Zahlen und Fakten: 25 Jahre Deutsche Einheit

Die Ausgangslage in Ost und West

7.9.2015
Zu Beginn des Einigungsprozesses gab es große Unterschiede zwischen Ost und West, die allerdings nicht allein auf die unterschiedlichen Systeme zurückzuführen waren. Fläche, Einwohnerzahl, Großstädte, Einkommen: Wo standen Ost und West zur Wendezeit?

Marode DDR-Wirtschaft: Produktionsband in der Werkhalle des VEB Sachsenring Zwickau.Produktionsband in der Werkhalle des VEB Sachsenring Zwickau. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00049388, Foto: Klaus Lehnartz)

Die Lebensverhältnisse in Ost und West zu vereinheitlichen, war das große Ziel der deutschen Wiedervereinigung. Unmittelbar vor den letzten Volkskammer-Wahlen der DDR versprach BRD-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) bei einer Wahlkampfveranstaltung am 7. März 1990 in Erfurt "in kurzer Zeit ein blühendes Land"[1], in seiner Fernsehansprache zum Inkrafttreten der Wirtschafts-, Währungs-, und Sozialunion am 1. Juli 1990 wiederholte er dieses Versprechen: "Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt."

Aber es gab auch Stimmen, die vor den hohen Kosten der Einheit warnten und durch einen schnellen Einigungsprozess den Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie fürchteten. Dazu zählten liberale Ökonomen wie der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn[2] und Politiker wie der damalige SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine.[3] Sie argumentierten, die wirtschaftliche und soziale Ausgangslage in beiden Teilen sei zu ungleich und die strukturellen Differenzen seien zu groß.

Tatsächlich waren zu Beginn des Einigungsprozesses große Unterschiede zwischen Ost und West sichtbar, die nicht allein auf die unterschiedlichen Systeme – parlamentarische Demokratie und soziale Marktwirtschaft in der BRD und Ein-Parteien-Diktatur und Planwirtschaft in der DDR – zurückzuführen waren, sondern "deren Entstehung sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt". In Deutschland gab es bereits damals sehr unterschiedliche Agrarsysteme und soziale Gefüge, die die jeweilige Region nachhaltig prägten. Regionale Disparitäten, also unterschiedliche regionale Lebensbedingungen, gab es schon lange vor der Teilung Deutschlands.

Das Ziel "gleichwertiger Lebensverhältnisse", das in Artikel 72 des Grundgesetzes festgeschrieben ist,[4] war 1990 schon ambitioniert. Denn die Siedlungsstruktur in West und Ost war sehr unterschiedlich.
Fläche, Einwohnerzahl, Großstädte. Die hochauflösende PDF finden Sie hier.Fläche, Einwohnerzahl, Großstädte.PDF-Icon Die hochauflösende PDF finden Sie hier. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Mit 249.000 km2 war Westdeutschland mehr als doppelt so groß wie Ostdeutschland; außerdem lebten im Westen fast viermal so viele Menschen wie im Osten. Die alten Bundesländer waren also wesentlich dichter besiedelt als die neuen: 1990 lebten im alten Bundesgebiet (ohne West-Berlin) 251 Einwohner pro Quadratkilometer, in den neuen Bundesländern (ohne Ost-Berlin) 135 Einwohner pro Quadratkilometer. Die Verteilung der Städte – im Westen gab es mehr als viermal so viele Großstädte (> 100.000 Einwohner) wie im vor allem durch ländliche Regionen geprägten Osten – zeigt ebenfalls, dass 1990 zwei Länder mit großen strukturellen Unterschieden vereinigt wurden.

