"Sie sind wieder da" - Vom Stasi-Offizier zum Rechtsanwalt
Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk
30.9.2005
Verteidiger im Prozess um den Schießbefehl an der Berliner Mauer: der ehemalige MfS-Major Frank OsterlohDas MfS hatte sich darauf orientiert, leistungsfähige Kader zu gewinnen. Zugleich hatte es die eigene Kaderschmiede, die "Juristische Hochschule" in Potsdam, zu einem Instrument ihrer streng geheimen Kaderausbildung entwickelt. Diese "Hochschule" zählte zu den Ideologie-Hochschulen in der DDR, von denen es Dutzende gab. Die SED, die Blockparteien, die Massenorganisationen, die Polizei, das Militärwesen und eben das MfS unterhielten eigene Hochschulen, um politisch einwandfreie Kader fern von den anderen Universitäten ausbilden zu können. Alle "Ideologie-Hochschulen" vergaben Diplom-Titel. Sie erhielten durchgängig sogar das Promotionsrecht zuerkannt. Die "Juristische Hochschule" des MfS wurde 1951 als Schule des MfS gegründet und 1955 zur Hochschule erklärt.
Zur Anzeige von Videos wird Flash und Javascript benötigt
KONTRASTE deckt auf, dass ehemalige Stasi-Offiziere im vereinigten Deutschland ungehindert als Rechtsanwälte arbeiten. Der Einigungsvertrag, der die juristischen Abschlüsse aus DDR-Zeiten anerkennt, macht dies möglich.Für den Besuch dieser Hochschule konnte man sich nicht bewerben, sondern musste bereits im bewaffneten Dienst stehen und delegiert werden. Zwischen 1966 und 1989 erwarben dort rund 3.300 Personen den Abschluß eines Diplom-Juristen und 347 Personen einen Doktortitel. Die Doktorarbeiten orientierten sich an der operativen Arbeit des MfS, stellten zumeist Gemeinschaftswerke mehrerer Verfasser ohne wissenschaftliche Fundierung dar und hatten mit Dissertationen außer dem Namen nichts gemeinsam.
Obwohl dies bekannt war, beschlossen die Regierungen der Bundesrepublik und der DDR im Einheitsvertrag am 31. August 1990, dass alle schulischen, beruflichen und akademischen Abschlüsse und Befähigungsnachweise aus der DDR weiter gelten und die in der DDR verliehenen Titel und akademischen Grade ohne Prüfung weiter geführt werden dürfen (Art. 37). Folglich durfte eine ganze Reihe ehemaliger MfS-Offiziere auch nach dem Vollzug der deutschen Einheit als Juristen weiter praktizieren. Sie hatten sich nach einem "Studium" an der MfS-Hochschule "Diplom-Juristen" nennen dürfen und nach Auflösung des MfS als freie Rechtsanwälte in der Noch-DDR niedergelassen. Viele Opfer der SED-Diktatur verbitterte dies zutiefst. Jetzt konnten sich ihre Peiniger, die vor 1990 in der DDR Recht und Moral mit Füßen getreten hatten, als Sachverwalter des bürgerlichen Rechtsstaates hervortun.
Die Reihe auf DVD
Kontraste - Auf den Spuren einer Diktatur
"Kontraste auf den Spuren einer Diktatur" ist eine DVD-Edition mit 32 Folgen des RBB-Politikmagazins zur Opposition in der DDR, Entmachtung der Stasi und Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Mit vielen Hintergrundinformationen. Weiter...
DossierDeutsche Teilung - Deutsche Einheit
13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer. Die Teilung bekommt eine konkrete Gestalt. Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften. Weiter...


