"Es hat ihn keiner gezwungen"– Ein Arzt im Dienste der Stasi
Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk
30.9.2005
Vernehmer im weißen Kittel: Dr. Horst Böttger, ehemaliger Arzt im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-HohenschönhausenDiesen Eid legten auch die Mediziner in der DDR ab, auch jene, die im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) arbeiteten. Gewissenskonflikte hatten dabei offenbar die wenigsten, denn sie hatten gegenüber dem MfS einen Eid abzulegen und Tätigkeiten auszuüben, die in krassem Widerspruch zum hippokratischen Eid standen: Sie schworen, dass sie alle Feinde der DDR unnachgiebig verfolgen, ihr Leben zum Schutz des Sozialismus einsetzen und dem MfS in allen Fragen streng gehorchen würden.
Zur Anzeige von Videos wird Flash und Javascript benötigt
KONTRASTE begleitet ein Opfer zu seinem Peiniger. Der Stasi-Psychiater hatte dem Häftling Psychopharmaka verabreicht und ihn dann verhört. Heute darf er als niedergelassener Arzt weiter praktizieren.Der 1939 geborene Arzt Horst Böttger trat im selben Jahr, 1971, in dem er sein Medizinstudium erfolgreich abschloss dem MfS als Leutnant bei. Als MfS-Offizier absolvierte er eine mehrjährige Facharztausbildung Neurologie/Psychiatrie. Zwischen 1978 und 1988 war er dann als forensischer Psychiater im MfS-Haftkrankenhaus Berlin-Hohenschönhausen tätig. 1989 arbeitete er als Offizier im besonderen Einsatz an der Humboldt-Universität zu Berlin, Sektion Kriminalistik. Böttger hatte nicht nur in Medizin promoviert, sondern 1985 an der MfS-Hochschule auch zum "Dr. jur.". In seiner "Dissertation" hatte er sich mit "feindlich-negativen Einstellungen" und "feindlich-negativen Handlungen" von DDR-Bürgern auf der Grundlage konkreten Materials des MfS beschäftigt und Ratschläge erarbeitet, wie in Zukunft die Feinde des Sozialismus noch effektiver bearbeitet und bekämpft werden könnten. Das MfS urteilte im April 1988 über Böttger, dass der Arzt als "Tschekist auch operative Belange" gebührend berücksichtige. Besonders wurde hervorgehoben, dass er im Bereich der so genannten Staatsverbrechen effektiv mitwirke und an der "Lösung operativer Fragestellungen im Zusammenwirken mit" den MfS-Vernehmern arbeite. Das hieß im Klartext, dass Dr. med. Dr. jur. Horst Böttger gegen die Interessen seiner Patienten allein die politischen Absichten des MfS verfolgte. Er agierte als Vernehmer im weißen Kittel. Das wog schwerer, weil er das Vertrauen der ihm anvertrauten Häftlinge missbrauchte, um Informationen zu gewinnen, die seinen Patienten zum Nachteil gereichten. Obwohl gegen Böttger im vereinigten Deutschland immer wieder einstige Häftlinge öffentlich aussagten, praktizierte er in Berlin-Hohenschönhausen weiter als Arzt. Dafür sorgte unter anderen sein Rechtsanwalt, Frank Osterloh, früher im Range eines Majors selbst für Vernehmungen im MfS zuständig. Neben Böttger gab es weitere Ärzte, die als hauptamtliche oder inoffizielle Mitarbeiter des MfS ihre Patienten verrieten und den Medizinereid brachen. Beruflich schadete ihnen das aber auch nach der Revolution 1989 größtenteils nicht.
Die Reihe auf DVD
Kontraste - Auf den Spuren einer Diktatur
"Kontraste auf den Spuren einer Diktatur" ist eine DVD-Edition mit 32 Folgen des RBB-Politikmagazins zur Opposition in der DDR, Entmachtung der Stasi und Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Mit vielen Hintergrundinformationen. Weiter...
DossierDeutsche Teilung - Deutsche Einheit
13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer. Die Teilung bekommt eine konkrete Gestalt. Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften. Weiter...


