Zahlen und Fakten: 25 Jahre Deutsche Einheit

Die Stimmung zur deutschen Einheit

26.8.2015
Wie beurteilen West- und Ostdeutsche die Deutsche Einheit? Wie bewerten sie ihre Vergangenheit in der DDR? Und wie die Zukunft im geeinten Deutschland?

Grenzübergang zum Mauerfall: Berliner an einem Grenzübergang am 10.11.1989 nach dem Mauerfall. Mit dem Inkrafttreten des neuen Reisegesetzes können DDR-Bürger ab dem 10. November 1998 in die BRD und nach West-Berlin reisen.Berliner an einem Grenzübergang am 10.11.1989 nach dem Mauerfall. Mit dem Inkrafttreten des neuen Reisegesetzes können DDR-Bürger ab dem 10. November 1998 in die BRD und nach West-Berlin reisen. (© picture-alliance/dpa)

Ist Deutschland heute ein geeintes Land? Zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Ende der DDR hängt die Antwort auf diese Frage weiter stark davon ab, ob die Antwortgeber im Osten oder im Westen der Republik leben. Das zeigt eine repräsentative Befragung des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrums Berlin-Brandenburg aus dem Jahr 2014.[1] Nur vier Prozent der Ostdeutschen gaben demnach an, dass ihrer Meinung nach Ost und West "weitgehend zusammengewachsen" seien. In Westdeutschland dagegen teilen 14 Prozent diese Perspektive. Und während 41 Prozent der Westdeutschen "nur noch geringe Unterschiede" erkennen können, sind dieser Meinung nur 24 Prozent der Ostdeutschen. Entsprechend fällt das Bild aus, das die Befragten vom Einigungsprozess insgesamt zeichnen: Im Osten bewerten lediglich 28 Prozent den Einigungsprozess eher positiv (2010: 19 Prozent), während es im Westen 55 Prozent sind (2010: 48).
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Etwas kleiner geworden ist aber im Osten wie Westen der Anteil derer, die "noch relativ große" Unterschiede erkennen: Im Osten teilt jeder Zweite diese Einschätzung (2010: 55 Prozent), im Westen mit 32 Prozent der Befragten etwa jeder Dritte (2010: 38). In beiden Landesteilen gibt es eine unverändert große Gruppe von Menschen, die eine Einheit auch in Zukunft pessimistisch sehen: 2010 wie 2014 waren 18 Prozent der Ostdeutschen und 12 Prozent der Westdeutschen der Meinung, dass es "auch in 50 Jahren noch gravierende Unterschiede geben" werde.

Unterschiedliche Perspektiven auf die Vergangenheit



Immens fallen die Unterschiede zwischen Ost und West beim Rückblick auf die DDR aus. Mehr als die Hälfte der Ostdeutschen attestieren ihrem 1990 aufgelösten Staat überwiegend positive Seiten, während nur 28 Prozent der Westdeutschen dies tun.
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Die Zahlen gehen auf eine Befragung des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (heute Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur) im Jahr 2009[2] zurück. Bereits drei Jahre zuvor hatte die Politikwissenschaftlerin Katja Neller in ihrer Studie "DDR-Nostalgie. Dimensionen der Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen" die konstant wohlwollende Einschätzung vieler Ostdeutscher auf die Angabe folgender Gründe zurückgeführt: Ein stärkerer Zusammenhalt zwischen den Menschen, ein höheres Maß an sozialer Sicherheit, ein besserer persönlicher Lebensstandard, weniger soziale Ungleichheit und eine höhere soziale Gerechtigkeit.[3]

Ziemlich einig sind sich Ost- und Westdeutsche dagegen heute in ihrer Vorstellung davon, was eine gute Demokratie ausmacht, so der Chemnitzer Politikwissenschaftler Tom Mannewitz: Überall in Deutschland überwiegt eine Stimmung, die sich mit einem "gesteigerten Bedürfnis nach Selbstentfaltung und Individualisierung" beschreiben lässt. Infolge von wirtschaftlicher Stabilität, gestiegenem Lebensstandard und sozialer Sicherheit wird "Selbstverwirklichung und Teilhabe" gegenüber "Sicherheit, Ordnung und sozialem Halt (weil dafür gesorgt ist)" bevorzugt.

25- bis 29-Jährige identifizieren sich am ehesten mit der BRD



Trotz ähnlicher Idealvorstellungen von einer Demokratie wird die bundesrepublikanische Realität weiterhin unterschiedlich beurteilt. Auch bezüglich des Zugehörigkeitsgefühls klafft immer noch eine große Lücke zwischen Ost und West – so fühlt sich nur ein Drittel der Ostdeutschen heute "als richtiger Bundesbürger". Zwar möchten lediglich sechs Prozent "die DDR wiederhaben", für die überwältigende Mehrheit sind jedoch weder die DDR noch die heutige Bundesrepublik identitätsstiftend.
Zugehörigkeit zur BRDZugehörigkeit zur BRD.PDF-Icon Die hochauflösende PDF finden Sie hier. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Am ehesten identifizieren sich die 25- bis 29-jährigen (44 Prozent) und die 30- bis 34-jährigen (40 Prozent) Ostdeutschen mit der Bundesrepublik. Letztere Altersgruppe ist auch diejenige, die am seltensten dem Satz "Ich möchte die DDR wiederhaben" zustimmt (zwei Prozent).[4] Am wenigsten als "richtige Bundesbürger" fühlen sich die Über-55-Jährigen, hier liegen die Zustimmungsraten unter 30 Prozent.

