Illustration zum Messenger-Projekt "Der Mauerfall und ich"

Kathrins Geschichte

Du hast gerade die erste Nachricht von Kathrin erhalten und möchtest wissen, was sie schon erlebt hat. Hier findest du alle Nachrichten zum Nachlesen.

19. Oktober, 16:00 Uhr – Hausparty bei "Schwarzwohnern"

Illustration: Sog. "Schwarzwohner" reparieren das besetzte Haus, in dem sie wohnen.Sog. "Schwarzwohner" reparieren das besetzte Haus, in dem sie wohnen. (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hey,

heute gehe ich mit Sandra und Robert zu einer Hausparty in Leipzig-Connewitz. In dem Haus wohnen wohl nur Schwarzwohner. Da sind einfach einige in einen leerstehenden Altbau eingezogen und bezahlen keine Miete. Durch die Fenster soll es reinziehen, der Putz ist wohl komplett ab. Letztes Jahr haben sie zumindest das Dach selbst repariert, hat Robert erzählt.

Mein Vater regt sich immer über die Schwarzwohner und ihre Wohnungsbesetzungen auf, dabei ist das ja kein Verbrechen. Und wenn man sich die vielen verfallenen Häuser in Leipzig anschaut, ist das wohl keine so schlechte Idee. Zumal ja auch der Wohnraum knapp ist. Ich hatte dir ja mal erzählt, wie lange meine Eltern auf die Wohnung hier in Grünau warten mussten.

Warum so viele Häuser verfallen sind? Die Regierung hat irgendwann mal die Mietpreise festgesetzt, um die Mieten günstig zu halten. Für die Hausbesitzer hat das dann aber oft nicht gereicht, um die Häuser instand zu halten. Deswegen wollen viele aus den unsanierten Altbau-Häusern in die Neubauten ziehen, so wie wir in Grünau.

Ich bin mal gespannt, was die in Connewitz aus dem Haus gemacht haben!

Bis dann,
Kathrin

18. Oktober, 20:00 Uhr – Honecker tritt zurück

Illustration: Die Portraits von Erich Honecker und Egon KrenzErich Honecker tritt als Generalsekretär zurück (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hast du es auch schon gehört? Erich Honecker ist zurückgetreten! Angeblich aus gesundheitlichen Gründen, aber das glaubt keiner so richtig. Mein Vater vermutet eher, dass Honecker keine Mehrheit im Politbüro mehr hinter sich hat und deswegen zurückgetreten ist.

Als Nachfolger wurde vom ZK Egon Krenz gewählt. Seine Ansprache läuft gerade im Fernsehen und er sagt, dass die SED eine "Wende" einleiten und die "politische und ideologische Offensive wieder erlangen" werde. Was heißt das jetzt? Soll alles beim Alten bleiben, oder wie?

Viele sagen Krenz ja nach, dass er hinter den Fälschungen der Kommunalwahlen im Mai dieses Jahres steckt. Immerhin war er Leiter der Zentralen Wahlkommission. Da muss er ja wohl mindestens mitbekommen haben, dass was nicht stimmt.

Und vor drei Wochen war er in Peking und hat viel Verständnis für das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens gezeigt. Dort hat der Staat ja einfach Demonstranten töten lassen. Und das unterstützt Egon Krenz?!

Mein Vater ist übrigens enttäuscht. Er sagt, das sei der Anfang vom Ende.

Bis bald,
Kathrin

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Hier kannst du dir die Tagesschau vom 18.10.1989 ansehen: http://kurz.bpb.de/kathrin1810

17. Oktober, 11:55 Uhr – Forderungen nach Reformen auf vielen Veranstaltungen

Hi,

ich bin immer noch ganz überwältigt von der Demo gestern. Von dem "Konzert gegen Gewalt" am Wochenende in Berlin hatte ich dir erzählt, oder? Robert meinte gerade, dass auch Pankow dabei war! Bei ihrem Auftritt vor 3000 Leuten haben sie auch zu Reformen aufgerufen.

Überhaupt kursieren schon seit ein paar Wochen immer wieder offene Briefe und Resolutionen von Künstlern, Schriftstellern und Theaterleuten. Sie fordern z.B. Meinungsfreiheit, aber auch die Aufklärung der Polizeigewalt am 7. und 8. Oktober in Berlin. Musiker von Pankow, Silly und Karat gehören auch zu den Künstlern, die sich öffentlich gegen die Regierung positioniert haben.

Gestern haben sie ihren Standpunkt auch nochmal auf der Vollversammlung der Sektion Rock beim Komitee für Unterhaltungskunst unterstrichen und gefordert, dass alle Strafen gegen Demonstranten aufgehoben werden. Das wurde auch im Westfernsehen übertragen!

Ich find’s richtig stark, dass sich die Künstler auf die Seite der Demonstrierenden stellen!

Bis dann,
Kathrin

Hier kannst du meine vorherigen Nachrichten lesen:


16. Oktober, 20:55 Uhr – Bisher größte Montagsdemonstration

(© Bundeszentrale für politische Bildung)

Hey Du,

das war heute ein Abend! Erst gab es in mehreren Kirchen hier in Leipzig Gebete für die Inhaftierten und dann liefen wieder alle gemeinsam über den Ring. Letzte Woche sollen ja 70.000 auf der Straße gewesen sein, heute waren das bestimmt mehr als 100.000! Die ganze Stadt war voll!

Ich glaube, viele trauen sich jetzt mit zu demonstrieren, nachdem letztes Mal alles einigermaßen friedlich verlaufen ist und vor allem jetzt, wo das Politbüro einen Schritt auf uns zugemacht hat. Überall stand auf den Transparenten: "Wir wollen Meinungsfreiheit" und "Wir wollen Reisefreiheit" oder "Es ist Zeit für das Neue Forum".

Gestern haben wohl auch Rockmusiker, Künstlerinnen und Theaterleute aus der ganzen DDR in Berlin ein "Konzert gegen Gewalt" gespielt und sich heute nochmal offiziell hinter die Forderungen der Opposition gestellt. Das hat uns auch Mut gemacht!

Vielleicht weiß ich morgen noch mehr dazu. Ich melde mich bei dir!

14. Oktober, 14:25 Uhr – Kathrins Vater wirkt nachdenklich

Hi du,

mein Vater wirkt plötzlich ganz desillusioniert und niedergeschlagen. Vielleicht hat ihn unser Streit letzte Woche zum Nachdenken gebracht?

Er sagt jetzt selbst, dass Honecker etwas ändern muss, damit es nicht doch noch zu offenen Straßenkämpfen kommt. Vor ein paar Tagen hat das Politbüro ja angekündigt, den Dialog mit den Bürgerrechtlern und Demonstranten zu suchen. Aber irgendwie glaubt mein Vater nicht, dass das Honeckers Idee war. Bisher hatte Honecker die Proteste immer verurteilt und so getan, als gäbe es keinen Grund auf die Straße zu gehen. Vielleicht haben sie im Politbüro jetzt sogar gegen ihn gestimmt?

Ich würde echt gern mal wissen, was da gerade los ist innerhalb der Parteispitze. Und was das für uns bedeutet…

Bis bald,
Kathrin

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ℹ️ Mehr zum Politbüro: http://jugendopposition.de/148601

12. Oktober, 16:00 Uhr – Kathrin trifft auf Breakdancer

Illustration: Zwei junge Männer tanzen Breakdance in der Einkaufspassage der Leipziger Innenstadt.Kathrin trifft Breakdancer Mike Dietrich in der Leipziger Innenstadt. (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hey,

heute waren Sandra, Robert und ich ein bisschen in der Stadt und haben ein paar Jungs gesehen, die einen Kassettenrecorder dabei hatten und Breakdance getanzt haben. Seit ein paar Jahren ist das ja in der DDR ganz beliebt, vor allem seit "Beat Street" in den Kinos lief – da ging es um Hip-Hop in Amerika. Das war für viele ein Vorbild.

Als wir ankamen, hat die Gruppe schon aufgehört, und einer von denen, Mike, hat uns erzählt, dass die immer nur kurz auf der Straße tanzen können, weil die Volkspolizei sie manchmal wegscheucht. Es ist ein bisschen paradox: Einerseits gibt es offizielle Turniere und manche Breakdancer sind sogar als Künstler von der DDR anerkannt. Andererseits hat die SED was gegen Graffiti und diesen amerikanischen HipHop…

Mike meint, die würden gar nicht verstehen was Breakdance ist. Sie sagen dazu "akrobatischer Schautanz". Ha! Dadurch haben die Breakdancer bisher immerhin nicht so viele Probleme mit der Stasi, wie z. B. die Punks. Bis dann,
Kathrin

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ℹ️ https://www.jugendopposition.de/145417

11. Oktober, 18:00 Uhr – SED zeigt Bereitschaft zum Dialog (Audio-Nachricht)

(© Bundeszentrale für politische Bildung)

Du glaubst nicht, was die gerade in der Aktuellen Kamera im Fernsehen gebracht haben. Die haben eine Erklärung des Politbüros verlesen und anscheinend plant die DDR-Regierung jetzt tatsächlich mit den Bürgerrechtlern und Demonstranten zu reden. Da war irgendwie von Dialog und politischem Miteinander die Rede und jeder soll plötzlich Vorschläge machen können, also genau das was die Bürgerrechtler z. B. vom Neuen Forum oder der Umweltbibliothek schon die ganze Zeit fordern, und auch die Leute bei den Demos immer wieder sagen.

