68er Dossier
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Ohne Frauen keine Revolution

68er und Neue Frauenbewegung


6.3.2008
Freigabe der Anti-Baby-Pille, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und Abschaffung des Paragraphen 218: Die Forderungen der Neuen Frauenbewegung waren vielfältig. Doch zunächst mussten Frauen innerhalb der Protestbewegung selbst gegen machohaftes Verhalten und männliche Machtstrukturen kämpfen.

Wie in anderen westlichen Industrieländern entstanden um 1968 auch in der Bundesrepublik Deutschland Frauengruppen, die sich zunächst mit den Protestformen und Zielen der 68er Bewegung identifizierten. Sehr bald aber suchten sie einen eigenen Weg und strebten Unabhängigkeit an.

Der BH als Symbol der patriarchalen Unterdrückung: Mit öffentlichen BH-Verbrennungen forderten Frauen die Freigabe der Pille, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und das Ende der männlichen Vorherrschaft. Foto: APDer BH als Symbol der patriarchalen Unterdrückung: Mit öffentlichen BH-Verbrennungen forderten Frauen die Freigabe der Pille, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und das Ende der männlichen Vorherrschaft. (© AP)
Die neue Frauenbewegung machte wenige Jahre nach der 68er-Bewegung landesweit mit Protesten auf die Anliegen von Frauen aufmerksam. Sie hat damit ihre Wurzeln ebenso in der 68er-Bewegung wie in der historischen Frauenbewegung. Diese war in Deutschland rund hundert Jahre zuvor entstanden, und hatte um die Wende zum 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt erlebt. Ihre sozialistischen und jüdischen Führerinnen wurden in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben und ermordet. Und ihre bürgerlichen Vertreterinnen mussten sich den neuen Herrschern anpassen oder aber auf jegliches Engagement verzichten. Krieg und Trümmerjahre bedeuteten das vorläufige Ende der alten Frauenorganisationen.

Zwar gründeten Frauen in den Parteien ebenso wie in Gewerkschaften und Kirchen bald wieder neue Frauengruppen, als deren Dachorganisation sich ab 1949 der Deutsche Frauenrat konstituierte. Ein so dichtes und aktives Netz von Frauenbünden und Frauenligen wie es um die Jahrhundertwende bestanden hatte, konnte aber nicht wieder geschaffen werden. Für die Öffentlichkeit blieben die moderaten Forderungen der konventionellen Frauenverbände nach rechtlicher Gleichstellung von Frau und Mann, nach Mitsprache in politischen Gremien und Entlastung erwerbstätiger Mütter weitgehend unsichtbar.

Ende der 1960er Jahre trat eine neue Generation von Aktivistinnen auf den Plan, jünger, spritziger, fordernder als ihre älteren "Schwestern". Welches waren die Gründe für ihre Unzufriedenheit?

Die Frauen der Wohlstandsgesellschaft



Es gilt zu bedenken, dass die Frauen, von denen nun die Rede ist, eine gänzlich andere Generationserfahrung gemacht hatten als ihre Vorläuferinnen. Geboren in den Jahren nach 1945 wuchsen sie in einer Zeit relativen wirtschaftlichen Wohlstands und politischer Stabilität auf. Das Leben vieler Frauen wurde durch mehrere Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft entscheidend geprägt: Zum einen führte der soziale Aufstieg der neuen Mittelschichten dazu, dass immer mehr Familien ihren Kindern eine gute Bildung und Ausbildung ermöglichen konnten. Weiter entstanden vermehrt Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit, was besonders Frauen den Einstieg ins Erwerbsleben erleichterte und damit eigene Einkommen und finanzielle Unabhängigkeit ermöglichte. Schließlich verlagerte sich die Erwerbsarbeit zunehmend vom industriellen und landwirtschaftlichen Sektor in den Dienstleistungssektor. All diese wirtschaftlichen Veränderungen führten dazu, dass immer mehr besser ausgebildete Frauen auf den Arbeitsmarkt strömten und dies in einer Phase der wirtschaftlichen Konsolidierung und des stetigen Wachstums, in der ein steigender Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften bestand.

Zu diesen ökonomischen Prozessen gesellte sich ein mentaler Wandel: eine "Veränderung in den Köpfen", die allerdings nur sehr langsam voranschritt und auf der gesellschaftlichen Ebene, aber auch im individuellen Leben vieler Frauen zu kontroversen Auseinandersetzungen führte. Nach dem Krieg, in dem Frauen zu Tausenden berufliche Aufgaben der im Kriegsdienst mobilisierten Männer übernommen hatten, waren die meisten Frauen zurück an den Herd gekehrt. Die Berufstätigkeit von Frauen war, wenngleich sie immer existierte, in der kollektiven Wahrnehmung etwas, das sich nicht gehörte und die altbewährte Geschlechterordnung durcheinander brachte. Das Bild des außer Haus erwerbstätigen Mannes und der Haus und Heim wahrenden Frau, das zum Teil noch heute existiert, dominierte bis in die 1960er Jahre hinein das Denken. Nur allmählich gewöhnte man sich an die Berufstätigkeit von zunächst alleinstehenden oder geschiedenen, dann auch von verheirateten Frauen. Am schwersten tat man sich damit, die Erwerbsarbeit von Müttern zu akzeptieren.

