68er Dossier
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Revolution der Sprache?

Die Sprache der 68er


3.3.2008
Die 68er-Bewegung war eine Rebellion gegen die herrschende Ordnung. "Unordentliche" Kleidung, lange Haare und offene Verstöße gegen Benimmformen waren Ausdruck dieser Rebellion. Auch in der Sprache und Kommunikationsritualen sorgten die 68er für reichlich Unordnung.

Ein Eklat



Viele Protest- und Kommunikationsformen wurden aus den USA importiert: Sit-in an der Universität von Kalifornien in Berkeley.Viele Protest- und Kommunikationsformen wurden aus den USA importiert: Sit-in an der Universität von Kalifornien in Berkeley. (© AP)

Zornesbleich und durch den Bühneneingang verließ am 26. November 1966 Hans-Joachim Lieber, Rektor der Freien Universität Berlin, den Hörsaal A im Henry-Ford-Bau. Rund 600 Studierende blieben mit vielen offenen Fragen zurück und verließen ebenfalls, wenn auch zögerlich, den Hörsaal. Der Rektor hatte den Studierenden zugesagt, mit ihnen über die Themen Studienreform, Studienzeitbegrenzung und Zwangs- exmatrikulation zu diskutieren. Doch es war anders gekommen. Die Diskussion verlief schleppend, der Rektor erging sich in unverbindlichen Gemeinplätzen und der Unmut der anwesenden Studierenden wuchs, bis eine Gruppe politisch aktiver Studenten um Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Eike Hemmer überraschend das Podium stürmte, dem Rektor das Mikrofon entriss und ein Flugblatt verlas, in dem harsche Kritik an den Zuständen an der Freien Universität geübt wurde:

"Wir müssen uns herumschlagen mit schlechten Arbeitsbedingungen, mit miserablen Vorlesungen, stumpfsinnigen Seminaren und absurden Prüfungsbestimmungen. Wenn wir uns weigern, uns von professoralen Fachidioten zu Fachidioten ausbilden zu lassen, bezahlen wir mit dem Risiko, das Studium ohne Abschluß beenden zu müssen. Nach fünf Monaten Kollaboration ruft uns der AStA zu diesem Gespräch mit dem Rektor, bei dem der Mensch Lieber verständnisvoll in das Publikum horcht, während der Funktionär Lieber beschämt in der Ecke wartet. VON DIESEM GESPRÄCH HABEN WIR NICHTS ZU ERWARTEN."

Die Berliner Presse glaubte, mit der Störaktion habe die Kulturrevolution an der FU Einzug gehalten. Der Abend schrieb, die "Rote Garde" des Berliner Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) habe das Podium in einer bewusst anarchistischen Aktion gestürmt und die Veranstaltung gesprengt.

Kommunikationsrituale in Unordnung



Jede Revolution zielt nicht nur auf politische Veränderungen, sondern greift tief in die Rituale des Alltags ein und verändert die alltäglichen Verkehrsformen. Sie wendet sich nicht nur gegen eine herrschende Klasse selbst, sondern auch gegen deren symbolische Praktiken. Auch die 68er-Bewegung wollte eine radikale Veränderung der bundesrepublikanischen Verhältnisse erreichen und sympathisierte mit der von Mao und seinen Roten Garden initiierten Kulturrevolution in China. Statt aber gewaltsam gegen einzelne Machthaber und Institutionen vorzugehen attackierten die Aktivisten jene Rituale, in denen ihrer Meinung nach gesellschaftliche Machtverhältnisse gespiegelt und zugleich reproduziert wurden. Dazu gehörten:
  • Vorlesungen und Seminare, in denen Wissen ex cathedra verkündet und nicht diskursiv verhandelt wurde.
  • Immatrikulationsfeiern, in denen Studenten kein Rederecht hatten.
  • Parlamentssitzungen, in denen über, aber nicht mit den Aktivisten debattiert wurde.
  • Vermeintlich voreingenommene Untersuchungsausschüsse, die nur der Verurteilung der Protestierenden, nicht aber der Auslotung der gesellschaftlichen Ursachen des Protests dienten.
  • Gottesdienste, in denen zwar Frieden gepredigt wurde, die Gräuel des Vietnamkrieges aber unerwähnt blieben.
  • Gerichtsverhandlungen, in denen von Angeklagten bei Strafe die totale Unterordnung in die in Gerichten geltenden Verhaltensnormen verlangt wurden.
Die Mitglieder der Kommune I verweigerten die Stilform des Gerichtsverfahrens: statt zu antworten, stellten sie Gegenfragen oder hielten politische Reden. Das Bild zeigt Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und Fritz Teufel in einem Berliner Gerichtsaal im Jahr 1968. Foto: APDie Mitglieder der Kommune I verweigerten die Stilform des Gerichtsverfahrens: statt zu antworten, stellten sie Gegenfragen oder hielten politische Reden. Das Bild zeigt Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und Fritz Teufel in einem Berliner Gerichtsaal im Jahr 1968. (© AP )
In den meisten dieser Rituale spielte das Sprechen eine zentrale Rolle und wurde zum zentralen Gegenstand der Kritik. In Vorlesungen begannen die Studenten Fragen zu stellen und forderten Aussprache zu hochschul- und allgemeinpolitischen Themen. In Parlamentssitzungen brachen Protestierende mit der Forderung ein "Wir wollen diskutieren". In Untersuchungs- ausschüssen fingen die Aktivisten an, Gegenfragen an die Ausschussmitglieder zu richten, oder stellten aus Protest gegen die Fragemethoden so lange Rechtsbelehrungs- fragen, dass ihre Einvernahme zu einer Farce wurde. In Gottesdiensten stiegen sie auf die Kanzel, um mit der versammelten Gemeinde über den Vietnamkrieg zu diskutieren. Und in Gerichtsverhandlungen schließlich setzten sich die Angeklagten mit dem Rücken zum Gericht, begannen mitten in der Verhandlung Gespräche mit dem Publikum zu führen oder spielten selbst Richter oder Staatsanwalt. Es waren demnach besonders asymmetrische Formen der Kommunikation, also solche Kommunikationsrituale, in denen die freie Rede und Gegenrede durch Tradition oder Macht eingeschränkt waren, die in den Jahren der 68er-Bewegung zum Gegenstand der Kritik wurden.

Was die 68er-Bewegung von ihren Vorläuferbewegungen unterscheidet, ist die Tatsache, dass diese Kritik nicht nur theoretisch formuliert und artikuliert, sondern vor allem effektvoll in Szene gesetzt wurde. Der Protest wurde dort ausagiert, wo die Ursache des Protests direkt spürbar war. Eine Diskussion in einer Vorlesung zu beginnen, war freilich nicht nur Kritik an asymmetrischen Kommunikationsstrukturen in einer machtgesättigten Institution, sondern zugleich der Versuch, ein Kommunikationsritual im Hier und Jetzt zu verändern und nach den eigenen Vorstellungen umzugestalten.

So waren die Jahre um 1968 weniger eine Revolution der Sprache als eine Revolte im Medium der Sprache und eine Neuverhandlung der Formen ihres Gebrauchs. Protest innerhalb von traditionellen Kommunikationsritualen verletzte Kommunikationsregeln und stiftete Unordnung. Allerdings war diese Unordnung häufig nicht Ergebnis eines chaotischen Aktionismus und anarchistischer Spontaneität, sondern war – wie die eingangs geschilderte Szene zeigt – von langer Hand geplant und sorgfältig inszeniert.



 

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