Am sozialistischen System als solchem wollen sie dabei aber nicht rütteln, das steht nicht zur Debatte. Aber es ist schon erstaunlich, dass sie überhaupt von Problemen in der DDR sprechen. Also nicht mehr einfach alles schön reden, oder für die Proteste z. B. den Westen verantwortlich machen. Das ist jetzt ein komplett anderer Ton im Vergleich zu den letzten Tagen und Wochen. Ich bin echt gespannt, ob die das jetzt auch wirklich ernst meinen.

10. Oktober, 19:00 Uhr – NVA in Bereitschaft versetzt

Hallo,

ich verstehe meinen Vater einfach nicht mehr. Nachdem jetzt immer mehr Menschen auf der Straße demonstrieren, meinte er gerade, wenn das so weitergeht, müsse doch das Militär die Ordnung und Sicherheit in der DDR wiederherstellen.

Neulich hatte er schon erzählt, dass ein paar seiner Freunde bei der NVA in Bereitschaft versetzt wurden. Wohl auch, um die Feierlichkeiten zum 40. Republik-Geburtstag abzusichern. Mein Vater ist ernsthaft der Meinung, dass man die NVA auch gegen die Montagsdemos einsetzen sollte. Unfassbar… Genau wie die SED-Regierung sieht er überhaupt nicht ein, dass unser Land dringend politische Reformen braucht.

"Willst du, dass sie auf deine Tochter schießen?", habe ich ihn dann in meiner Wut gefragt. Damit war es raus. Bislang hatte ich zu Hause nie darüber gesprochen, dass ich zu den Demos gehe. Er hat mich nur groß angeschaut und ist dann rausgestürmt. Ich bin trotzdem erleichtert, dass ich es ihm endlich gesagt habe!

Kathrin

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ℹ️ Mehr zum Militär in der DDR:
http://bpb.de/223787

09. Oktober, 19:00 Uhr – Großdemonstration in Leipzig

Großdemonstration in LeipzigGroßdemonstration in Leipzig (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Es ist unglaublich. Ich habe noch nie so viele Menschen in Leipzig auf dem Ring gesehen. Zigtausende müssen es sein. Bisher läuft zum Glück alles ganz friedlich, wir haben Kerzen in der Hand und rufen "Wir sind das Volk!". Die Volkspolizei am Straßenrand lässt uns einfach vorbeigehen.

Manche hatten schon Angst, dass die Lage irgendwann so eskaliert wie bei den Studentenprotesten in Peking in China. Da hat die Armee im Juni viele Demonstranten erschossen. Aber noch gibt es hier keine Zusammenstöße.

Eben haben wir zwei Männer getroffen, die eine Filmkamera in einer Plastiktüte dabei hatten. Robert meinte, er hat den Kameramann schon einmal in der Umweltbibliothek in Berlin kennengelernt. Siegbert Schefke heißt er und macht schon seit längerer Zeit heimlich Filmaufnahmen in der DDR. Wir haben kurz mit ihm und seinem Kollegen Aram gesprochen. Sie haben einen Ort gesucht, von dem aus sie die Demo heimlich filmen können. Wir haben dann gesehen, dass sie in einer Kirche verschwunden sind – vielleicht wollten sie es vom Kirchturm aus probieren? Ich bin gespannt, ob es ihnen gelingt. Das Westfernsehen hat wohl schon einmal Aufnahmen von ihnen gezeigt.

Bis bald,
Kathrin

Eine Reportage zum 9. Oktober von Siegbert Schefke (inkl. Video) findest du hier:
http://www.bpb.de/297873

08. Oktober, 20.30 Uhr – Die Demonstrationen weiten sich aus

Hi du,

gerade habe ich in der Tagesschau gesehen, dass gestern nicht nur in Ost-Berlin und Leipzig demonstriert wurde, sondern auch in anderen Städten wie Potsdam, Dresden, Jena und Plauen. Und obwohl die Demos friedlich waren, wurden sie zum Teil von der Polizei brutal aufgelöst.

In den DDR-Medien erfährt man kaum etwas über die Proteste. Und wenn doch, dann berichten sie nur im Sinne der SED: ADN hat laut Tagesschau zum Beispiel gemeldet, dass Randalierer, angestachelt von westdeutschen Medien, erfolglos versucht hätten, die Volksfeste zum 40. Jubiläum zu stören. Was für ein Quatsch. Die Gewalt ging doch nur von der Vopo aus!

Auch bei uns in Leipzig wurden gestern viele Leute verhaftet. Morgen demonstrieren wir nach dem Friedensgebet für ihre Freilassung. Auch wenn das gefährlich ist – wir dürfen uns nicht mehr einschüchtern lassen.

Wir sehen uns morgen bei der Demo!
Kathrin

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Hier kannst du dir die Tagesschau vom 8.10.1989 ansehen:
http://kurz.bpb.de/kathrin0810

07. Oktober, 20:55 Uhr – Militärparade zum 40. Jahrestag der DDR

DDR-Militärparade zum 40. JahrestagDDR-Militärparade zum 40. Jahrestag (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Heute wird die DDR 40 Jahre alt. Nach Feiern ist mir und vielen anderen aber absolut nicht zumute. Was mich so richtig ärgert: Erich Honecker versucht die ganzen Proteste der letzten Wochen wegzulächeln. Er feiert die Republik mit einer großen Militärparade in Berlin. Sogar Michail Gorbatschow ist nach Berlin gekommen. Die Leute haben ihn begrüßt mit: "Gorbi, hilf!". Er hat ja in der Sowjetunion schon einige politische Reformen angestoßen.

In Berlin und Leipzig sind seit Tagen wieder Tausende auf der Straße und protestieren. Die Volkspolizei hatte Schlagstöcke dabei und hat versucht, die Demonstranten mit Wasserwerfern zu vertreiben. Und sie haben wieder richtig viele Leute festgenommen. Mich macht das echt wütend. Viele derjenigen, die da gerade protestieren, wollen hier bleiben und die DDR besser machen. Und was macht der Staat? Uns verletzen, wegsperren, stumm stellen.

Montag gehe ich wieder mit auf die Straße!
Kathrin

04. Oktober, 21:00 Uhr – Prager Botschaftsflüchtlinge in Dresden (Audio-Nachricht)

(© Bundeszentrale für politische Bildung)

Hallo,

ich bin ja gerade in Dresden und es sieht nicht so aus, als ob ich heute noch zurück nach Leipzig fahren kann. Wir sind gerade vom Kulturpalast zurück zum Bahnhof gegangen. Hier herrscht komplett das Chaos!

Es hat sich nämlich rumgesprochen, dass die Züge mit den Flüchtlingen aus der Prager Botschaft auf dem Weg in den Westen durch Dresden durchfahren. Auch Gabys Bruder Stefan müsste da dabei sein. Jetzt belagern hier jedenfalls nicht nur Leute aus Dresden, sondern aus der ganzen Umgebung den Bahnhof. Teilweise hoffen sie, am Bahnhof auf die Züge aufspringen zu können. Ich frag mich, wie das dann funktionieren soll, lassen die einen dann über die Grenze, so als blinden Passagier?

Und manche Demonstranten hier sind echt wütend und aggressiv. Einer hat sogar Pflastersteine auf Polizisten geschmissen. Pflastersteine!!!
Naja, ich hoffe, es geht alles gut hier und wir kommen irgendwie schnell wieder nach Leipzig zurück…
Drück mir die Daumen!

03. Oktober, 11:00 Uhr – Sandra ist wieder frei

Ich hab die ganze Nacht kein Auge zugemacht wegen Sandra. Robert und ich haben uns heute Morgen gleich am Wohnheim getroffen. Und zum Glück war sie wieder da! Wir hatten gehofft, dass sie sie schnell wieder gehen lassen, wie damals bei Frank in Berlin. Sandra ist noch richtig fertig, die hat echt was durchgemacht. Sie hat uns erzählt, dass sie auf ein Gelände in Markleeberg gebracht wurde, weil die Vopo-Reviere in Leipzig alle voll waren mit „Zugeführten“. Sie musste da stundenlang mit anderen in Pferdeställen stehen und durfte nicht auf Toilette gehen. Was für eine Schikane... Kurz verhört wurde sie auch – aber da wurde nichts gefragt, sondern eher auf sie eingeredet. Heute Morgen haben sie sie dann mit anderen gehen gelassen und sie ist mit dem Bus zurück in die Stadt. Du glaubst gar nicht wie froh ich bin, dass sie wieder da ist. Morgen wollten Sandra und ich eigentlich nach Dresden fahren, ich hoffe bis dahin hat sie diese Nacht irgendwie verdaut.

