68er Dossier
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Mythos 1968

19.3.2008

Eine Deutung von 1968



Mit den Stimmen der "Großen Koalition" von CDU/CSU und SPD wird Kurt Georg Kiesinger am 1. Dezember 1966 zum Bundeskanzler gewählt. Foto: APMit den Stimmen der "Großen Koalition" von CDU/CSU und SPD wird Kurt Georg Kiesinger am 1. Dezember 1966 zum Bundeskanzler gewählt. (© AP)
Ralf Dahrendorf hat einmal geschrieben, der Bewegung von 1968 seien fast so viele Ursachen zugeschrieben worden wie dem Krebs. Manchen gilt die Protestbewegung als Folge von Bildungsexpansion und beginnender Massenuniversität, andere sehen eine "demokratische Bewegung", die sich aus veränderten Rahmenbedingungen und einer besonderen Verdichtung politischer Handlungsanlässe in den 1960er Jahren ergeben habe. Wieder andere begreifen sie als Protest gegen den "rigiden Funktionalismus der protestantischen Ethik" oder die Jugend von damals als Vorboten eines neuen, post-industriellen Wertesystems, das gegen Triebverzicht und Affektkontrolle Werte der Spontaneität und der Selbstentfaltung gesetzt habe. Sozialisationstheoretische Ansätze wollen sie aus den spezifischen familiären Sozialisationsbedingungen der Nachkriegsgeneration oder als neue Form des Generationenkonflikts erklären, psychoanalytisch ist der Protest als "Aufstand einer vaterlosen Generation" beschrieben worden. Namhafte Vertreter des zeitgenössischen geistigen Lebens schließlich haben darin einen "romantizistischen Affront gegen die moderne Industriegesellschaft" gesehen, verbunden mit einer sehr deutschen Neigung, Politik als Sache des Glaubens und der "metaphysischen Militanz" aufzufassen.

Hier soll die Protestbewegung, wie sie zwischen 1967 und 1970 bestanden hat, als Verknüpfung zweier verschiedener Elemente betrachtet werden, die sich gegenseitig beeinflussten: eine mit subkulturell-bohemehaften Zügen versehene, gleichwohl eher rationalistisch geprägte politische Fundamentalopposition auf der einen und eine breitere Jugend- oder Subkultur des emotionellen Protests und der Verweigerung auf der anderen Seite. Das eigentümliche Zusammenwirken dieser beiden Seiten, in den USA noch deutlicher als in der Bundesrepublik, erklärt ihre besondere Verbreitung und gesellschaftliche Wirkung.

Eine Voraussetzung bildete die Entwicklung eines politischen Systems, das in der Wohlstandswunderzeit im Zeichen einer weitgehenden Integration alternativer politischer Konzepte stand. Dabei war mit der Bildung der Großen Koalition 1966 insoweit eine neue Situation eingetreten, als diese jetzt als Anzeichen für einen Bedeutungsverlust und Funktionswandel des Parlaments gedeutet wurde. Bei dieser Realitätsdeutung spielte die sozialistische Studentenorganisation SDS, die in Theoriezirkeln marxistisches Denken pflegte und von den neuen politischen Protestformen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung beeinflusst wurde, eine wachsende Rolle.

Eine zweite Rahmenbedingung lieferte das geistig-kulturelle Klima der Adenauer-Ära. Geprägt war dieses nicht nur vom "kollektiven Beschweigen" der NS-Vergangenheit, sondern auch von einem biedermeierlichen Privatismus des kleinen Glücks, der nach Kriegserfahrung, materieller und geistiger Entwurzelung der Älteren verständlich sein mochte, gleichwohl von manchen Jüngeren als "geistig eng und öde" empfunden wurde und mit seiner Ausgrenzung von Nonkonformismus wachsende Reibungspunkte erzeugte.

Damit verbunden war die Aktualität der braunen Vergangenheit. Bis in die 1960er Jahre hatten viele Täter und Belastete des nationalsozialistischen Regimes unbehelligt ihren Platz in der Nachkriegsgesellschaft finden können. Jetzt wurde diese Vergangenheit zum Thema. Zugleich schien durch die aggressive Abwehr der neuen Jugendkultur ("Negermusik") eine Kontinuität autoritärer Mentalitätsstrukturen sichtbar zu werden. Die Rufe der Älteren nach "Zucht und Ordnung" verbanden sich häufig mit beschönigender Vergangenheitsinterpretation, was in vielen Elternhäusern für Konfliktstoff sorgte. In einer Repräsentativbefragung aus dem Jahr 1967 gab fast die Hälfte der Befragten an, dass der Nationalsozialismus eine im Prinzip gute Idee gewesen sei.

