Zwischen Faszination, Grauen und Vereinnahmung
Die wechselvolle Resonanz der Massenmedien auf die Proteste von '68
Happenings, Sit-Ins, öffentliches Leben in der Kommune – die Revolte der 68er war auch ein mediales Ereignis. Die Medien wurden beschimpft und bekämpft und zugleich gezielt für die Mobilisierung der Öffentlichkeit genutzt.In ihrem vierzigsten Jubiläumsjahr sind die Bilder und Erinnerungen an die Revolte von '68 in den Medien wieder omnipräsent: Mit kanonischen Fotos und Fernsehmitschnitten von Straßenkämpfen, Demonstrationen und Happeningaktionen, unterlegt mit dem Rocksound der 1960er Jahre feiern die Medien ein weiteres Mal '68 als Medienereignis und als herausragendes Moment der bundes-deutschen Geschichte.
Neue Protestformen sorgten für die breite Aufmerksamkeit der Medien: Sitzblockade in Frankfurt/Main am 30.05.1968. (© AP
)Die '68er-Jubiläen sind längst zu Medienritualen geworden, in denen diese sich ihrer Interpretationshoheit über die Geschehnisse Ende der 1960er Jahre vergewissern. Hierbei können sie auf eine lange Geschichte zurückgreifen. Denn die Medien haben sich als kulturelle Deutungsinstanzen bereits zu Beginn in die Entstehungsgeschichte der Revolte eingeschrieben. Schon damals erkannten sie den medialen Ereignischarakter symbolischer Protestformen wie Happenings und Sit-Ins sowie von polarisierenden Bildern studentischer Barrikadenkämpfe mit der Polizei.
Gleichzeitig war die Studenten- und Jugendbewegung die erste emanzipatorische Protestbewegung, die gezielt die Massenmedien für die breitenwirksame Mobilisierung der Öffentlichkeit nutzte. Ein wesentliches Merkmal der '68-er Bewegung, wie ihre symbolische Chiffre lautet, ist, dass sie dabei in einem widersprüchlichen Wechselverhältnis zu den Massenmedien stand: Während sie diese einerseits als "kapitalistisch" und "bürgerlich" ablehnte, nutzte sie die neuen öffentlichen Mobilisierungsmöglichkeiten, die ihnen das massenmediale Interesse bot. Gleichzeitig musste die Bewegung zusehen, wie die Medien sich ihrer Protestkodes bemächtigte und sie zur Modernisierung ihrer eigenen Darstellungsformen und Themen nutzte.
Anlässlich der Demonstration gegen den Berlin-Besuch des Schah von Persien am 2. Juni 1967 verteilten Mitglieder der Kommune I Papiertüten mit Karikaturen des Herrscherpaares. (© Benjamin Pritzkuleit / '68 - Brennpunkt Berlin)Beide Protestgruppierungen haben gemeinsame Wurzeln, vor allem in den anti-autoritären Grundüberzeugungen und in ihren symbolischen Aktionsformen. Während die Proteste um den SDS allerdings konkrete politische Konfliktsituationen aufgreifen (wie den Vietnamkrieg) und provozieren (wie die Konfrontationen anlässlich des Schah-Besuchs), weiten die Kommunarden ihre Rebellion aus auf eine "revolutionäre Lebenspraxis", die sich nicht nur in einzelnen Protestaktionen manifestiert, sondern auch in der öffentlichen Verkörperung und Inszenierung eines hedonistischen und selbstbestimmten Lebensstils, der den autoritären und materialistischen Werten der älteren Generation im Nachkriegsdeutschland den Kampf ansagt. Vor allem die Aufhebung der Privatsphäre, das polygame Zusammenleben in einer Kommune und die Auflösung des bürgerlichen Familienverständnisses werden provokativ öffentlich zur Schau gestellt.
Zwar handelt es sich bei beiden Tendenzen der Studenten- und Jugendbewegung um in sich heterogene Strömungen, die im Verlauf der Jahre 1967 und 1968 in immer kleinere Gruppierungen zerfallen. In der öffentlichen Wahrnehmung aber dominiert das Bild einer mehr oder weniger einheitlichen Front rebellierender Studenten, in der einige prominente Leitfiguren herausragen, welche immerhin die beiden Grundtendenzen der Bewegung repräsentieren: Rudi Dutschke und die Mitglieder der Kommune 1.
weitere Inhalte:
- 68 in den Betrieben
- Das Ende der "Ära Adenauer"
- Denkmodelle der 68er
- Die 68er-Bewegung
- "Die Stimmung war reformistisch"
- Ein direkter Weg von der Spassguerilla zum Terrorismus?
- Freiheit und Sicherheit
- Heinrich Oberreuter
- Joachim Lautensack
- Neue Linke und Studentenbewegung
- Revolution der Sprache?
- Sound und Revolte
- "The Whole World is Watching"
- "Wir hofften auf Freiräume"
Online-Angebot
Kinofenster.de: We Want Sex
Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht. Weiter...