Bis dann,
Kathrin

02. Oktober, 21:15 Uhr – Sandra wird verhaftet (Audio-Nachricht)

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin, ihre Eltern und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Was Kathrin erlebt, erzählt sie im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich". (© Bundeszentrale für politische Bildung)

Hey,

bitte komm auf keinen Fall noch zur Demo! Ich kann noch gar nicht fassen, was gerade passiert ist. Sandra wurde festgenommen! Von der Volkspolizei! Zuerst haben sie den Weg abgesperrt und dann ist das alles eskaliert. Die Polizisten haben richtig auf einzelne Demonstranten eingeprügelt, mit Gummiknüppeln. Robert hat auch was abbekommen. Sandra und ich haben uns so heftig erschrocken. Sandra hat die Polizisten dann angebrüllt. Daraufhin haben sie sie aus der Menge gezogen und weggebracht. Ich hab noch versucht mich zu ihr durchzukämpfen, aber keine Chance.

Man, was mache ich denn jetzt? Robert und ich machen uns echt Sorgen. Er meinte gerade, dass solche "Zuführungen" einfach ohne Begründung stattfinden. Die nehmen Leute mit ohne sie auf irgendeiner Rechtsgrundlage verhaften zu können und dann werden sie stundenlang verhört. Die arme Sandra. Dabei sollte doch alles friedlich ablaufen. Hier waren wirklich tausende Menschen bei der Demo. Der ganze Richard-Wagner-Platz war voll. Die VoPo hat keiner angegriffen. Und dann hauen die einfach so drauf, das ist doch unfassbar! Robert und ich überlegen jetzt mit den anderen, was wir machen können, um Sandra zu helfen.

Ich sag' Bescheid, wenn es was Neues gibt.

02. Oktober, 18:00 Uhr – Kathrin und Sandra gehen zum Friedensgebet in die Nikolaikirche

Friedensgebet in der NikolaikircheFriedensgebet in der Nikolaikirche (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hi,

heute waren wir extra früh dran, um rechtzeitig in die Nikolaikirche zum Friedensgebet zu kommen. Zum Glück, denn die Kirche wurde wieder wegen Überfüllung geschlossen. Zuerst habe ich mich beim Friedensgebet ja noch etwas fremd gefühlt, wie die meisten Familien in der DDR gehen wir ja nicht in die Kirche. Aber mittlerweile ist es wirklich ein unbeschreibliches Gefühl, sich gemeinsam mit so viel Optimismus für die gleichen Ziele einzusetzen. Gebetet wurde heute vor allem für die inhaftierten DDR-Bürger. Einige wollen jetzt sogar aus Protest gegen diese politischen Verhaftungen fasten! Der Jugendpfarrer hat heute auch noch einmal betont, dass wir absolut friedlich und ohne Gewalt auf die Straße gehen. Jetzt stehen wir gerade vor der Nikolaikirche und warten, dass die Demo losgeht. Ein paar Leute haben die Internationale angestimmt. Die wird in der DDR ja fast so oft gesungen wie unsere Nationalhymne. Aber hier bekommt "Die Internationale erkämpft das Menschenrecht" gleich eine ganz andere Bedeutung…

Gleich geht’s los!
Kathrin

30. September, 21:00 Uhr – Ausreise der Prager Botschaftsflüchtlinge

Genschers Rede auf dem Balkon der Prager BotschaftGenschers Rede auf dem Balkon der Prager Botschaft (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hi!

Ich habe echt unglaubliche Nachrichten von Gabys Bruder Stefan aus Prag! Nachdem er dort tagelang mit tausenden anderen Flüchtlingen ausgeharrt hat, darf er jetzt endlich ausreisen.

Hans-Dietrich Genscher, der Außenminister der BRD, hat vom Balkon der Botschaft zu den Flüchtlingen gesprochen. Stefan konnte wegen der vielen Menschen kaum etwas verstehen. Genscher hat gesagt: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." und dann brach wohl ein ewig langer Jubel aus. Die Leute sind sich in die Arme gefallen, weil sie endlich in den Westen dürfen!

Wie sie da hinkommen sollen, klingt allerdings verrückt. Die Flüchtlinge sollen in Zügen durch die DDR in den Westen fahren. Da weiß ja niemand, ob die dann nicht doch in der DDR aussteigen müssen. Genscher soll ihnen aber die sichere Reise versprochen haben. Der erste Zug soll bald losfahren. Ich hoffe, dass Stefan es ohne Probleme rüber schafft.

Kathrin

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ℹ️ Mehr Infos: www.bpb.de/297704
Hier kannst du Genschers Balkon-Rede anschauen: http://kurz.bpb.de/kathrin3009

28. September, 15:00 Uhr – Kathrin ärgert sich über die schlechte Versorgung mit Konsumgütern

MangelwirtschaftMangelwirtschaft (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hey,

also ich verliere hier langsam echt die Geduld. Es gibt mal wieder keine Kaffeesahne, weder im Konsum noch in der Kaufhalle hier in Leipzig-Grünau. Überall dieselbe Antwort: "Hamma nich". Die sollte ich Mama doch unbedingt mitbringen.

Bei Gaby könnte ich es noch versuchen, die bekommt ja manchmal Kaffeesahne von Bärbel aus dem Westen geschickt. Vielleicht bringe ich ihr einfach den langen Reißverschluss mit, den ich neulich gekauft hatte. Die sind nämlich selten und ich kann mir vorstellen, dass wir tauschen könnten, damit sie endlich ihren Anorak reparieren kann.

Daumen drücken!
Kathrin

27. September, 16:10 Uhr – Feier in der Moritzbastei

MoritzbasteiMoritzbastei (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Heute Abend geht unsere ganze Germanistik-Seminargruppe in die Moritzbastei in Leipzig. Kennst du die? Das ist dieser Gewölbekeller, den Leipziger Studenten in den 70ern ausgegraben und wieder auf Vordermann gebracht haben – in insgesamt 150.000 freiwilligen Arbeitsstunden. Papas jüngerer Bruder hat mitgemacht und sich damit sogar lebenslangen Eintritt in die mb verdient. Er hat zu der Zeit Physik in Leipzig studiert. Eine gewisse Angela soll damals auch dabei gewesen sein.

Manche sagen sogar, die Moritzbastei sei der größte Studentenklub Europas. Ob das stimmt, weiß aber keiner. Beliebt ist die mb auf jeden Fall. Die Karten für Konzerte und Partys sind immer begehrt. Oft bilden sich draußen Schlangen und man kommt nur rein, wenn vorher jemand rausgeht.

Robert geht nicht gern hin, weil die mb ja offiziell von der Uni-FDJ-Kreisleitung geführt wird. Darum werden alle Veranstaltungen vorher geprüft und genehmigt. Trotzdem sind da auch schon Bands wie Pankow aufgetreten.

Ich zieh auf jeden Fall heute Abend meine neue Jeansjacke an!

26. September, 11:55 Uhr – Gespräch mit Robert über die Stasi

Hi,

wir waren gestern wieder in der Nikolaikirche und danach bei der Demo. Die Kirche war total überfüllt. Der Pfarrer, Christian Führer, hat deswegen angekündigt, dass ab jetzt zusätzliche Friedensgebete in anderen Kirchen stattfinden sollen. Bei der Demo sind dann auch Tausende mitgelaufen.

Heute Morgen haben Sandra, Robert und ich noch über gestern geredet. Robert hat uns gewarnt, dass es zu gefährlich sei, einfach offen über unsere politischen Ansichten zu reden. Man wüsste ja nicht, wer vielleicht für die Stasi mithört und spitzelt. Auch bei den Friedensgebeten in der Nikolaikirche hat die Stasi wohl ihre Leute eingeschleust.

Das finde ich richtig hinterhältig! Und irgendwie funktioniert es ja auch… Man traut sich halt nicht offen zu sagen was man denkt, weil man Angst vor den möglichen Folgen hat. Ehrlich gesagt werde ich auch immer unsicherer, ob wir Paula vertrauen können. Wer weiß, wie das in ihrer Familie ist…

Bis dann
Kathrin

ℹ️ Mehr dazu: https://www.bstu.de/mfs-lexikon/detail/inoffizieller-mitarbeiter-im/

25. September, 16:30 Uhr – Kathrin spricht an der Uni über die Montagsdemo (Audio-Nachricht)

(© Bundeszentrale für politische Bildung)

Hey,

ich komme gerade aus der Uni, von diesem Marxismus-Leninismus-Seminar. Ich hab natürlich diesen langweiligen Dozenten von letzter Woche erwischt, war ja klar. Aber heute hatte ich in der Seminargruppe das Gefühl, dass einige gar nicht mal so überzeugt wirken vom Sozialismus in der DDR. In dem Seminar traut sich natürlich keiner, das so richtig offen zu sagen. Aber eben haben wir danach noch in einer kleinen Runde über das Neue Forum geredet. Alle haben ja jetzt am Wochenende mitbekommen, dass das nicht zugelassen werden soll.

