Zahlen und Fakten: 25 Jahre Deutsche Einheit

Bevölkerung

15.9.2015
2013 zogen mehr Westdeutsche in den Osten als Ostdeutsche in den Westen. In der Vergangenheit sah dies anders aus: Nicht erst seit der Wiedervereinigung verließen viele Menschen den Osten. Aber nach 1990 verstärkte sich der Abwanderungs- und Alterungsprozess insbesondere in den ländlichen Räumen immens. Inzwischen sind diese Entwicklungen nicht mehr nur in den neuen Bundesländern auszumachen.

Ein alterndes Land mit boomenden Städten




Dass Deutschlands Bevölkerung altert, ist keine neue Erkenntnis. Wie rasant dieser demographische Wandel allerdings vor sich geht, lässt sich an der hier vorliegenden Karte eindeutig erkennen: Ein Klicken durch die Chronik von 1995 bis 2012 zeigt, dass das Durchschnittsalter immer höher wird. Angezeigt wird dies durch die flächendeckend immer heller werdende Einfärbung. Stagnierende oder rückläufige Geburtenziffern und die beständig wachsende Lebenserwartung sind die maßgeblichen Gründe für diesen Trend.

Besonders markant ist, wie viel schneller dieser Alterungsprozess im Osten der Republik vor sich geht. Stellte der Nordosten 1995 noch die Region mit dem niedrigsten Durchschnittsalter dar, so leben dort heute besonders viele alte und wenige junge Menschen. 1995 betrug das durchschnittliche Alter in der Uckermark 33,7 Jahre, 2012 waren es 42,3 Jahre.




Vor allem die Abwanderung hat zu dieser Veränderung geführt. Nicht erst seit dem Ende der DDR hat der Osten mit erheblichen Abwanderungsbewegungen seiner Bevölkerung zu kämpfen: 2,7 Millionen Menschen verließen das Land zwischen 1949 und 1961, dem Jahr des Mauerbaus, weitere 625.000 bis 1988 und noch einmal 880.000 bis Ende 1989. Nimmt man die Bevölkerungszahl von 1990 als Ausgangspunkt, dann haben 7,5 Prozent der Einwohner die neuen Bundesländer zwischen 1990 und 2006 verlassen - das sind insgesamt 1,2 Millionen Menschen. Gerade aus ländlichen Regionen wie der Uckermark zogen viele junge Menschen weg, vornehmlich gut ausgebildete Frauen.[1] In erster Linie war dies eine Folge dessen, dass nach 1990 fast ein Drittel aller Arbeitsplätze im Osten verloren ging.[2]

Im Westen hingegen gibt es vielerorts mehr Zuzüge als Wegzüge. Gerade das Umland von Städten wie Hamburg oder München verzeichnete über die Jahre hinweg Zuwächse an Bewohnern, während etwa die Stadt München selbst um 1998 an Einwohnern verlor. Daran lässt sich die letzte große Suburbanisierungswelle Westdeutschlands in den 1990er Jahren ablesen: Geburtenstarke Jahrgänge gründeten Familien, suchten nach Wohnungseigentum und sehnten sich dabei nach mehr Natur, besserer Luft sowie weniger Lärm im Umland. Nicht zuletzt kehrten sie den Städten den Rücken, weil der durch die Wiedervereinigung bedingte Zuzug aus dem Osten teilweise für erhebliche Preissteigerung auf städtischen Wohnungsmärkten gesorgt hatte.[3]




Mittlerweile hat sich dies verändert: Während sich in ländlichen Regionen mehr und mehr Abwanderung feststellen lässt, erfahren stadtnahe Regionen und vor allem Städte selbst seit mehreren Jahren einen großen Zustrom an neuen Bewohnern. Münchens positiver Wanderungssaldo erreichte 2011 einen Wert von 15,1. Nach Berlin zogen 2012 je 1.000 Einwohner 12,2 Personen mehr, als zum gleichen Zeitpunkt wegzogen. Zwar war der Speckgürtel um Berlin und Potsdam ohnehin weitgehend immun gegen die ostdeutschen Bevölkerungsverluste seit der Wiedervereinigung, was durch den konstant eher dunklen Pfropf auf der Karte kenntlich wird. Inzwischen aber sorgt der Run auf Berlin ebenso wie auf Leipzig, Dresden, Erfurt oder Halle (Saale) sogar für einen positiven Ost-West-Wanderungssaldo: Laut dem Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2014 zogen 2013 insgesamt 1.150 mehr Menschen vom Westen in den Osten als andersherum.[4]

Die soeben genannten Städte sowie die westlichen Großstädte wie etwa Freiburg im Breisgau, München, Heidelberg, Frankfurt am Main und Vechta sind die wenigen Orte in Deutschland, in denen noch mehr Kinder geboren werden als Menschen sterben. Gab es hierbei 1995 noch ein klares Ost-West-Gefälle (im Osten überwogen flächendeckend und meist erheblich die Todesfälle die Geburten), so ist Deutschland heute insgesamt ein Land mit rückläufiger Bevölkerungszahl und steigendem Durchschnittsalter. Besonders betrifft dies die ländlichen Peripherien und die zunehmend deindustrialisierten Städte Nordrhein-Westfalens – auch wenn diese Entwicklung durch die zuletzt rapide zunehmende Einwanderung aus dem Ausland etwas aufgefangen wird.


Fußnoten

1.
www.bpb.de/system/files/pdf/1LYN4H.pdf (Seiten 3/4)
2.
http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/arbeitsmarktpolitik/55390/25-jahre-deutsche-einheit?p=all ("Rückstände)"
3.
http://www.bbr.bund.de/BBSR/DE/Veroeffentlichungen/BBSROnline/2007/DL_ON212007.pdf?__blob=publicationFile&v=2 (v.a. Seite 32), https://www.muenchen.de/rathaus/dms/Home/Stadtverwaltung/Referat-fuer-Stadtplanung-und-Bauordnung/stadtentwicklung/regionales/wmu.pdf (Seite 73 ff.)
4.
>http://www.bmwi.de/Dateien/BMWi/PDF/jahresbericht-zum-stand-der-deutschen-einheit-2014,property=pdf,bereich=bmwi2012,sprache=de,rwb=true.pdf(Seite 54)
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