Die Beatles: Identifikationsfiguren einer ganzen Jugendgeneration. Ihre Songs erschienen als Revolution gegen den Mief der Elternhäuser und Schulen. Foto: APDie Beatles: Identifikationsfiguren einer ganzen Jugendgeneration. Ihre Songs erschienen als Revolution gegen den Mief der Elternhäuser und Schulen. (© AP)
Das zeitlich parallele Wachstum jugendbewegter Elemente der kulturellen Rebellion machte sich vor allem an Normen und Konventionen des Alltagslebens fest, drückte sich in einer neuen Musik, dem Wandel der Sexualmoral sowie radikal veränderten Vorstellungen von Mode und Haartracht aus und berührte schließlich Grundfragen von Lebenssinn und Selbstverwirklichung. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Beatmusik. Mit der Musik verband sich eine ganze Subkultur mit abweichenden Lebensstilen und Verhaltensnormen - mit Beatgruppen, Beatclubs, Solo-Tanzstilen, die expressionistische und exhibitionistische Motive betonten, und protestlerisch aufgemachten Moden wie lange Haare, bunte und äußerst legere Kleidung. Entstanden war dies alles in Liverpool. Von dort kamen die Beatles, die zu internationalen Identifikationsfiguren der Jugend wurden. Bald trat eine zweite Gruppe hinzu: die Rolling Stones. Mit der aggressiven Direktheit ihrer Musik und einer von den Älteren als "schmutzig" empfundenen Sinnlichkeit wurden sie zu einem noch authentischeren Ausdruck des Aufbegehrens ("I can't get no Satisfaction").

Die Vitalität der Beatmusik erzeugte eine energiegeladene, "freie" und "ehrliche" Grundstimmung. Die Expressivität der Darstellung durch die Gruppen begünstigte das Aufbrechen von Tabus. Und die offene Artikulation von Emotion auf der Bühne wirkte als Ausbruch aus der als "unecht" gefühlten Welt des bürgerlichen Verhaltenshabitus. Im Kern aber stand die Erotik. Diese "expressiv-erosbestimmte Gegenwelt der Beatkultur" vertrug sich schwer mit den Vorstellungen bürgerlicher Wohlanständigkeit jener Zeit, in der Gründerfleiß und Aufbauwille zwei Jahrzehnte lang prägend gewesen waren.

Die grausamen Bilder des Vietnamkrieges erschütterten das Amerikabild der jungen Deutschen. Foto: APDie grausamen Bilder des Vietnamkrieges erschütterten das Amerikabild der jungen Deutschen. (© AP )
Vor diesem Hintergrund gewann die Verdichtung von Anlässen zu politischer Mobilisierung in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre erst ihre außergewöhnliche Bedeutung. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Vietnam-Konflikt. Eine Generation von Studenten, für die Amerika ursprünglich Avantgarde demokratischer Fortschrittlichkeit gewesen war, entdeckte, dass in Vietnam eine Militärdiktatur verteidigt wurde und bei der Kriegsführung offenbar jedes Mittel recht war. Dies provozierte bald auch die Frage, ob nicht auch anderes verlogen sei, was im Namen von Freiheit und Demokratie verteidigt wurde.

Gegenüber dieser Erschütterung des Amerikabildes sind andere Themen wie die Notstandsgesetze eher von sekundärer Bedeutung gewesen. Das gilt letztlich auch für die hochschulinternen Protestanlässe. Zwar spielten die politischen Studentenorganisationen in der Debatte um Bildungs- und Hochschulreformen früh eine aktive Rolle, doch haben alle Deutungen, die in der Bewegung der 1960er Jahre eine Art Interessenbewegung für Belange der Studierenden sehen wollten, nicht überzeugen können.

Die äußeren Bedingungen und Protestanlässe trafen auf eine Generation, deren Demokratiebewusstein weit über dem gesellschaftlichen Durchschnitt lag. Sie war "tolerant, hoch informiert und hatte eine hohe Partizipationsneigung". In ihrer familiären Sozialisation hatte ein autoritärer Erziehungsstil mit emotionalen Defiziten und einem ideellen Vakuum korrespondiert. Die von ihrer Jugend im Nationalsozialismus geprägten Ge- und Verbotssysteme von Vätern, deren emotionale Defizite zu offensichtlich waren, als dass ihre Werte und Normen einfach akzeptiert werden konnten, deren Strenge aber leicht Versagensängste und Schuldgefühle auslösten, provozierten Ausbruchsversuche und offene Auflehnung. Hinzutrat die Überreaktion der Gesellschaft, wobei die Vorgänge am 2. Juni 1967 sowie der Mordanschlag auf Rudi Dutschke Ostern 1968 eine zentrale Rolle gespielt haben. Diese Überreaktion hat jene Gemeinschaftserlebnisse oft erst ermöglicht, die dann einen Prozess kumulativer Radikalisierung in Gang setzten.

Hinter dieser Härte lugten freilich Angst und Unsicherheit hervor. Die Protestierenden spürten rasch, wie schwer sich die herausgeforderten Autoritäten mit souveräner Begründung ihrer Legitimation taten. Das eröffnete ihnen provokative Chancen, die zur Mobilisierung beitrugen, freilich auch zu einer Selbstüberschätzung, die mitunter Züge von Größenwahn annahm. In dieser Gemengelage ließ sich die emotionale Verweigerungspose der Hippies ebenso leicht mit Elementen der Kapitalismuskritik einer neuen Linken aufladen, wie der politische Protest mit kulturrevolutionären Zügen versetzt war. Dabei hat die Jugendkultur ihrerseits eine Radikalisierung durchgemacht. Sichtbarster Ausdruck war das Woodstock-Festival im September 1969, an dem ein Großteil der Rockstars jener Zeit beteiligt war und das 400 000 Menschen zusammenführte, die sich im emotionalen Dissens zur etablierten Welt ebenso einig waren wie darin, mit der eigenen Subkultur ein besseres Lebensmodell zu verkörpern. So lieferte die Jugendkultur der Protestbewegung eine "Rekrutierungsbasis", konnten sich die politischen Aktivisten von einer Welle jugendlicher Auflehnung getragen fühlen.



 

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