Und dann hab ich gesagt, dass ich eigentlich finde, dass die schon gute Ideen haben und wir nicht einfach akzeptieren sollten, dass die DDR solche Initiativen verbietet. Das ist mir irgendwie einfach so rausgerutscht… Erst habe ich gedacht, oh man, wenn jetzt einer dabei ist, der mir widerspricht oder das meldet oder so. Aber viele von den anderen haben tatsächlich zugestimmt! Das hat mich echt total überrascht. Zwei Leute meinten sogar, dass sie auch bei der letzten Montagsdemo waren und auch heute Abend wieder hingehen wollen. Ich bin gespannt, ob wir uns alle an der Nikolaikirche sehen. Nur Paula hat sich total aus der Diskussion rausgehalten. Das macht sie irgendwie immer, wenn es um Politik geht…

Bis dann,
Kathrin

23. September, 17:00 Uhr – Cousin Thomas erzählt von seinem Ferienlager

SommerlagerSommerlager (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hi!

Am Wochenende war ich mit meinen Eltern beim Geburtstag von meinem Cousin Thomas. Er ist 15 geworden und hat viel von seinem FDJ-Ferienlager erzählt.

Früher war ich auch bei den Jungpionieren und der FDJ. Ich erinnere mich noch gut daran, wie stolz ich war, als ich endlich das blaue Halstuch bekommen habe. In den Ferienlagern waren wir immer viel draußen, sind gewandert und haben Lagerfeuer gemacht. Der Fahnenappell gehörte natürlich auch dazu. Den Ruf "Seid bereit – Immer bereit!" habe ich noch gut im Ohr.

Außerhalb der Ferien haben wir uns mit der Schulklasse jede Woche zu den Pioniernachmittagen getroffen. Und zum Beispiel Drachen gebastelt oder Altpapier in unserer Nachbarschaft eingesammelt. Das war für mich damals einfach ein schönes Zusammensein mit meinen Mitschülern. Auch wenn es gelegentlich kleine Arbeitseinsätze gab. Aber eigentlich wurde man da schon ganz schön im Sinne der SED erzogen…

Kathrin

22. September, 17:15 Uhr – Neues Forum

Hey,

erinnerst du dich noch an den Gründungsaufruf zum Neuen Forum? Diese Bewegung, zu der auch Michael Arnold gehört. Heute steht im Neuen Deutschland (ND), dass das Neue Forum staatsfeindlich sei und das Ministerium die Gründung verbietet.

Das Neue Forum wollte sich ja ganz offiziell beim Innenministerium als politische Vereinigung eintragen lassen. Dabei haben sie sich auf unsere Grundrechte aus der Verfassung berufen, also konkret auf das Recht auf Vereinigung in Artikel 29. Wenn das Neue Forum jetzt nicht zugelassen wird, verstößt das doch ganz klar dagegen! Genau wie ja die Volkspolizei auch gegen das Versammlungsrecht nach Artikel 28 der Verfassung verstößt, wenn sie Versammlungen einfach auflöst. Das darf doch nicht sein!

Sandra und Robert haben eben gefragt, ob ich gleich mit zu Michael komme. Er wohnt in Reudnitz, also auf der anderen Seite der Stadt. Michael will jetzt ein Flugblatt erstellen und Unterschriften sammeln, weil er das Verbot nicht hinnehmen will.

Beste Grüße
Kathrin

ℹ️ http://kurz.bpb.de/kathrin2209

20. September, 17:00 Uhr – Uni-Alltag

Was für ein Tag...

Sandra, Paula und ich studieren ja alle Germanistik, also deutsche Sprache und Literatur. Deswegen sind wir auch in einer Seminargruppe und haben viele Kurse zusammen. Ist so ein bisschen wie in einer Schulklasse, da fällt es natürlich auch sofort auf, wenn man mal nicht da ist...

Heute war der letzte Tag der sogenannten "Roten Woche". Die läuft immer zu Beginn des Studienjahres. Da geht’s eine Woche lang nur um Themen des Marxismus-Leninismus und aktuelle politische Entwicklungen – egal, was man studiert. Heute war marxistische Philosophie dran, aber der Dozent wirkte so unmotiviert, das war echt eine Qual. Ich hoffe, dass wir den nicht auch in unserer ML-Ausbildung haben. Die ist ja die ersten drei Studienjahre verpflichtend. Im letzten Jahr ging es um politische Ökonomie, dieses Jahr ist die marxistisch-leninistische Philosophie dran und nächstes Jahr steht dann der wissenschaftliche Kommunismus auf dem Plan.

Naja, da müssen wir durch. Ohne die Hauptprüfung in ML zu bestehen, kann man das Studium ja nicht abschließen...

Dir ein schönes Wochenende!
Kathrin

19. September, 11:00 Uhr – Robert hat sich nach seinem Verschwinden gemeldet

Robert hat sich endlich gemeldet!

Sandra hat mir heute Morgen erzählt, dass ihm gestern auf dem Rückweg von der Demo ein Auto gefolgt ist. Anscheinend hatte er das Gefühl, das könnte die Stasi gewesen sein. Deswegen wollte er dann lieber nicht mehr ins Wohnheim kommen. Robert fährt jetzt erstmal nach Berlin, um Frank zu besuchen. Sandra und ich sind echt erleichtert, dass es ihm gut geht!

Robert geht ja mit Frank manchmal in die Umweltbibliothek. Die ist im Keller der Zionskirche in Ost-Berlin. Dort sammeln sie Bücher, die eigentlich verboten sind. Aber nicht nur zu Umweltthemen, sondern auch zu Politik und Wirtschaft. Und dann treffen sich dort auch viele Menschen, die ein Problem mit der DDR und der SED haben. Deswegen beobachtet die Stasi die UB auch.

Ich hoffe, Robert bringt uns dieses Mal eine Ausgabe der Umweltblätter mit. Das ist die Zeitschrift der Umweltbibliothek. Dort werden auch Themen behandelt, über die das Neue Deutschland (ND) nicht berichtet. Die Umweltblätter sind immer total schnell aus, weil sich immer mehr Menschen dafür interessieren.

Ich würde auch gerne mal mit in die Bibliothek und die ganzen "verbotenen" Bücher sehen. Vielleicht fahr' ich ja das nächste Mal mit Robert mit...

Kathrin

ℹ️ https://www.jugendopposition.de/145321

18. September, 21:03 Uhr – Kathrin und Sandra warten nach der Demo auf Robert

Robert, Sandra und Kathrin auf der DemoRobert, Sandra und Kathrin auf der Demo (© bpb | Illustration: Leitwerk)

So ein Mist!

Ich glaube, jetzt haben sie Robert erwischt. Zumindest ist er noch nicht beim Wohnheim aufgetaucht. Verdammt nochmal, es war aber auch überall Volkspolizei.

Wie das passiert ist? Beim letzten Mal hab' ich die Demo nach dem Friedensgebet ja nur mit etwas Abstand verfolgt. Dieses Mal wollte ich aber näher ran. Zum Friedensgebet in der Nikolaikirche haben wir es nicht mehr rechtzeitig geschafft, aber ich war dann mit Sandra und Robert bei der Demo. Echt beeindruckend, all diese Menschen zu sehen, die für freie Wahlen und politische Reformen kämpfen. Diesmal waren auch viel mehr "Wir bleiben hier"-Sprechchöre zu hören.

Irgendwann wurde es dann chaotisch. Sandra und ich haben Robert aus den Augen verloren. Wir sind dann in Sandras Wohnheim gelaufen und warten hier schon seit zwei Stunden. Eigentlich wollte Robert ja auch noch vorbeikommen…

Ich schreibe dir, wenn ich Neuigkeiten habe!
Kathrin

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ℹ️ http://kurz.bpb.de/kathrin1809

17. September, 17:45 Uhr – Robert hat Neuigkeiten (Audio-Nachricht)

(© Bundeszentrale für politische Bildung)

Hey,

ich hab‘ gerade im Wohnheim mal wieder Sandra und Robert getroffen. Robert hat von seiner Musterung heute beim Wehrkreiskommando erzählt. Davor hatte er ja richtig Schiss, weil er auf keinen Fall zur NVA, also der Nationalen Volksarmee, will.

Vor kurzem hatte er die Postkarte mit der Aufforderung zur Musterung bekommen. Heute musste er da hin und die beim Wehrkreiskommando haben ihn dann ganz schön lange warten lassen.

Dann wurde er zuerst von einem Arzt untersucht. Am schlimmsten war für ihn aber die Befragung vor der Kommission. Die sind wohl davon ausgegangen, dass Robert auf jeden Fall zur NVA gehen will. Als Robert dann aber gesagt hat, dass er lieber zu den Bausoldaten will, wurden die Offiziere wohl richtig wütend und haben versucht, ihn noch umzustimmen. Sie meinten, dass er dann wohl nie einen richtigen guten Job bekommen wird.