Die Lebensverhältnisse der Menschen in Ost und West glichen sich in vielen Bereichen. Kühlschränke etwa gehörten 1989 in beiden Ländern zur Standardausstattung der Haushalte. Bei teuren und langlebigen Konsumgütern dagegen gab es große Unterschiede. Im planwirtschaftlichen System des Ostens war ein neues privates Kraftfahrzeug nur auf Zuteilung und nach Wartezeiten von manchmal bis zu 18 Jahren erhältlich. Noch größer war der Unterschied bei der Anzahl der Privathaushalte, die mit Telefonanschlüssen ausgestattet waren. Während diese im Westen zum allgemeinen Standard zählten, waren sie im Osten vor allem Staatsbediensteten und höheren Angestellten vorbehalten.
Ausstattung der Haushalte. Die hochauflösende PDF finden Sie hier.Ausstattung der Haushalte.PDF-Icon Die hochauflösende PDF finden Sie hier. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Sehr unterschiedlich waren auch die Verdienste von Arbeitnehmern in Ost und West. Laut der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung der Länder[5] lag das jährliche Arbeitnehmerentgelt (Bruttolohn/-gehalt plus Sozialabgaben des Arbeitgebers) 1991 in Ostdeutschland (einschließlich Berlin) bei durchschnittlich 15.439 Euro. Das waren nur 57 Prozent des durchschnittlichen Arbeitnehmerentgelts im Westen (27.088 Euro).
Einkommen. Die hochauflösende PDF finden Sie hier.Einkommen.PDF-Icon Die hochauflösende PDF finden Sie hier. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Seither haben sich die Niveaus sehr stark angenähert, ein Gefälle besteht aber fort: In Ostdeutschland (einschließlich Berlin) betrug das Arbeitnehmerentgelt 2014 durchschnittlich 32.803 Euro im Jahr und damit 82 Prozent des Arbeitnehmerentgelts in Westdeutschland (ohne Berlin), das bei 39.941 Euro lag.[6]
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Auf den ersten Blick ähnelten sich die Strukturen der beiden Volkswirtschaften in Ost und West 1991 durchaus. Im Osten spielte der Dienstleistungsbereich eine etwas größere Rolle als im Westen (66,1 Prozent gegenüber 61,5 Prozent), dieser war wiederum etwas stärker industrialisiert (37,2 Prozent gegenüber 31,8 Prozent). Die Landwirtschaft hatte an der Bruttowertschöpfung in Ost wie West nur noch einen sehr kleinen Anteil, wenngleich sie im dünner besiedelten Osten mit seiner großbetrieblichen Struktur von etwas größerer Bedeutung war (2,2 gegenüber 1,3 Prozent).
Bruttowertschöpfung nach Wirtschaftsbereichen. Die hochauflösende PDF finden Sie hier.Bruttowertschöpfung nach Wirtschaftsbereichen.PDF-Icon Die hochauflösende PDF finden Sie hier. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Ein Blick auf die absoluten Zahlen offenbart allerdings, dass die Wirtschaftsleistung in den beiden Regionen sehr unterschiedlich war: Während zum Beispiel die Bruttowertschöpfung in der Landwirtschaft in den neuen Bundesländern (einschließlich Berlin) 3,4 Milliarden Euro betrug, lag sie in den alten Bundesländern bei 15,8 Milliarden, also fast dem Fünffachen. In der Industrie war die Wirtschaftsleistung der alten Bundesländer mit einer Bruttowertschöpfung von 460,5 Milliarden sogar fast zehnmal so hoch wie in den neuen Bundesländern (49,5 Milliarden). Und auch im Dienstleistungsbereich waren die alten Bundesländer mit 760,5 Milliarden wesentlich produktiver als die neuen Bundesländer (103 Milliarden).
Bruttowertschöpfung nach Wirtschaftsbereichen, absolute Darstellung. Die hochauflösende PDF finden Sie hier.Bruttowertschöpfung nach Wirtschaftsbereichen, absolute Darstellung.PDF-Icon Die hochauflösende PDF finden Sie hier. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Auch die Arbeitsproduktivität, also die Bruttowertschöpfung pro Arbeitnehmer, war im Osten wesentlich niedriger als im Westen. Teilt man das Bruttoinlandsprodukt 1991 durch die damalige Zahl der Erwerbstätigen, so erhält man für die alten Bundesländer den Wert 45.235. Durchschnittlich 45.235 Euro erwirtschaftete also 1991 jeder Arbeitnehmer im Westen. In den neuen Bundesländern betrug dieser Pro-Kopf-Wert 20.150 Euro. Die Arbeitsproduktivität im Osten war nicht einmal halb so hoch wie die im Westen.
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Dass es sich bei BRD und DDR um zwei völlig unterschiedliche Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme handelte, zeigt sich in der Ausrichtung ihrer Betriebe: Die Bundesrepublik richtete ihre Betriebe nach 1945 auf Rationalität, Produktivität und Profitabilität aus, eine "Verzweckung", wie sie für die Industrialisierung zu Anfang des 19. Jahrhunderts kennzeichnend gewesen war. In der DDR dagegen dienten Betriebe einer umfassenden sozialen Versorgung, die von der Kinderbetreuung über kulturelle Angebote für die Belegschaft bis hin zur medizinischen Versorgung reichte. Entsprechend fiel auch die Produktivität im Vergleich zu den rationalisierten, schlanken und effizienten Betrieben im Westen entsprechend niedriger aus.

