68er Dossier
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Demokratie als Lebensform

Mein Achtundsechzig


19.3.2008
68 sitzt wie ein Pfahl im Fleische der Gesellschaft, sagt der Soziologe Oskar Negt. Immer wieder würden die negativen Folgen von 68 betont und die Bewegung pauschal verurteilt. Dabei ist die Durchsetzung der Demokratie als Lebensform das bleibende Vermächtnis von damals.

Demonstranten in Hamburg 1968: Sind die 68er Schuld an einem Werteverfall? Foto: Günter ZintDemonstranten in Hamburg 1968: Sind die 68er Schuld an einem Werteverfall? (© Günter Zint)

Wo ist der Anfang zu machen, wenn man sich ernsthaft darauf einlassen wollte, in der mittlerweile verwilderten Landschaft "Achtundsechzig", die mit jedem mediengesteuerten Rückerinnerungsdatum zusätzlich verdreht, perspektivisch verzerrt und retuschiert wird, einige Linien zu ziehen, die den Proportionen der damaligen Ideen und den heutigen Bewegungsabläufen zugleich gerecht werden? Ein Bild, das allen gefallen wird, kann es nicht geben. Jedes Urteil über diese Zeit wird anfechtbar sein; auch das meine. Aufrichtigkeit ist der einzige jedem zumutbare Leitfaden für eine Auseinandersetzung, die mit der Erinnerung dieser Zeit kritisch umgeht.

Jubiläen sind günstige Einstiegsmöglichkeiten zur öffentlichen Thematisierung von Fragestellungen, die weder zu umgehen noch mit allgemeiner Zustimmung zu beantworten sind. Dieses neue Jubiläum - vierzig Jahre Umgang mit Ereignissen, die nach jedem Jahrzehnt immer wieder in Erinnerung gerufen wurden, obwohl ihr Einfluss auf unsere Gesellschaft deutlich spürbar, aber kaum exakt zu bestimmen ist - hat einen ganz anderen Charakter als die Jubiläumsjahre, die wir gerade hinter uns haben: Kant, Einstein, Mozart, Adorno und viele der anderen. Plötzlich entsteht eine Atmosphäre, als hätten wir es mit der Aufarbeitung einer in ihren Zielen legitimen, in der Realität jedoch missglückten, ja abgebrochenen Revolution zu tun. Die Schuldzuschreibungen nehmen in der Tat Dimensionen an, dass ein Mensch, der vielleicht im Jahr 2068 Schriftdokumente aus diesen vierzig Jahren in die Hand bekommt, sich überwältigt zeigen müsste, um welche tiefgreifende Umbruchszeit es sich bei dem Symboldatum Achtundsechzig handeln muss.

Unsere Gesellschaft ist eine andere geworden. Sozialpsychologisch könnte man, nimmt man die Hass- und Verachtungsreaktionen, durchaus von einer kollektiven Paranoia sprechen, von einem Verfolgungswahn, der im Allgemeinen mit einer aggressiven Ausgrenzung alles fremdartig Erscheinenden beantwortet wird, in dem jedoch viel unbewältigt Eigenes enthalten ist. Deshalb eignet sich Achtundsechzig vorzüglich für die Bestätigung von Vorurteilen, für die Entlastung von eigenen Problemen, deren Arsenal die Öffentlichkeit seit vierzig Jahren angesammelt und von Zeit zu Zeit publik gemacht hat.

APO-Postkarte des 68er-Aktivisten Günter Zint: "Schaut euch diese Typen an". Kritik der 68er an traditionellen Werten, Autoritätsgläubigkeit und Sicherheitsdenken. Foto: Günter Zint.APO-Postkarte des 68er-Aktivisten Günter Zint: "Schaut euch diese Typen an". Kritik der 68er an traditionellen Werten, Autoritätsgläubigkeit und Sicherheitsdenken. (© Günter Zint)
Wollte man jedoch die gegenwärtige Wirrnis in den Schuldzuschreibungen etwas aufhellen, indem man Linien zeichnet, dann käme man sofort in Verlegenheit. Beklagt wird an der antiautoritären Protestbewegung, die eine hochgradig politische war, dass sie alles zerstört habe, was die damalige Sicherheit der Werthaltungen und des Denkens garantierte: Disziplin, Autorität, das für Erziehung notwendige Machtgefälle zwischen Erwachsenen und den Kindern oder Jugendlichen wurden eingerissen. Die Achtundsechziger hätten Disziplin als wesentliches Erziehungsmittel infrage gestellt, indem sie die Erhebung der Demokratisierung leichtfertig zum Prinzip für alle Gesellschaftsbereiche forderten. Aber auch das genaue Gegenteil wird den Achtundsechzigern vorgeworfen: Tendenzen des Totalitären, der Verachtung verständigungsorientierter Kommunikation; auch der von Jürgen Habermas formulierte und später zurückgenommene Vorwurf des "Linksfaschismus" kommt in verschiedenen Ausprägungen wieder zum Vorschein.

Als aktuelles Dokument jener Richtung, die Autoritätszerfall und Entwertung urbürgerlicher Tugenden wie Disziplin und Gehorsam Achtundsechzig zuschreibt, mag das Buch "Lob der Disziplin" des ehemaligen Leiters des Elite-Internats Schloss Salem, Bernhard Bueb, gelten. Nicht die Qualität des Buches selbst erfordert Aufmerksamkeit, es ist inzwischen einer vernichtenden wissenschaftlichen Kritik unterzogen worden. [1] Vielmehr ist es die schier unglaubliche Rezeption; innerhalb eines Jahres sind 14 Auflagen erschienen, mit hunderttausenden von Exemplaren, so als wäre hier eine ganz neue Idee von Erziehung im Schwange, etwa dem vergleichbar, was Anfang der 1970er Jahre Alexander Neill mit Summerhill vorgeschlagen hatte. In aller Unschuld und ohne Umschweife hält Bueb fest: "Einer auf Autorität beruhenden Pädagogik der frühen Nachkriegszeit folgte nach 1968 die Neigung, Erziehung bis in den letzten Winkel der Kinderzimmer zu demokratisieren."[2] Disziplinierung und, bei Regelbruch, empfindliche Strafen werden hier zum Kern pädagogischer Arbeit. Das passt gut ins Bild der Verschärfung des Jugendstrafrechts und zur Forderung mancher Politiker, auch die Zwölfjährigen mit Strafexpeditionen zu überziehen. Die Rechnung der Wahlstrategen, mit diesem Vorurteil auf Stimmenfang zu gehen, ist glücklicherweise nicht ganz aufgegangen.


Fußnoten

1.
Ich verweise in diesem Zusammenhang auf zwei Schriften eines Erziehungswissenschaftlers. Micha Brumlik (Hrsg.), Vom Missbrauch der Disziplin. Antworten der Wissenschaft auf Bernhard Bueb, Weinheim-Basel 2007(4); ders., Aberglaube Disziplin. Antworten der Pädagogik auf das 'Lob der Disziplin', Heidelberg 2007.
2.
Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, Berlin 2007, S. 80.

 

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