Robert will auch nicht unbedingt Bausoldat werden und irgendwo schuften, aber es sei wohl das geringere Übel. Den Wehrdienst ganz zu verweigern, dafür fehlt selbst Robert der Mut. Da kommt man wohl ins Gefängnis. Prinzipiell findet er den Dienst für die Gemeinschaft ganz gut, aber er wünscht sich eine echte Wehrdienstalternative, sowas wie einen zivilen Ersatzdienst, zum Beispiel in einem Krankenhaus oder Pflegeheim. Das sei auch ein Grund, wofür er gerade auf die Straße geht.

Jetzt muss er erst mal abwarten. Aber er meinte, spätestens jetzt haben ihn die Sicherheitsbehörden im Visier und er muss noch mehr aufpassen, wenn er das nächste Mal auf die Straße geht.

Und das nur, weil er den Dienst an der Waffe verweigern will? Man oh man...

16. September, 18:00 Uhr – Gaby bringt ein Westpaket mit

Illustration: Gaby bringt ein Westpaket mit. Kathrin steht vor dem geöffneten Paket und hält ihre neue Jeansjacke in die Höhe.Gaby bringt ein Westpaket mit einer neuen Jeansjacke für Kathrin mit. (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hi du!

Heute kam Gaby zu Besuch und rate mal was sie dabei hatte?! Ein Paket von ihrer Schwester Bärbel aus Hagen. Draußen stand wie immer "Geschenksendung, keine Handelsware" drauf, sonst hätte der Zoll das Paket ja gleich einbehalten. Geöffnet wurde es natürlich trotzdem schon einmal vom Zoll oder der Post. Die kontrollieren nämlich, ob da auch ja keine Schundliteratur oder so drin ist. Deswegen muss Bärbel auch immer in einem Inhaltsverzeichnis genau auflisten, was sie verschickt.

Bärbel hat mal wieder alles Mögliche eingepackt – vor allem Sachen, die es bei uns gar nicht oder nicht so oft gibt. Angefangen bei West-Kaffee, Schokolade mit der lila Kuh und sogar eine Jeansjacke für mich! Echt cool! Ich hab mich natürlich total gefreut. So eine wollte ich immer schon haben. Die zieh‘ ich auf jeden Fall auf der nächsten Party an!

Kathrin

14. September, 10:35 Uhr – Kathrin erzählt von den Ausreisewellen an den ungarischen und tschechischen Grenzen

Guten Morgen,

seit Ungarn vor drei Tagen die Grenze zu Österreich geöffnet hat, haben wohl schon tausende Menschen die DDR verlassen. Manche haben Glück, Verwandte im Westen zu haben. Aber viele müssen erst einmal in Notunterkünfte, teilweise sogar in Zelte ziehen.

Es gibt aber auch Gerüchte, dass die Grenze zur Tschechoslowakei bald geschlossen werden soll. Ob das dann überhaupt noch möglich ist, wenn doch so viele versuchen auszureisen?

Robert will nicht weg, er findet es viel wichtiger für Reformen auf die Straße zu gehen. Ich glaube, nächste Woche gehe ich auch mal mit zum Friedensgebet. Danach wird ja wieder demonstriert.

Viele Grüße
Kathrin

12. September, 14:05 Uhr – Kathrin hat von Aktionen gegen die Umweltverschmutzung in Leipzig gehört

Illustration: Die schemenhaften Umrisse einer großen Fabrik. Darüber zieht dunkler Rauch aus den Schornsteinen.Die giftigen Abgase der Chemiewerke verschmutzen die Umwelt in Leipzig. (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hey,

heute habe ich Robert in der Stadt getroffen. Er kam gerade von seiner Aktionsgruppe in der Kirche. Ich habe ihm vom Husten meiner Mama erzählt. Den bekommt sie schon seit Wochen nicht los. Er meinte, das könnte von den giftigen Abgasen kommen, die von den Chemiewerken nach Leipzig ziehen. In der Kirche gibt es wohl auch eine AG Umweltschutz, die Aktionen vorbereitet, um auf die Umweltverschmutzung hier in der Gegend hinzuweisen.

Tatsächlich hat es schon länger nicht mehr geregnet und die Luft ist echt stickig. Es stinkt richtig nach Industrie, den ganzen Tag ist es grau. Manchmal hat man das Gefühl, die Sonne kommt nicht mehr durch diesen Dunst durch. Es hängt gerade auch keiner die Wäsche raus, weil die grau werden würde. Auf der Elster, unserem Fluss hier in Leipzig, schwimmt sogar immer wieder bunter Schaum auf dem Wasser. Das kommt wohl alles von der Industrie. Demnächst soll es dazu wohl auch eine Demo geben – für die Umwelt!

Wir hören uns!
Deine Kathrin

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Mehr Infos dazu: https://www.jugendopposition.de/145389

11. September, 15:35 Uhr – Gabi erzählt, dass Ungarn die Grenze zu Österreich geöffnet haben soll

Illustration: Eine Landkaren zeig die Umrisse der Länder BRD, DDR, Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich. Eingezeichnet ist eine Route von der DDR über die Tschechoslowakei nach Ungarn von dort weiter nach Österreich.Ungarn öffnet für DDR-Bürger/-innen seine Grenze zu Österreich. (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hey du!

Ich war gerade im Garten und Mamas Freundin Gaby war auch da. Irgendwie völlig aufgebracht. Sie meinte, dass Ungarn in der Nacht wohl seine Grenze zu Österreich aufgemacht hat. Die DDR-Flüchtlinge in Budapest dürfen also tatsächlich in den Westen ausreisen. Es sollen tausende Menschen sein!

Gabys Schwester Bärbel hat sie schon angerufen und will, dass sie jetzt endlich zu ihr nach Hagen kommt. Gaby weiß allerdings noch nicht, ob sie es versuchen soll. Vielleicht ist die Grenze in ein paar Tagen schon wieder zu und dann kommt sie nicht wieder zurück...

Ich hoffe, dass sie hier bleibt!

Kathrin

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Die Tagesschau vom 11.09.1989: http://kurz.bpb.de/kathrin1109

10. September, 17:10 Uhr – Kathrin fällt ein, woher sie den Namen Michael Arnold kennt

Hi du,

ich bin‘s nochmal. Jetzt fällt es mir ein. Robert hat mir von Michael Arnold erzählt. Der war in der Arbeitsgruppe Umweltschutz, in der Robert auch ist. Er hat wohl inzwischen mehrere Demos organisiert und wurde deshalb vom Studium ausgeschlossen. Im Januar war er sogar im Gefängnis wegen einer Demo, meinte Robert. Damals gab es dann wohl internationale Proteste, bis er wieder frei kam. Jetzt riskiert er wieder alles für diese neue Plattform.

Wir hören uns!
Kathrin

10. September, 13:00 Uhr – Robert erzählt von der Bürgerinitiative "Neues Forum"

Der Gründungsaufruf der Bürgerinitiative "Neues Forum".Der Gründungsaufruf der Bürgerinitiative "Neues Forum". (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hallo!

Stell dir vor: Robert hat gerade erzählt, dass sich jetzt anscheinend eine neue Initiative gegründet hat. Die nennen sich „Aufbruch 89 – Neues Forum“ und wollen sich für einen demokratischen Dialog zwischen den DDR-Bürgern und der Regierung einsetzen. Und sie fordern gesellschaftliche Reformen. Was das wohl genau bedeutet?

Mitglied werden kann man auch. Beim Gründungsaufruf haben schon ganz unterschiedliche Leute unterschrieben: Studenten, Ärztinnen, Pfarrer und Ingenieure. Eine Bibliothekarin ist auch dabei. Ein Name kam mir da so bekannt vor: Michael Arnold. Gerade fällt mir aber nicht ein, woher ich den kenne…

Viele Grüße
Kathrin

Mehr Infos findest du hier: https://bpb.de/296711

09. September, 20:30 Uhr – Kathrin erfährt, dass die Flüchtlinge in Budapest bald ausreisen dürfen

Die Flüchtlinge in Budapest warten auf ihre AusreiseDie Flüchtlinge in Budapest warten auf ihre Ausreise (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Gestern hab ich mich noch gefragt, was mit den vielen Flüchtlingen in Budapest und Prag geschehen soll, jetzt kommt Bewegung rein.

Heute habe ich mit meinen Eltern die Tagesschau geschaut und der Außenminister der BRD, Hans-Dietrich Genscher, hat angekündigt, dass die Flüchtlinge in Budapest bald ausreisen dürfen. Tausende Menschen warten aktuell in Budapest in Ungarn auf die Ausreise. Viele leben in Zelten, andere in ihren Autos. Und das teilweise seit Wochen! Ich frage mich, wie man die alle ohne Chaos in die BRD kriegen will?!

Gaby, die Freundin meiner Mutter, hat mir erzählt, dass sie auch gerne nach Budapest will, um endlich rüberzumachen. Ich hoffe, sie überlegt sich das gut. Sie stellt sich das sicher zu einfach vor. Das ist ja immer noch gefährlich.

