"The Whole World is Watching"
Internationale Solidarität und Synergien 1968
Manuel Gogos
6.6.2008
Ein Gewimmel von Reminiszenzen, Allegorien, Selbsttäuschungen, Verallgemeinerungen und Projektionen hat sich an die Stelle dessen gesetzt, was in diesem atemlosen Jahr passiert ist. Die Erfahrungen liegen begraben unter dem Misthaufen der Medien, des 'Archivmaterials' – einer Wirklichkeit, die unter der Hand unvorstellbar geworden ist. Mein Gedächtnis, dieser chaotische, delirierende Regisseur, liefert einen absurden Film ab, dessen Sequenzen nicht zueinander passen. Vieles ist mit wackelnder Handkamera aufgenommen. Die meisten Akteure erkenne ich nicht wieder. Je länger ich mir das Material ansehe, desto weniger begreife ich. Es war nicht möglich, das alles gleichzeitig zu verstehen. Hans Magnus Enzensberger[1] Immer häufiger wird die Revolte von 1968 als Meilenstein in die Vorgeschichte der Globalisierung eingetragen. [2] "Der Versuch, ihre Konturen zu zeichnen, [muss darum] über nationale Fallstudien hinausgeführt werden", wie Ingrid Gilcher-Holtey programmatisch erklärte.[3] Die emphatischen Internationalisten unter den Revolutionären von 1968 operierten nach ihrer eigenen Wahrnehmung in einer globalen 'Arena', mit ihnen bewegte sich die Revolte insgesamt in einen transnationalen Raum hinein. Eine Art "megautopische Stimmung" grassierte, Teil eines weltweiten Ganzen, einersozialistisch inspirierten Weltfriedensbewegung zu sein. [4] Dies 'Schwärmen' ist im Nachhinein zu einer Art magic moment weltweiter Zusammengehörigkeit und Solidarität verklärt worden: "Gleichzeitigkeit bedeutete, dass es eine Vielzahl von Protestformen gab, die zu einem neuen, internationalen Lebensgefühl zusammenwuchsen."[5]
Zu den wichtigsten Austragungsorten dieser vermeintlichen 'Weltrevolution' zählten, laut Wolfgang Kraushaar: "Der Pariser Mai, dessen Euphorie wie ein romantisches Traumgebilde ebenso rasch wieder in sich zusammenfiel, wie es sich herausgebildet hatte, der Prager Frühling, der in seiner Bedeutung erst richtig erkannt worden ist, als er von den sowjetischen Panzern bereits niedergewalzt wurde, der Aufstand der Schwarzen in den USA, deren nach Waffen rufende Protagonisten sich vor allem nach der Ermordung Martin Luther Kings bestätigt fühlten, die Proteste der mexikanischen Studenten gegen die korrupte Staatspartei, die im Oktober kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele auf so brutale Weise erstickt wurde, aber auch der Internationale Vietnam- Kongress in Berlin."[6] Alles geschah, alle handelten in atemloser Gleichzeitigkeit. Ganz anders als die damaligen Akteure vermag der heutige Beobachter der Szene aus dem historischen Abstand eine Art archimedischen Punkt einzunehmen – ähnlich dem der Astronauten um Neil Armstrong, die, wiederum in einer Überlappung der Ereignisse und Gedächtnisse, mit ihrer Mondlandung 1969 erstmals die Welt als Ganzes in den Blick bekamen: "Die zahlreichen Demonstrationen in Amsterdam, Ankara, Athen, Belgrad, Berkeley, Brüssel, Chicago, Dakar, Istanbul, Kopenhagen, Lissabon, London, Madrid, Mailand, Manila, New York, Rio, Rom, Sydney, Tokio, Venedig, Warschau, Washington, Zürich – das alles hat aus der Welt jenes 'global village' gemacht, von dem der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan schon damals gesprochen hat."[7]
Abbie Hoffman war Mitinitiator von Demonstrationen in Chicago – und kam damit weltweit in die Medien. 1968 stand er wegen "Aufrufs zur Demonstration" vor Gericht. (© AP)David gegen Goliath
Einer der Fluchtpunkte des international synchronisierten Aufbegehrens lag in der Herausforderung der 'Hegemonialmacht' USA. Che Guevara hat in seiner berühmten "Botschaft an die Völker der Welt" die USA zur Zielscheibe eines militanten Internationalismus gemacht: "Unsere ganze Aktion ist eine Kriegsansage gegen den Imperialismus und ein Ruf nach der Einheit der Völker gegen den großen Feind des Menschengeschlechts: die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam."[11] Es ist der 'schmutzige' Krieg, den die US-amerikanischen Truppen in Vietnam führen, der dem Jahr 1968 vielleicht am nachhaltigsten seinen Stempel aufgedrückt hat. Die massenmedial vermittelten Bilder des Vietnamkriegs – mit Kennedy beginnend, unter Johnson eskalierend –, die Verwicklung der Amerikaner in einen unmoralischen Kampf machte das amerikanische Establishment in den Augen der eigenen Jugend verdächtig. Zugleich stammten viele der wichtigsten Protest- und Widerstandsformen aus der 'Höhle des Löwen': Die counterculture eignete sich die wichtigsten Strategien des zivilen Ungehorsams von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung an. Für Martin Luther King stand immer das Prinzip der Gewaltlosigkeit im Mittelpunkt. Dabei berief er sich gern auf die anarchischen Traditionen des amerikanischen Transzendentalisten Thoreau, der sich wiederum vom zivilen Ungehorsam Mahatma Gandhis hatte inspirieren lassen.