Trotzdem zieht eine Mehrheit der Menschen im Osten heute eine positive Bilanz der Deutschen Einheit – und ist sich darin mit den Westdeutschen einig. 47 Prozent in den neuen Bundesländern sowie 46 Prozent in den alten Bundesländern finden, dass die Gewinne durch die Einheit überwiegen; 18 bzw. 22 Prozent glauben, dass die Einheit mehr Verluste als Gewinne gebracht hat.
Bilanz zur Deutschen EinheitBilanz der Deutschen Einheit.PDF-Icon Die hochauflösende PDF finden Sie hier. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Überwiegend positiv hatten die Ostdeutschen die Einheit schon während der Einigungseuphorie Anfang und Mitte der 1990er Jahre beurteilt. Diese positive Einschätzung ging in den folgenden Jahren aber immer weiter zurück, bis 2006 unter Ostdeutschen die Wahrnehmung überwog, dass ihnen die Einheit mehr Nachteile als Vorteile gebracht habe. Das führt die Studie des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrums Berlin Brandenburg auf das nicht erfüllte Versprechen von den "blühenden Landschaften" und den Sozialabbau im Rahmen der Hartz-IV-Gesetze zurück.[5] Inzwischen hat sich dieser Trend wieder zu einer positiven Beurteilung verändert, unterstreichen die Befragungsergebnisse von 2014. Die Forscher des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrums Berlin-Brandenburg führen die wieder zunehmende positive Bewertung der Einheit darauf zurück, dass "an die Stelle der Hoffnung auf einen gesellschaftlichen und politischen Aufbruch (…) mehr und mehr Kriterien des eigenen sozialen Erfolgs" getreten seien, sodass der wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts und die relativen Robustheit gegenüber der Weltwirtschaftskrise zu einer positiven Bilanz der Deutschen Einheit beigetragen habe.

Ost wie West: Ein Land der Zufriedenheit



Diese positive Bewertung bestätigt auch eine von Infratest dimap im Auftrag der ARD-Tagesthemen durchgeführte Umfrage von November 2014, die nach der Zufriedenheit mit den Entwicklungen seit dem Mauerfall fragte.
Zufriedenheit mit der Entwicklung seit dem MauerfallZufriedenheit mit der Entwicklung seit dem Mauerfall. PDF-Icon Die hochauflösende PDF finden Sie hier. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Mit der Entwicklung im wiedervereinigten Deutschland sind insgesamt 77 Prozent der Deutschen zufrieden (12 Prozent mehr als im September 1999) gegenüber 21 Prozent, die sich mit den Entwicklungen unzufrieden zeigten (13 Prozent weniger als 1999).

Auch bei den Zukunftserwartungen setzt sich der positive Trend fort. Ost- wie Westdeutsche sehen ihrer Zukunft eher hoffnungsvoll entgegen.
Erwartungen für die ZukunftErwartungen für die Zukunft. PDF-Icon Die hochauflösende PDF finden Sie hier. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

19 Prozent im Osten und 18 Prozent im Westen haben für ihre Zukunft vor allem Hoffnungen. Eher Befürchtungen haben im Osten wie Westen 17 Prozent; damit ist ihr Anteil in beiden Landesteilen in den letzten Jahren gesunken. 2010 hatten noch 24 der Westdeutschen und sogar 27 Prozent der Ostdeutschen vor allem mit Befürchtungen in ihre Zukunft geschaut.

Gegenüber 2010 blicken Westdeutsche inzwischen verstärkt mit gemischten Gefühlen auf die unmittelbare Zukunft: "Sowohl Hoffnungen als auch Befürchtungen" haben in Westdeutschland heute 59 Prozent; 2010 waren es noch 51 Prozent der Befragten. Auch Ostdeutsche nennen heute etwas häufiger eine gemischte, sowohl hoffnungs- als auch sorgenvolle, Perspektive (57 gegenüber 53 Prozent 2010).

Wenig überraschend neigen Ost- wie Westdeutsche eher zu Optimismus, je jünger sie sind und je höher ihr Einkommen ist.


Fußnoten

1.
Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum Berlin Brandenburg (2014): Sozialreport 2014.
2.
BMVBS (2009): Emnid-Umfrage: Wie bewerten die Deutschen die Ereignisse von 1989.
3.
Vgl. Artikel "Blick zurück ohne Zorn?" im Dossier Lange Wege der Deutschen Einheit
4.
Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum Berlin Brandenburg (2014): Sozialreport 2014, S. 36.
5.
Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum Berlin Brandenburg (2014): Sozialreport 2014, S. 19f.
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