Bis bald!
Kathrin

08. September, 14:55 Uhr – Kathrin fragt sich, was aus den Botschaftsflüchtlingen in Prag wird

Hi nochmal,

ich hatte vorhin ganz vergessen, dir zu schreiben, dass Frank gehört hatte, dass alle DDR-Bürger die Ständige Vertretung der BRD in Berlin-Mitte verlassen haben. Vor einem Monat hatten sie das Gebäude besetzt, um so in den Westen zu kommen.

Jetzt hat ihnen ein DDR-Rechtsanwalt, Herr Vogel heißt er glaube ich, irgendwelche Versprechungen gemacht. Was genau, weiß ich nicht. Jedenfalls haben sie daraufhin die Botschaft verlassen.

Ich frag mich, was das jetzt für die Botschaft in Prag bedeutet. Dort sitzt ja immer noch Stefan, der Bruder von Gaby, fest...

Wir hören uns!
Kathrin

08. September, 11:05 Uhr – Frank wird aus dem Stasi-Gefängnis Rummelsbug freigelassen

Frank ist wieder frei!

Er war nur eine Nacht im Gefängnis in Rummelsburg. Erst haben sie ihn fotografiert, durchsucht und ihm die Trillerpfeife abgenommen, danach noch verhört. Den Rest des Abends haben sie dann Karten gespielt, also er und die anderen Festgenommenen.

Frank hat erzählt, dass die Stasi sogar selbst Passanten festgenommen hatte, die überhaupt nichts mit der Protestaktion zu tun hatten. Ein Typ wäre einfach nur zufällig aus der U-Bahn-Station am Alexanderplatz gekommen, und selbst den haben sie mit ins Gefängnis genommen. Das ist so absurd.

Irgendwann nach Mitternacht ist Frank jedenfalls wieder frei gekommen und jetzt mit Robert in der Umweltbibliothek. Er hat schon gesagt, dass er auf jeden Fall am 7. Oktober wieder auf dem Alex gegen den Wahlbetrug demonstrieren wird.

Echt mutig, oder?
Kathrin

07. September, 18:10 Uhr – Roberts Freund Frank auf einer Demo gegen Wahlbetrug auf dem Alexanderplatz in Berlin verhaftet

Roberts Freund Frank wird auf der Demeo gegen Wahlbetrug verhaftetRoberts Freund Frank wird auf der Demeo gegen Wahlbetrug verhaftet (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hallo,

stell dir das vor: Robert ist gestern nach Berlin zu seinem Kumpel Frank Ebert gefahren. Heute Nachmittag wurde Frank dann bei einer Demo auf dem Alexanderplatz verhaftet. Zusammen mit einigen anderen Protestlern.

Seit Juni versammeln sie sich dort jeden Monat, um gegen den Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen vom 7. Mai zu demonstrieren. Damals hatten viele Menschen die Stimmauszählungen beobachtet und festgestellt, dass gar nicht so viele für die Nationale Front gestimmt hatten, wie von der SED behauptet wurde. Die Protestaktion heute hatte das Motto "Wir pfeifen auf den Wahlbetrug" und sollte so ein richtiges Pfeifkonzert werden. Deswegen hatten viele eine Trillerpfeife dabei.

Robert scheint richtig sauer und besorgt. Die Stasi hatte nur auf die Demonstranten gewartet und einige schon vorher abgefangen. Robert konnte gerade so noch abhauen. Frank hatte aber schon seine Trillerpfeife rausgeholt. Den haben sie bekommen. Keine Ahnung, was sie jetzt mit ihm machen.

Ich halt' dich auf dem Laufenden!
Kathrin
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https://www.jugendopposition.de/145314

05. September, 10:10 Uhr – Kathrins Erinnerung an die Demo

Puh, ich muss immer noch an die Demo gestern an der Nikolaikirche denken. Auch wenn ich das nur von außen beobachtet habe und nicht lange geblieben bin, habe ich echt Angst bekommen, als irgendwelche Männer den Demonstranten die Transparente aus den Händen gerissen haben.

Meinen Eltern habe ich natürlich nicht erzählt, dass ich bei der Demo war. Ich glaube, das war auch besser so. Abends haben sie in der Tagesschau einen Beitrag darüber gezeigt. Etwa 1.000 Demonstranten waren wohl da. Ich war zum Glück nicht im Bild zu sehen. Da hieß es dann, dass nicht nur Leute demonstriert haben, die aus der DDR ausreisen wollen, sondern auch die, die Reformen fordern. Also so wie Robert.

Als mein Papa ins Wohnzimmer kam, hat er sich furchtbar über den Beitrag aufgeregt. Er meinte, dass das Westfernsehen die Proteste total aufbauschen würde, um Unfrieden bei uns in der DDR zu stiften. In der Zeitung steht heute noch kein Wort über den Protest.

So, jetzt muss ich aber schnell los zur Uni!
Kathrin

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Tagesschau vom 04.09.1989: http://kurz.bpb.de/kathrin0509
Mehr zur ersten Montagsdemo: http://m.bpb.de/295940

04. September, 18:20 Uhr – Erste Montagsdemonstration in Leipzig (Audio-Nachricht)

(© Bundeszentrale für politische Bildung)

Hallo,

ich bin gerade in der Nähe der Nikolaikirche in Leipzig. Heute wollten hier ja Robert und seine Freunde demonstrieren. Gerade sind die Menschen nach dem Friedensgebet aus der Nikolaikirche gekommen und haben sich einfach direkt davor versammelt – als Demonstranten sozusagen. Robert und Sandra waren auch dabei, die hab ich eben von weitem gesehen. Der ganze Platz ist voller Menschen! Manche hatten auch Transparente dabei. Auf dem einen stand "Für ein offenes Land mit freien Menschen". Als DDR-Bürger darf man ja nicht einfach überall hin reisen und die scheinen jetzt genug davon zu haben. Erst war hier alles ganz friedlich - bis zwei Männer angerannt kamen und den Leuten einfach ihr Transparent aus der Hand gerissen haben. Plötzlich war da ein Pulk von Menschen und jeder zerrte an jedem.

Die Stimmung ist total merkwürdig, als würde hier gleich mehr passieren. In den Nebenstraßen steht auch überall die Volkspolizei. Ich hau jetzt mal ab und melde mich morgen nochmal bei dir.

Bis dann!

04. September, 15:55 Uhr – Kathrin geht zur Demo

Hi,

heute Abend soll ja die Demo von Robert und seinen Freunden stattfinden. Ich will mir das auf jeden Fall mal kurz anschauen, auch wenn ich echt ganz schön Angst habe. Ich schicke dir dann später eine Sprachnachricht!

Kathrin

3. September, 16:15 Uhr – Ein Schüler von Klaus ist nicht mehr da

Illustration: Kathrins Vater Klaus steht mit verschränkten Armen im Klassenzimmer leerem Stuhl seines Schülers Karl und macht sich Gedanken. Über Klaus ist eine Gedanken-Blase zu sehen, in der steht: "Was hätte alles aus ihm werden können". Auf dem Tisch des fehlenden Schülers steht ein Namensschild mit der Aufschrift "Karl". Im Hintergrund ist eine Schultafel sowie ein Porträt von Erich Honecker zu sehen.Kathrins Vater Klaus macht sich Gedanken um seinen Schüler Karl. (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hallo,

ich hatte dir doch erzählt, dass vor zwei Wochen so viele Leute beim "Paneuropäischen Picknick" über die Grenze von Ungarn nach Österreich geflohen sind. Und von den vielen DDR-Bürgern in der BRD-Botschaft in Prag. Papa hat gerade erzählt, dass da in Ungarn wohl auch einer seiner Schüler dabei war.

Der ist jetzt nach den Sommerferien einfach nicht mehr in der Schule aufgetaucht. Man merkt Papa richtig an, wie ihn das ärgert. Vor allem, weil er wohl einer der Besten in seiner Matheklasse war und Papa sich richtig für ihn eingesetzt hatte, damit er an die EOS, also die weiterführende Schule, zum Abi gehen kann. "Verräter" hat er ihn sogar genannt. So wütend habe ich ihn lange nicht erlebt.

Aber Karl ist ja nicht der Einzige. Viele wollen weg. Papa und Mama wollen auf jeden Fall bleiben. Für sie gibt es keinen Grund zu gehen. "Erst recht nicht zum Klassenfeind", sagt Papa immer.

Einen schönen Abend dir!
Kathrin

2. September, 13:55 Uhr – Mit den Eltern am See, im Kopf bei der Demo

Kathrin und ihre Eltern am Kulkwitzer SeeKathrin und ihre Eltern am Kulkwitzer See (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hi,

ich hoffe, du hattest ein schönes Wochenende?! Ich war gestern noch mit meinen Eltern am Kulkwitzer See. Der ist direkt in der Nähe unserer Wohnung in Leipzig-Grünau. Ganz früher war das mal ein Braunkohle-Tagebau. Den haben sie aber schon geflutet, als ich noch kleiner war, und dann als Badesee eröffnet.