Ungleiche Voraussetzungen zwischen Ost und West zu Beginn des wiedervereinigten Deutschlands ließen die ökonomische Transformation im Schnelldurchlauf zu einer Schocktherapie für die neuen Bundesländer werden. Das produzierende Gewerbe, der wichtigste Wirtschaftszweig der DDR mit 39 Prozent aller Erwerbstätigen[7], wurde durch die Transformation von der Plan- zur Markwirtschaft und den damit einhergehenden Abbau der staatlichen Großbetriebe dramatisch geschrumpft: 75 bis 80 Prozent der Arbeitsplätze gingen dort in den 1990er Jahren verloren. In den neuen Bundesländern folgte der 1990 im Eiltempo vollzogenen Wirtschaft-, Währungs- und Sozialunion kein rasch erblühendes Land, sondern eine Entindustrialisierung von enormem Ausmaß. Zwar ist der Wiederaufbau seither mithilfe massiver staatlicher Finanztransfers in vielerlei Hinsicht vorangekommen – das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse wurde aber noch nicht in allen Lebensbereichen erreicht. "Dies betrifft insbesondere die Angleichung der Wirtschaftskraft und der Löhne sowie den Arbeitsmarkt."[8]


Fußnoten

1.
http://www.chronik-der-mauer.de/index.php/material/Start/Index/id/632178/item/2/page/0
2.
Sinn, Gerlinde/Sinn, Hans-Werner (1991): Kaltstart. Volkswirtschaftliche Aspekte der deutschen Vereinigung, Tübingen.
3.
Wirtschaft in Ostdeutschland im 21. Jahrhundert, Fußnote 10; http://www.bpb.de/fsd/wahlspezial/v03_1.swf; http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-07/wahlkampfzeiten-1990 (Fußnote 10)
4.
Gleichwertig ist nicht gleich
5.
Arbeitskreis "Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder": Arbeitnehmerentgelt, Bruttolöhne und -gehälter in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland 1991 bis 2013. Reihe 1, Band 2 (4.1. Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer (Inland) – Insgesamt)
6.
Arbeitskreis "Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder": Arbeitnehmerentgelt, Bruttolöhne und -gehälter in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland 2000 bis 2014. Reihe 1, Band 2 (4.1. Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer (Inland) – Insgesamt)
7.
Institut für Wirtschaftsforschung: 20 Jahre Deutsche Einheit – Bestandsaufnahme der wirtschaftlichen Fortschritte im Osten Deutschlands 1990-2010, Seite 10.; vgl. auch http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47137/industrie-im-osten?p=all, Absatz 3
8.
Vgl. Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2014, S. 18.

 

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