deutsche Beschäftigungsmodell stilbildende Tarifvertragssystem in der ostdeutschen Wirtschaft verwurzelt werden konnte" (Lehndorff u.a. 2009, S. 27).


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