Die kurze Strecke zum Kulki sind wir dann sogar mit dem neuen Skoda gefahren. Seit Papa den hat, will er ständig mit uns irgendwo hinfahren. Er ist richtig stolz auf das Auto, aber er musste ja auch über zehn Jahre darauf warten.

Als ich dann im See geschwommen bin und gesehen habe, wie ein paar Kinder am Strand eine Sandburg bauen, habe ich kurz gedacht: So schlecht ist das Leben hier in der DDR doch gar nicht.

Aber dann sind mir wieder Roberts Flugblätter von der Wohnheimparty eingefallen. Die Demo soll ja diese Woche stattfinden. Ob ich da hingehen soll? Ich weiß es nicht… Vielleicht haben meine Eltern ja Recht und diese Leute, die Reformen fordern, bringen alles nur durcheinander? Ich bin gerade ziemlich hin- und hergerissen…

Viele Grüße
Kathrin

31. August, 8:50 Uhr – Kathrins Gedanken zu geplanten Demos

Guten Morgen!

Die Party ging gestern noch ganz schön lange. Leider konnte ich aber nicht ausschlafen, denn gleich geht ja schon der Subbotnik unten vor dem Haus los…

Ich habe gestern Abend nochmal mit Sandra und Robert geredet. Er und seine Freunde wollen wirklich nächste Woche demonstrieren. Er meinte, dass sich sonst ja gar nichts in der DDR verändert, es dann nie echte Meinungsfreiheit oder freie Wahlen gäbe. Abhauen will er jedenfalls nicht. Wir sollen unbedingt mitkommen.

Aber Sandra und ich haben ihm gesagt, dass wir Angst um unsere Studienplätze haben. Ich glaube Sandra wird aber bestimmt mitgehen. Ich bin mir aber echt noch unsicher.

Schon allein, weil ich das auf keinen Fall meinen Eltern erzählen dürfte. Da wären die bestimmt nicht begeistert, gerade mein Papa...

Kathrin

30. August, 21:55 Uhr – Party im Studentenwohnheim

Illustration: Kathrin auf einer Party im Studentenwohnheim. Im Hintergrund stehen ihre Freundinnen Sandra und Paula mit Sandras Freund Robert.Kathrin und ihre Freunde auf einer Party im Studentenwohnheim. (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hi,

bei uns im Wohnheim ist gerade eine große Party zum Semesterstart. Es sind echt viele Leute gekommen, schon fast ein bisschen eng im Partykeller. Sandras neuer Freund Robert ist auch gekommen und hat noch ein paar Freunde mitgebracht, mit denen er sich wohl immer in der Kirche trifft.

Vorhin haben Robert und seine Freunde einen Stapel Flugzettel rausgeholt, die sie hier und da liegen lassen haben. Ich habe mal einen heimlich eingesteckt und bin gerade draußen gewesen, um ihn in Ruhe durchzulesen. Die rufen da zu einer Demo nächste Woche auf – direkt nach den Friedensgebeten in der Nikolaikirche hier in Leipzig.

Ich wusste ja, dass Robert immer zu diesen Friedensgebeten geht. Da sind viele gegen die DDR-Regierung. Aber zu einer Demo aufzurufen, dabei sollte man sich besser nicht erwischen lassen. Und für uns kann das auch gefährlich werden, wenn man uns damit in Verbindung bringt. Einen Freund von Paula haben sie schon bei einer Demo verhaftet, der durfte dann auch nicht mehr weiter studieren. Naja, ich geh besser mal wieder rein.

Paula hat eben schon so komisch geguckt, als ich rausgegangen bin. Ich hoffe, sie hat das mit dem Flugzettel nicht gesehen.

Dir auch einen schönen Abend!

Deine Kathrin

29. August, 20:25 Uhr – Paulas Probleme mit Sandra und Robert

Hi,

ich komme gerade vom Sport mit Paula. Wir gehen immer zusammen zum Volleyball. Aber heute war Paula so richtig schlecht drauf. In der Pause hat sie mir erzählt, dass Robert schon wieder bei Sandra im Wohnheim sei. Es nervt sie scheinbar, dass er so oft in dem gemeinsamen Zimmer rumhängt.

Auch über Sandras Musikgeschmack hat sie sich aufgeregt, weil sie den ganzen Tag laut Rockmusik hört, unter anderem diese Platte von Pankow, von der ich dir erzählt habe. Paula findet diese aufmüpfigen Texte blöd und denkt, das wäre der schlechte Einfluss von Robert – dabei habe ich ja Sandra die Musik gezeigt, nicht Robert… Das wollte ich ihr dann aber nicht erzählen, sonst ist sie vielleicht noch sauer auf mich. Ich hoffe, die beiden zerstreiten sich nicht deswegen.

Naja, einen schönen Abend erstmal und bis morgen!

Kathrin

28. August, 12:00 Uhr – Kathrin und die neue Wohnung im Neubau

Illustration: Kathrins Eltern haben mit Spaten ein kleines Loch im Hof eines Neubaus gegraben und Katrin setzt eine kleine Pflanze in dieses Loch. Im Hintergrund mehrere stilisierte Hochhäuser und Personen mit Spaten, Gießkannen und Ähnlichem bei der Gartenarbeit.Kathrin und ihre Eltern beim Subbotnik. (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Guten Morgen,

mein Tag begann heute ganz entspannt. Weil bei Papa ja bald wieder die Schule losgeht, haben wir heute nochmal gemeinsam auf dem Balkon gefrühstückt. Ich bin immer noch total glücklich, dass wir aus dem bröckeligen Altbau in der Innenstadt raus sind und jetzt hier in einem Neubau in Leipzig-Grünau wohnen. Sogar mit Badezimmer in der Wohnung!

Mama und Papa mussten ziemlich lange auf unsere neue Wohnung warten. Den ersten Wohnungsantrag haben sie schon vor sieben Jahren gestellt – der wurde dann aber jedes Jahr abgelehnt. Aber jetzt im Frühjahr haben wir endlich die Zusage bekommen. Juhu! Und sie bezahlen nicht mal mehr als in der alten Wohnung, weil in der ganzen DDR die Mieten ja auf dem Stand von 1936 sind.

Hier im Grünau wohnen viele junge Familien. Beim Einzug haben uns die Müllers von nebenan geholfen. Meine Mama kennt Frau Müller aus der Fabrik. Ein paar Lehrerkollegen von meinem Vater wohnen auch hier und auch ein paar Parteifunktionäre.

Am Sonnabend steht mal wieder für die ganze Hausgemeinschaft ein Subbotnik an. Das kommt vom russischen Wort für Sonnabend und bedeutet, dass wir alle einen Tag lang etwas für die Gemeinschaft tun sollen. Diesmal wollen wir den Garten um das Hochhaus auf Vordermann bringen. Danach feiern wir zusammen.

Ich freu mich schon!

Deine Kathrin

27. August, 13:00 Uhr – Kathrins neue Lieblingsmusik

Hi!

Kennst du eigentlich die Band Pankow? Von denen hat Gaby mir kürzlich eine Platte mitgebracht, die ich jetzt rauf und runter höre. Ich hab schon den ganzen Tag einen Ohrwurm: "Komm ich hol dich raus, raus, raus, dann geh’n wir hier weg. Gib mir'n Zeichen, die andern brauchen es nicht zu seh’n."

Die Platte hab ich gestern Sandra gezeigt und uns ist aufgefallen, dass man echt viel zwischen den Zeilen lesen kann. Gaby sagt auch immer, dass Pankow wohl zu den wenigen Bands gehört, die den Mut haben, zu singen, was sie denken. Einige ihrer Lieder wurden aber auch schon verboten.

Naja, andere Bands dürfen schon nicht mehr auftreten und Wolf Biermann wurde ja sogar ausgebürgert. Das versteh ich echt nicht. Das ist doch Musik und da muss es doch auch mal Freiheiten geben.

Hör erstmal in den Song rein und schreib mir, wie er dir gefällt!

Kathrin
+++
"Gib mir'n Zeichen" von Pankow gibt’s natürlich auch online.

25. August, 12:00 Uhr – Kathrins Familie trifft Gaby im Garten

Eine Illustration zeigt Gaby beim Äpfelpflücken im Garten. In einer Sprechblase steht: "Was Bärbel wohl gerade macht..."Gaby pflückt Äpfel im Garten (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hey!

Heute konnte ich endlich mal ausschlafen. Gestern sind wir früh auf unsere Datsche gefahren. Jetzt im Spätsommer gibt es da ja ganz schön viel zu ernten. Gaby war auch wieder da. Sie ist eine Schulfreundin meiner Mama und hat ihren Garten direkt neben unserem. Ich mag sie! Nicht nur, weil ihre Schwester Bärbel ihr manchmal neue Platten schickt und sie mir die dann immer mitbringt. Ich steh ja voll auf Queen, aber hier in Leipzig kommt man da ja nur schwer ran.

