Zahlen und Fakten: 25 Jahre Deutsche Einheit

Wirtschaft und Arbeit

15.9.2015
Deutschlands Wirtschaft ist seit 2000 fast stetig gewachsen, abgesehen von den Folgen der Bankenkrise für die Realwirtschaft im Jahr 2009. Bruttoinlandsprodukt und Einkommen in Ostdeutschland haben sich dem Westen angenähert. Dort zieht der Strukturwandel in einigen Regionen heute Einkommensarmut nach sich.

Wirtschaftsstärke und Einkommen: Ein ostdeutscher Aufholprozess






Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf macht deutlich, wie viele Güter und Dienstleistungen eine Volkswirtschaft in Relation zu ihrer Bevölkerungsgröße innerhalb eines bestimmten Zeitraums produziert hat. 2014 betrug das BIP Deutschlands insgesamt rund 2,904 Billionen Euro[1] – umgelegt auf die Bevölkerungszahl hat damit theoretisch jeder Einwohner 2014 Güter und Dienstleistungen im Wert von 35.247 Euro[2] erzeugt. Das durchschnittliche private Haushaltseinkommen, 2012 in Deutschland 3.989 Euro pro Monat und Haushalt, summiert sich aus den Einnahmen aus entlohnter Arbeit, Vermögen und Transferzahlungen.[3]

Zwischen Ost- und Westdeutschland gab es nach der Wiedervereinigung erhebliche Unterschiede in Bezug auf beide Größen – Haushaltseinkommen sowie BIP waren in den neuen Bundesländern jeweils signifikant niedriger. Die Karte für den Zeitraum 2000 bis 2012 lässt dies gut erkennen: Im Jahr 2000 hatte keine ostdeutsche Region außer der Stadt Potsdam ein über 29.100 liegendes pro-Kopf-BIP vorzuweisen. Es spiegeln sich darin die erheblich schwierigen Ausgangsbedingungen im Osten wider: die marode Infrastruktur infolge eines Investitionsdefizits zur Zeit der DDR, die daraus resultierende verminderte Arbeitsproduktivität, die Schocktherapie der Treuhand-Privatisierungen, durch die eine Vielzahl von Betrieben und Arbeitsplätzen abgeschafft wurde, und der dadurch abgeschnittene Zugang zu früheren Absatzmärkten sowie die massenhafte Abwanderung vor allem junger, qualifizierter Arbeitskräfte.[4]

Zwar hat der Osten im Laufe der Jahre wirtschaftlich aufgeholt – doch das fortwährend unterschiedliche Niveau der ökonomischen Leistungsstärke im Vergleich zum Westen lässt sich auch an den Werten aus dem Jahr 2012 noch deutlich ablesen. Der Osten erreicht heute 71 Prozent des westdeutschen BIP pro Kopf.[5] Es fehlen insbesondere starke wirtschaftliche Zentren, wie sie die dunkelsten Einfärbungen auf der Karte für Regionen mit mehr als 36.000 Euro BIP pro Kopf etwa in Wolfsburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg und München erkennen lassen. Mit Volkswagen, Henkel, Lufthansa, Beiersdorf und Allianz lässt sich für jede dieser Städte mindestens ein Sitz eines DAX-Konzerns nennen.[6] Im Osten dagegen fehlen inmitten einer ausschließlich von kleinen und mittleren Unternehmen geprägten Wirtschaftsstruktur große, multinationale Konzerne als Arbeitsgeber und Magnete für hochqualifizierte Kräfte, Zulieferer, Wettbewerber, Forschung und Entwicklung.[7] Zugleich macht die Karte deutlich, dass wirtschaftliche Entwicklung in Ost wie West sich immer stärker auf urbane Räume konzentriert. Ländliche Gegenden – ob nun Märkisch-Oderland an der Grenze zu Polen oder der Landkreis Kusel in Rheinland-Pfalz – fallen ihnen gegenüber immer stärker zurück.




Und auch bei den Haushaltseinkommen kennzeichnen Deutschland sowohl ein fortwirkendes Ost-West-Gefälle als auch insgesamt große regionale Unterschiede. Ein Einwohner im Osten verdient im Durchschnitt 83 Prozent des verfügbaren Einkommens eines Einwohners im Westen.[8] Keine der ostdeutschen Regionen konnte 2012 ein durchschnittliches Einkommen von mehr als 1.800 Euro pro Einwohner vorweisen; einzig der Landkreis Potsdam-Mittelmark kommt dem mit 1.664 Euro einigermaßen nahe. Dagegen sind im Süden (siehe vor allem Landkreis Starnberg), im Südwesten (beispielsweise Baden-Baden und St. Wendel), im Westen (Landkreis Olpe) und im Norden (Stormarn) Regionen mit einem über 2.000 Euro liegenden Durchschnittseinkommen zu finden. Doch die hohe Anzahl einkommensschwacher Haushalte ist heute nicht auf den Osten beschränkt: In den vom nordrhein-westfälischen Strukturwandel besonders stark betroffenen Städten Gelsenkirchen und Duisburg liegt das durchschnittliche Einkommen unter 1.400 Euro.


Fußnoten

1.
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/VGR/Inlandsprodukt/Inlandsprodukt.html
2.
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/1252/umfrage/entwicklung-des-bruttoinlandsprodukts-je-einwohner-seit-1991/
3.
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/EinkommenEinnahmenAusgaben/Tabellen/Deutschland.html
4.
vgl. auch http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.483768.de/14-40.pdf v.a. S. 7 ff.)
5.
http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.483768.de/14-40.pdf (Seite 7)
6.
http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/dax-konzerne-muenchen-ist-die-unangefochtene-hauptstadt-1998769.html
7.
vgl. http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.483768.de/14-40.pdf v.a. (Seiten 9/10)
8.
http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.483768.de/14-40.pdf(Seite 7)
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