Die Einrichtung von Teilzeitstellen milderte das kollektive Unbehagen etwas ab, ebenso wie die Vorstellung, dass weibliche Berufstätigkeit sich ja in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich darstellen könne: Ausbildung und Erwerbstätigkeit bis zur Geburt des ersten Kindes, Familien- und Hausarbeit, solange die Kinder im Hause waren, schließlich Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt. Wie man sieht, die Vorschläge und Modelle waren zahlreich. Sie alle konnten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bedingungen, die einst zum Rückzug - oder wenn man so will: zum Ausschluss von Frauen von außerhäuslichen Tätigkeiten - geführt hatten, nicht mehr existierten: Dank der Technisierung nahm der Haushalt immer weniger Zeit und körperliche Kraft in Anspruch, die durchschnittliche Kinderzahl sank, was unter anderem durch die Erfindung der "Anti-Baby-Pille" Anfang der 1960er Jahre ermöglicht wurde, und das Bildungsniveau von Frauen stieg. Alles sprach dafür, dass die "Stunde der Frauen" als gleichberechtigte Arbeitnehmerinnen gekommen war. Viel fehlte unter diesen Umständen nicht mehr, damit Frauen sich ihrer gesellschaftlichen Benachteiligung bewusst wurden und es satt hatten, als beliebig einsetzbares Arbeitskräftepotential je nach Konjunkturbedingungen eingestellt oder entlassen zu werden, zu niedrigeren Löhnen und schlechteren Bedingungen zu arbeiten als die männlichen Arbeitnehmer und neben der Erwerbsarbeit auch noch die ganze Last der Familienarbeit zu tragen.

Geschlechterbeziehungen im Kreuzfeuer



Simone de Beauvoir: Ihr Werk "Das andere Geschlecht" machte sie zur Mutter des modernen Feminismus.Simone de Beauvoir: Ihr Werk "Das andere Geschlecht" machte sie zur Mutter des modernen Feminismus. (© AP)
Bereits 1949 prangerte die französische Philosophin Simone de Beauvoir in ihrem Buch "Das andere Geschlecht" die gesellschaftlichen Mechanismen an, durch die Frauen in der Abhängigkeit von Männern gehalten wurden. Das Buch wurde in unzählige Sprachen übersetzt und auch in Deutschland viel gelesen. So richtig in die Kritik geriet die herkömmliche Aufgabenverteilung zwischen Männern und Frauen aber erst in Kreisen derjenigen Aktivistinnen und Aktivisten, die sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre an den landesweiten Protesten der 68er-Bewegung beteiligten. Intellektuelle, auf die diese Bewegung zurückgriff, um ihre gesellschaftspolitischen Ziele und Mittel des Kampfes zu definieren, hatten schon seit den 1930er Jahren Überlegungen zu neuen Formen eines – wie man später plakativ sagte - "antiautoritären" Umgangs zwischen Eltern und Kindern, Frauen und Männern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Staat und Individuum nachgedacht. Die Ideen von – um nur einige zu nennen – wichtigen Vertretern der Frankfurter Schule wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno oder Herbert Marcuse, beeinflussten die 68er-Bewegung. In Kommune-Projekten, antiautoritären Kinderläden oder in so genannten Kritischen Universitäten versuchte man, mit traditionellen Strukturen der Verteilung von Macht und Autorität zu brechen und ihnen neue, auf Gleichheit und Autonomie zielende Formen des Miteinander entgegenzusetzen.

In der Praxis gelang das nicht immer, vor allem haperte es bei der Gleichberechtigung von Männern und Frauen in der Bewegung selbst. Während, so die Wahrnehmung der weiblichen Bewegungsanhänger, die männlichen Aktivisten demonstrierten, diskutierten und repräsentierten, blieben an den Frauen die Zuarbeiten hängen. Die randständige Bedeutung, die Frauen in der 68er-Bewegung bislang beigemessen wurde, korrespondiert mit der Darstellung der Frauen in den zeitgenössischen Medien: Sie wurden als kämpferische Amazonen beschrieben, als "windelmüde Jungmütter" (Der Spiegel), als "Damen in Pantherfellen" (Die Welt) oder, wie Uschi Obermaier, als schönes Beiwerk der Kommune-Bewegung. 1968 führte die Tatsache, dass die Männer der Bewegung die Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft, aber auch in der Bewegung selbst ignorierten, zum Eklat: Eine Vertreterin des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen bewarf das Präsidium des die Revolte führenden Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) auf einer Delegiertenkonferenz mit Tomaten. Die Aktivistinnen wiesen die Anwesenden darauf hin, dass auch das Private politisch sei, folglich eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse auch beim Wandel der Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern ansetzen müsse.



 

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Kinofenster.de: We Want Sex

Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht. Weiter...