Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

30.5.2008 | Von:
Meike Sophia Baader

Erziehung und 68

Antiautorität war das Schlagwort der 68er Bewegung und damit wurden radikal alle traditionellen Erziehungsmodelle in Frage gestellt. Der Beginn eines gesellschaftlichen Werteverfalls oder eine notwendige Reform des Bildungssystems?

Aktualität der öffentlichen Auseinandersetzung um 1968 und die Erziehung



Bild: Rebekka Apostolidis, Fachbereich Gestaltung, FH Aachen, Projekt "68er"(© Rebekka Apostolidis, Fachbereich Gestaltung, FH Aachen, Projekt "68er")

Immer wieder wird die Erziehung der 68er in der öffentlichen Diskussion für alle möglichen Missstände verantwortlich gemacht. Dies ist nicht erst heute so, sondern lässt sich in regelmäßigen Wellen immer wieder beobachten. So machte etwa Bernhard Bueb, Autor des Buches "Lob der Disziplin" (2006), den 68ern den Vorwurf, für eine Misere in der Erziehung und einen damit verbundenen Werteverfall verantwortlich zu sein. In einer Diskussion mit dem ehemaligen Kinderladenaktivisten Cohn-Bendit warf Bueb den 68ern vor, zu sehr an Rousseau und das Gute im Menschen geglaubt und dabei verkannt zu haben, dass Kinder "untergeordnet" seien (ZEIT-Geschichte 2007, S. 34).


Vergleichbare Kritik war schon früher, etwa in Susanne Gaschkes Buch "Die Erziehungskatastrophe" (2000), formuliert worden. 1993 hatte der Politikwissenschaftler Claus Leggewie anlässlich von rechten Gewalttaten gegen Ausländer und Asylanten gefragt, ob die Erziehung schuld daran sei. Er machte "eine kolossale Indifferenz des ganz gewöhnlichen (westdeutschen) Familienlebens der neunziger Jahre" für die Übergriffe verantwortlich. Es gebe keine Grenzziehungen und keine Vorbilder. Dies sei ein Ergebnis der "repressionsfreien" Erziehung von 68, so seine äußerst kontrovers diskutierten Thesen (ZEIT-Geschichte 2007, S. 86).

Obwohl die Frage nach "der Erziehung der 68er" die Gemüter immer wieder bewegt, gibt es bisher kaum Forschungen dazu. Bis heute gibt es kein empirischen Untersuchungen, die ehemalige Kinderladenkinder zu ihren Erfahrungen und Lebensverläufen befragen. Viele der vorgebrachten Vorwürfe halten der wissenschaftlichen Überprüfung anhand zeitgeschichtlicher Quellen nicht stand. So lässt sich etwa die angeführte Bezugnahme auf Rousseau nicht nachweisen. Auch von einem "laissez-faire-Stil in der Erziehung", bei dem keine Grenzen gesetzt werden, distanzierten sich die Begründerinnen und Begründer von Kinderläden durchaus (Breiteneicher et al. 1971, S. 119ff.). Monika Seifert, die 1967 die "Kinderschule" in Frankfurt gründete, schrieb 1970: "Ein selbstreguliertes Kind ist kein sich selbst überlassenes Kind im Sinne des 'Laissez-faire-Stils'. Das Kind kann seine Bedürfnisse nur dann regulieren und seine eigene Interessenvertretung lernen, wenn es sich in der Geborgenheit eines stabilen Bezugsrahmens (Elternhaus, Kinderkollektiv) befindet" (Seifert 1970).

Neben jenem Forschungsbedarf als Aufgabe der Wissenschaft existiert ein öffentlicher Diskussionsbedarf, nicht zuletzt von Seiten der Kinder von 68ern. Darauf verweisen auch neuere autobiografisch gefärbte literarische Texte aus der Perspektive betroffener Kinder: Sophie Dannenbergs "Das bleiche Herz der Revolution" (München 2004) mit kritisch vorwurfsvollem Blick und Richard David Prechts "Lenin kam nur bis Lüdenscheid" (Berlin 2005) mit eher liebevoll ironischem Ton. Precht inszeniert die Kollektivbiografie der 68er Kinder als Gegenstück zur Kindheit der "Generation Golf". Eigene Befragungen von Studierenden, ob und warum Sie sich für das Thema interessieren, betonen, dass es schließlich um die Erziehungsvorstellungen der eigenen Eltern gehe (Baader 2008).

Festhalten lässt sich, dass es "die Erziehung der 68er" nicht gibt. Schließlich ist es schon schwierig genug, zu bestimmen, wer "die 68er" überhaupt waren. Die Forschungen der letzten Jahre haben wiederholt darauf hingewiesen, dass sich die Revolte von 68 aus sehr verschiedenen Quellen speiste. Durchgesetzt hat sich ein Verständnis von 1968 als "Chiffre" für gesellschaftliche Protestbewegungen 1967/1968 (Kraushaar 2000), die eine internationale Dimension aufwiesen. Auch die Bemühungen im Kontext von 68, die Erziehungsverhältnisse zu ändern, sind von unterschiedlichen Vorstellungen getragen. Selbst für die ersten Gründungen von Kinderläden 1968 in Berlin lässt sich keineswegs von einheitlichen Konzepten sprechen. Über die von Elternselbsthilfe-Initiativen gegründeten alternativen Kindergärten, die in leerstehenden Einzelhandelsläden eingerichtet wurden, berichten die Akteure: "Sie arbeiten weder praktisch noch theoretisch einheitlich. In fast allen Stadtteilen entstanden im Laufe des Jahres neue Elternkollektive, mit der Absicht, Kinderläden zu gründen" (Breiteneicher 1971, S. 34).

Eine historische Aufarbeitung muss diesen Differenzen Rechnung tragen, sonst besteht die Gefahr, Extreme - wie zum Beispiel die gut dokumentierten Bedingungen, unter denen die Kinder in der bekannten Berliner Kommune II aufwuchsen - zu generalisieren (Kommune 2 1969; Koenen 2001, S. 162). Gleichwohl wird in den folgenden Ausführungen versucht, so etwas wie einen gemeinsamen Nenner der Erziehungsbewegung von 68, die auch als "antiautoritäre Erziehung" bezeichnet wird, zu beschreiben.


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