1968 gehen Polizisten in Chicago mit Knüppeln gegen Anti-Vietnamkriegsdemonstranten vor. Diese Szenen wurden per Satellit weltweit ausgestrahlt und steigerten den Protest zur internationalen Bewegung. (© AP)Mark Kurlansky nennt die Ereignisse darum sardonisch einen jener Momente der "Fernsehmagie" des Jahres 1968.[14] Tom Hayden, einer der Führer der amerikanischen Protestbewegung und Hauptinitiator der Demonstrationen, erinnert sich: "Als wir nach Chicago kamen, gab es in unserem Vokabular den Ausdruck 'Pig' noch nicht, wir kannten noch nicht den Slogan 'Die Straße gehört dem Volk'. Aber in der Situation, die die Polizei schuf, bekamen diese Worte Bedeutung. Chicago veränderte die Linke, veränderte die Medien, änderte die, die dabei waren, und die, die zuschauten. Der Chicagoer Parteitag symbolisierte die endgültige Niederlage liberaler Politik, den kalten Krieg im eigenen Lande."[15] Die Militärjeeps im Grand Park erinnerten die Demonstrierenden an die noch ganz frischen Bilder russischer Panzer in den Straßen von Prag, sie nannten ihre Stadt darum in einer Übersprungshandlung 'Czechago'.
Als in der so genannten Tet-Offensive die Vietcong-Truppen einen Vorstoß auf die US-Botschaft in Saigon machten und damit den Wendepunkt des Kriegsgeschehens markierten, schlug zugleich in der breiten amerikanischen Bevölkerung und in der Welt die Stimmung vollends gegen den 'imperialistischen' Krieg der Supermacht um. Unter dem weltweiten Druck kündigte Johnson an, kein weiteres Mal für das Präsidentenamt zu kandidieren. Woodstock Nation, das 'andere' Amerika der Subkultur, wie es so unnachahmlich in Jimi Hendrix' legendärem Gitarren-Solo in Woodstock zum Ausdruck gekommen war,[16] dieses "wahre" Amerika (KD Wolff) hatte einen seiner wichtigsten Siege errungen.
Fußnoten
- Kat. Nürnberg 1984.
- Vgl. u. a. die Aktivitäten von Martin Klimke und Joachim Scharloth im Rahmen ihrer interdisziplinären Forschung zur Protestbewegung (IFK) wie die im August 2006 in Heidelberg veranstaltete internationale Tagung zum Thema "Between the 'Prague Spring' and the 'French May': Transnational Exchange and National Recontextualization of Protest Cultures in 1960/70s".
- Gilcher-Holtey 2001, S. 10.
- Kraushaar 2000, S. 24.
- Birnbaum 1993, S. 41.
- Kraushaar 2000, S. 23.
- Ebd., S. 23. McLuhan, einer der Gründerväter der Medienwissenschaft und -kritik, im Playboy von 1969 als "Hohepriester der Pop-Kultur" apostrophiert, ahnte, in welchem Ausmaß sich die weltweiten Kommunikationsprozesse intensivieren würden – und das bereits zu einer Zeit, da das Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte und Computer so groß waren wie Kommandozentralen.
- Kurlansky 2007, S. 13.
- Die Bewegung der Yippies – militanter Hippies, in denen sich politische Militanz mit der hedonistischen Untergrundkultur Amerikas verbanden – wurde am Neujahrsabend 1968 gegründet. Die Gründung sei das Ergebnis einer wilden Party in Greenwich Village gewesen, wie sich die Gründerväter Abbie Hoffman und Jerry Rubin später vor einem Untersuchungsbeamten ausdrückten: "Da waren wir nun, allesamt high, und wälzten uns auf dem Boden." Zit. nach Kurlansky 2007, S. 30. Später wurde die Bucht vonSan Francisco und insbesondere Haight-Ashbury für zahlreiche oppositionelle Intellektuelle zum Laboratorium der 'Bewusstseinserweiterung'.
- Kurlansky 2007, S. 268.
- Zit. nach Juchler 1989, S. 55.
- Rudi Dutschke wurde am 11. April 1968 niedergeschossen.
- Als KD Wolff am 14. März 1969 vor dem amerikanischen Senatsausschuss für innere Sicherheit aussagen musste, drehte er den Spieß vollends um und bezeichnete den Prüfungsausschuss selbst kurzerhand als einen "Haufen von Banditen".
- Kurlansky 2007, S. 315.
- Hayden 1971, S. 17 ff. Vgl. dazu auch Brandes/Burke 1970.
- Hendrix stimmte hier auf der E-Gitarre die Nationalhymne an, deren vaterländisches Pathos er dann virtuos in den Sound fallender Bomben überführte.
Online-Angebot
Kinofenster.de: We Want Sex
Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht. Weiter...