Bärbel ist ja schon vor 20 Jahren in den Westen geflohen. Jetzt versucht es auch ihr Bruder Stefan. Ich hab dir ja erzählt, dass er gerade in der BRD-Botschaft in Prag feststeckt. Und selbst Gaby meinte heute: Jetzt, wo man von immer mehr Leuten hört, die es schaffen, will sie es vielleicht auch versuchen. Vor vielen Jahren hatte sie mal einen Ausreiseantrag gestellt, aber der wurde nicht genehmigt.

Seitdem versteht sie sich auch nicht mehr so gut mit meinem Papa, der das damals gar nicht verstehen konnte. Die beiden streiten sich oft über Politik, weil Gaby findet, dass es hier in der DDR zu viele Regeln gibt.

Nächste Woche bekommt Gaby vielleicht wieder ein Paket von Bärbel, hat sie gesagt. Ich erzähl dir dann, was sie mir mitbringt!

Dir noch einen schönen Sonntag!
Deine Kathrin

23. August, 18:00 Uhr – Mama kommt von der Arbeit heim

Eine Illustration zeigt Kathrins Mutter Traudel bei der Arbeit in der Lederwarenfabrik. Sie sitzt im Vordergrund, im Hintergrund sind weiter fünf Frauen zu sehen. Alle sitzen an ihrem Arbeitsplatz und bearbeiten Lederstücke. (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hi,

gerade ist meine Mama von der Arbeit heimgekommen. Sie arbeitet in einer Lederwarenfabrik hier in Leipzig. Die stellen vor allem Koffer und Taschen her. Jeden Tag von 6:30 bis 16 Uhr ist sie in der Fabrik. Und direkt danach geht sie meistens noch beim Konsum vorbei. "Schlangestehen" nennt mein Papa das. Heute hatte sie gehört, dass es mal wieder Schinkenspeck geben soll. Als sie dran war, gab es aber schon keinen mehr. Das war ratzfatz alles ausverkauft. Dafür können wir uns aktuell vor Gemüse kaum retten. Auf der Datsche können wir jetzt im Sommer fast jedes Wochenende neues Gemüse ernten.

Ach, um den Haushalt kümmert sich Mama übrigens auch noch. Kochen für Papa und mich, Wäsche waschen, putzen. Was eben so dazugehört. Ganz schön viel Arbeit, finde ich. Sie beklagt sich nie darüber. Wenn ich zuhause bin, versuche ich oft, ihr dabei zu helfen. Aber naja… Richtig Spaß macht mir das ja auch nicht. Das kannst du dir sicher denken!

Wir hören uns!
Deine Kathrin

22. August, 12:00 Uhr – Schließung der BRD-Botschaft in Prag

Hey,

nicht nur über Ungarn machen sich richtig viele auf den Weg in den Westen, auch in Prag in der Tschechoslowakei passiert gerade so viel! Heute steht in der Zeitung, dass jetzt tatsächlich die Botschaft der BRD in Prag zu ist.

Der Bruder von Gaby, einer Freundin meiner Mama, sitzt schon seit ein paar Tagen dort fest und hofft, bald in den Westen ausreisen zu können. Mehrere hundert Menschen harren da wohl aus, schlafen in den Büros und auf dem Boden. Das muss so ein Chaos sein, dass sie die Botschaft geschlossen haben. Mal sehen, was sie mit den Ausreisewilligen jetzt machen.

Viele Grüße
Kathrin

21. August, 09:00 Uhr – Robert und der Armeedienst

Eine Illustration von Robert: Ein junger Mann mit längerem blonden Haar, der eine Jeansweste mit Aufnäher trägt. Über ihm eine Denkblase, in der ein Soldat abwechselnd mit einem Gewehr und einem Spaten in der Hand zu sehen ist.Robert macht sich Sorgen wegen des anstehenden Wehrdienstes bei der NVA. (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Guten Morgen,

ich war ja gestern Abend bei Sandra und Paula. Robert kam später auch noch dazu. Diesmal haben wir aber nicht wie immer über Politik, sondern über die NVA, also die Nationale Volksarmee, gesprochen. Robert hat gerade seine Ausbildung zum Elektrofacharbeiter gemacht. Jetzt muss er eigentlich für 18 Monate zur Grundausbildung – so wie jeder zwischen 18 und 26. Robert hat aber keinen Bock darauf.

Der Pfarrer in seiner evangelischen Kirche hat ihm erzählt, dass er den Wehrdienst aus religiösen Gründen verweigern kann. Dann setzen sie ihn aber wohl als "Bausoldat" ein. Robert hat gehört, dass die einen da richtig hart rannehmen und mies behandeln. Und für die Zeit nach der NVA sieht es auch schlecht aus. Auf Wehrdienstverweigerer sind die Betriebe in der DDR wohl nicht gut zu sprechen.

Die ganze Sache bedrückt ihn sehr, glaube ich.

Mal sehen was daraus wird!
Kathrin
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Mehr dazu: bpb.de/223787

20. August, 14:42 Uhr – Kathrin bei Sandra & Paula im Wohnheim

Sandra und Paula (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hallo,

heute besuche ich Sandra und Paula im Wohnheim. Viel habe ich dir ja noch nicht von ihnen erzählt, aber sie sind so ziemlich meine besten Freundinnen. Wir studieren zusammen Germanistik an der Uni und ich bin oft bei ihnen – also im Wohnheim. Sie teilen sich dort mit zwei weiteren Studentinnen ein Zimmer. Sandra kommt eigentlich aus Bernburg und Paula aus Görlitz. Da wäre die Anreise jeden Tag einfach zu weit.

Von Sandras neuem Freund Robert hab ich ja schon kurz erzählt – ein ganz schöner Draufgänger. Und auch ziemlich politisch interessiert und aktiv. Wenn er da ist, reden wir oft darüber, was seiner Meinung nach schief läuft in der DDR. Sandra sieht glaube ich vieles ähnlich. Mich bringt er auf jeden Fall zum Nachdenken über so manche Dinge. Paula findet ihn aber wohl ganz schön nervig. Sie schaut immer so kritisch, wenn er redet.

Na mal sehen, was die beiden heute so erzählen.

Bis bald!
Kathrin

19. August, 19:30 Uhr – Das Paneuropäische Picknick

Paneuropäisches Picknick (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hi,

vorhin habe ich Sandra getroffen. Sie hat erzählt, dass heute bei einem "Paneuropäischen Picknick" an der Grenze in Ungarn wohl zwischen 600 und 700 DDR-Bürger nach Österreich geflohen sind. Eine ungarische Oppositionspartei und die Paneuropa-Union hätten die Leute eigentlich nur zum Picknick eingeladen, um für Frieden zu demonstrieren. Das dortige Grenztor sollte dann nur symbolisch geöffnet werden – als Zeichen für das friedliche Miteinander.

Aber dann sind die DDR-Bürger einfach los gelaufen. Die Soldaten vor Ort haben sie nicht aufgehalten. Angeblich, damit die Lage nicht eskaliert. Wahnsinn, oder? In diesem Sommer sind ja schon einige über Ungarn in den Westen geflohen – seit Mai wird da ja der Grenzzaun abgebaut. Aber jetzt haben so viele auf einen Schlag einfach diese Gelegenheit für die Flucht genutzt!

Sandra meinte auch, dass schon einige Bekannte ihrer Eltern ihre Urlaubspläne geändert hätten und im Sommer jetzt in Ungarn "Urlaub" machen wollen.

Einen schönen Abend dir!
Kathrin
+++
Mehr dazu: bpb.de/293568

19. August, 10:45 Uhr – Kathrin stellt sich vor

Illustration: Eine junge Frau mit kinnlangen roten Locken, Brille und pinkfarbenem Oberteil. Das ist Kathrin. Sie erzählt uns, wie sie die Zeit vor dem Fall der Mauer erlebt hat.Das ist Kathrin. Sie erzählt uns, wie sie die Zeit vor dem Fall der Mauer erlebt hat. (© bpb | Illustration: Leitwerk)

Hey, guten Morgen!

Ich bin Kathrin und lebe in Leipzig. Hier bei uns ist im Moment ganz schön was los. Irgendwas verändert sich in der DDR. Seit ein paar Wochen hört man von immer mehr Leuten, die in den Westen fliehen, manche wohl über Ungarn, weil die Grenze dort schon ein paar "Löcher" haben soll. Mittlerweile haben die sogar schon im Fernsehen darüber berichtet.

In der Uni bekommt man davon nicht so viel mit. Zumindest in meinen Studiengängen, Germanistik und Musik, reden wir nicht so viel über Politik. Dann schon eher mit meinen Freundinnen Paula und Sandra. Zumindest seitdem Sandras neuer Freund Robert immer mal wieder vorbei kommt. Er redet oft davon, dass wir auf die Straße gehen müssten, damit sich etwas ändert. Aber warum soll sich eigentlich was ändern?

Wenn du willst, schreibe ich dir immer mal wieder, was hier bei mir so passiert. Und wenn du mehr über mich und meine Freundinnen erfahren willst, schau doch einfach mal hier vorbei:

https://bpb.de/294401

Bis bald! Deine Kathrin

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