Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

3.3.2008 | Von:
Joachim Scharloth

Revolution der Sprache?

Die Sprache der 68er

Teach-in, Studentisches Seminar und Kommunegespräch

Frankfurter Buchmesse 1968: Daniel Cohn-Bendit demonstriert auf einem vom SDS organisierten Teach-in gegen die Verleihung des Friedensbuchpreises an den senegalesischen Präsidenten Leopold Sedan Senghor. Foto: APFrankfurter Buchmesse 1968: Daniel Cohn-Bendit demonstriert auf einem vom SDS organisierten Teach-in gegen die Verleihung des Friedensbuchpreises an den senegalesischen Präsidenten Leopold Sedan Senghor. (© AP )
Jede Revolution richtet sich zwar gegen die symbolischen Formen der herrschenden Ordnung, sie bringt aber auch eigene Formen hervor. Und so entwickelten sich auch 1968 Formen der Kommunikation, die Ideale und Werte der Revolte symbolisieren sollten und durch welche die Akteure sich von der Mehrheitsgesellschaft versuchten abzugrenzen.

Symbolisch in besonderer Weise aufgeladen war die Diskussion. Der dem besseren Argument verpflichtete freie Austausch von Meinungen galt als besonders demokratische Praxis. Mit ihr verbunden war die Hoffnung auf Erkenntnisgewinn, auf Selbstaufklärung und auf Überzeugung des politischen Gegners. Sinnfälligen Ausdruck fand das Diskussionsfieber im Teach-in. Das Teach-in war eine Form der politischen Massendiskussion, die ohne Beschränkung des Rederechts auskommen wollte und in der nicht der Diskussionsleiter, sondern alle Teilnehmer demokratisch über Inhalte und Verfahrensfragen entscheiden sollten. Das führte allerdings dazu, dass Teach-ins manchmal ganze Tage dauern konnten.

"Diskussion" und "diskutieren" waren positiv besetzte Schlagwörter, die zur Bezeichnung auch solcher Formen des Gesprächs verwendet wurden, die früher andere Namen trugen. Häufig freilich war der Austausch von Meinungen um 1968 weit entfernt vom Ideal herrschaftsfreier Diskussion. Insbesondere Diskussionen mit politischen Gegnern hatten oft den Charakter von Tribunalen und endeten mit Niederbrüllen und Beleidigungen. Innerhalb der 68er-Bewegung bemühte man sich – angeleitet durch Erkenntnisse aus Werbung und Publizistik – mittels ausgefeilten Argumentationshilfen und Schulungen um eine Professionalisierung der politischen Agitationsarbeit. Doch auch die Gegenseite gab ihren Vertretern Standardformeln für den Meinungsstreit an die Hand: Der CDU-nahe Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) publizierte einen Ratgeber mit dem Titel "Wie diskutiere ich mit einem Linksideologen".

Selbstorganisierte Podiumsdiskussion als Gegenentwurf zur Vorlesung: Studenten diskutieren 1968 an der FU Berlin mit Günther Grass über die Notstandsgesetze. Foto: APSelbstorganisierte Podiumsdiskussion als Gegenentwurf zur Vorlesung: Studenten diskutieren 1968 an der FU Berlin mit Günther Grass über die Notstandsgesetze. (© AP )
Als Gegenentwurf zu den autoritär empfundenen Vorlesungen und gegen den Seminarstil so mancher Professoren wurden in den Universitäten studentische Seminare etabliert. In ihrem Rahmen sollten Studenten in kleinen Gruppen zu gesellschaftlich relevanten Themen eigenständig Projekte durchführen. In Plenarsitzungen sollten die Ergebnisse der Gruppenarbeiten vorgestellt und ihre Relevanz für eine künftige politische Praxis kritisch diskutiert werden. Allzu häufig verstrickten sich aber die Teilnehmer der Arbeitsgruppen in aufreibende Detaildiskussionen und auch in den Plenarsitzungen konnte wegen der großen Selbstständigkeit in der Themenwahl nur mit Mühe thematische Kohärenz hergestellt werden. Nur selten gelang es den studentischen Seminaren ihren Anspruch einzulösen, selbstbestimmte wissenschaftliche Arbeit mit politischer Praxis zu verbinden.

Fritz Teufel war eines der bekanntesten Gesichter der Kommune I. Foto: APFritz Teufel war eines der bekanntesten Gesichter der Kommune I. (© AP )
Parallel dazu entwickelten sich in Kommunen hochritualisierte Gesprächsformen, die symbolisch gegen das Beschweigen und die Tabuisierung bestimmter Themen in bürgerlichen Familien- zusammenhängen gerichtet waren. Kommunegespräche wurden meist durch ein Schwellenritual eingeleitet. Dieses konnte zum Beispiel in einer längeren Schweigepause oder im gemeinsamen Konsum eines Joints bestehen. Kommunegespräche fanden meist regelmäßig und zu festgelegten Zeiten statt und verliefen nach festen Sequenz- mustern: je nach Kommune hatten sie den Charakter eines Reihengesprächs oder auch eines auf eine Person fokussierten Therapiegesprächs. Thematisch blieben die Kommunegespräche auf die gruppendynamischen Prozesse innerhalb der Kommune, auf die Psyche ihrer Mitglieder und auf Politisches beschränkt. Dagmar Seehuber bezeichnete die Gespräche in der Kommune I rückblickend als "Psychomarathons" oder "Psychoterror- sitzungen", während etwa Dieter Kunzelmann sie als solidarische Hilfestellungen zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit erinnert.

Das Kommunegespräch war ungleich erfolgreicher als etwa das studentische Seminar bei der Vergemeinschaftung der Aktivisten. Entscheidend hierfür war der Beteiligungszwang, der für die Kommunegespräche galt. Und zwar in doppelter Hinsicht: Kommunegespräche waren die einzige kommune-interne Aktivität, bei der die Teilnahme aller Mitglieder erwartet wurde. Zum anderen wurde erwartet, dass alle Kommunarden sich auch tabulos am Gespräch beteiligten. So hatte die Kommune 2 einen einzigen Grundsatz, nämlich "über alle auftauchenden Probleme gemeinsam zu sprechen." So problematisch diese Totalisierung für den Einzelnen gewesen sein mag – ehemalige Kommunarden berichten von psychischen Zusammenbrüchen – so wichtig war sie für die Formierung eines von der Mehrheitsgesellschaft abgekoppelten Milieus, in dem sich alternative Ausdrucksformen entwickelten.


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