Gastarbeiterinnen bei ihrer Abreise in Istanbul
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"Ich kannte doch nur mein Dorf"

Lesen lernen für Deutschland: Saliha Çukur


19.10.2011
Saliha Çukurs Mann arbeitet in Ankara in einem Bergwerk. Nach Deutschland ließ man ihn nicht, daher bewirbt sie sich. Doch Saliha kann nicht lesen – ein Ausschlusskriterium. Aber sie lernt es in einem Monat.

Vor dem Hintergrund der verschneiten Schlierseer Berge hängen zwei traditionelle Figuren an einem Maibaum in Hundham im oberbayerischen Landkreis Miesbach.Vor dem Hintergrund der verschneiten Schlierseer Berge hängen zwei traditionelle Figuren an einem Maibaum in Hundham im oberbayerischen Landkreis Miesbach. (© AP)


Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der bpb-Publikation Auf Zeit. Für immer., Oktober 2011.

Miesbach, an einem Freitag im April. Es ist der letzte Werktag vor Beginn der Karwoche, des höchsten christlichen Festes. Überall hinter den Fassaden rund um den ganzjährig von einem weiß-blauen Maibaum überragten Marktplatz werkeln die Menschen. Backen, kochen, schrubben. Putzen ihre Instrumente. Planen ihre Aufstellung. In einer feierlichen Prozession ziehen die Menschen in der Kleinstadt am Voralpenrand am Palmsonntag durch die Stadt. Mit Weidenkätzchen in der Hand erinnern sie an die Palmzweige, die Jesus dereinst in Jerusalem begrüßten. Dazu tragen sie ihr bestes Gewand. Und das sind in Miesbach, der Wiege der oberbayerischen Tracht, natürlich keine Anzüge und langen Kleider. Sondern Lederhosen und Dirndl.

Aber noch ist ja erst Freitag, also jener Tag, an dem Muslime ihr Mittagsgebet gemeinsam verrichten. Auch in Miesbach. Im hintersten Winkel des Gewerbegebiets steht seit 2007 eine Moschee – und zwar eine, die, wenn man einmal von ihrem Standort absieht, alles andere als ein unscheinbares Gebetshaus ist. Ein repräsentatives Gebäude in osmanischem Stil, ohne Minarett zwar, aber mit einer beeindruckenden Kuppel. Der Bau wurde mithilfe von Spenden der rund 500 Muslime in der Stadt finanziert; der Imam wird von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e. V. (DITIB) entsandt und bezahlt. Mahmut Pıçak heißt der freundliche Herr, der im April 2011 hier predigt. Prompt erscheint er, um den unerwarteten Gast zu begrüßen. Leider, entschuldigt er sich verlegen, spreche er kein Deutsch. Der Händler, der im Erdgeschoss der Moschee ein türkisches Lebensmittelgeschäft betreibt, fügt erklärend hinzu: "Er versucht, es zu lernen. Aber hier spricht er ja nur mit Türken." Und tatsächlich: Die rund hundert Menschen, die kurz darauf zum Mittagsgebet eintrudeln, stammen fast alle aus der Türkei. Und es sind fast ausschließlich Männer – obwohl die Frauen durchaus einen, wenn auch deutlich kleineren, Gebetsraum haben. Auch Saliha Çukur, von der diese Geschichte erzählen soll, ist nicht zum Freitagsgebet erschienen. Sie ist Mitglied der Gemeinde, sie hat geholfen, deren Aufbau zu finanzieren. Aber ihre Beine und ihr Rücken sind schwach, das Herz ist auch nicht mehr in Ordnung. Nur wenn eins ihrer Kinder sie fährt, kann sie kommen – und die müssen freitags arbeiten. Aber der Chef ihrer Tochter hatte sich freigenommen. "Kommen Sie mit in meine Bäckerei!", hatte er gebrummt, als man ihn nach ehemaligen Gastarbeitern fragte, "vielleicht haben Sie Glück. Viele Türken kommen dorthin." Gleich neben dem kleinen Bahnhof, an dem jede Stunde zweimal die Bayerische Oberlandbahn "Bob" hält und sonst nichts, steht das "Kevek". Verkauft wird Deutsches wie Türkisches, die Cafétische sind gut gefüllt. Allerdings: Mit Deutschen, nicht mit Türken. Aber dann kommt, in Jeansrock und knallrotem T-Shirt, Fatma Yörüsün hinter der Kasse hervor. "Ja mei!", ruft sie aus. "Meine Mama erzählt so gern aus ihrem Leben, die wird sich freuen!" Der Stolz, der da mitklingt, auf eine Mutter, die ganz alleine – "ganz aloa", sagt Fatma, die Bayerin – vom Schwarzen Meer kam, rührt einen sofort an. Und auch, was die allein reisende Mama dereinst nach Deutschland verschlagen hatte, macht neugierig: "Im Spielcasino in Bad Wiessee hat sie gearbeitet!"

Und die Tochter, in deren Auto man wenig später über eine bayerische Landstraße in einen winzigen Weiler namens Müller am Baum – und damit zu ihrer Mutter – juckelt, hat recht: Saliha Çukur ist das blühende Leben, als sie noch einmal zu dem Punkt zurückgeht, an dem ihr Leben eine so dramatische Wendung nahm. Mit verschränkten Beinen sitzt sie auf dem Sofa in ihrer Küche; in einem Haushaltskleid, ein Tuch locker um den Kopf gebunden, sieht sie genauso aus, wie man sich eine türkische Großmutter vorstellt. Sie hat für den Besuch gekocht, wie Großmütter es tun – bürgerlich, und das heißt hier: mit Köfte und Reis, gut und viel zu viel! Als sie anfängt zu erzählen, purzeln die Worte dermaßen aus ihr heraus, dass Fatma und Muhsin, ihre beiden Kinder, mit dem Übersetzen kaum nachkommen. Und unweigerlich denkt man: Sie erinnert sich, als wäre es erst gestern gewesen. Dabei beginnt die Geschichte 1969. – Saliha Çukur lebt in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Ordu am Schwarzen Meer. Sie hat kurz, um nicht zu sagen, sehr kurz, die Schule besucht, geheiratet, zwei Kinder bekommen und auf dem kleinen Hof ihrer Familie mitgearbeitet. Das Leben der Familie ist von Armut geprägt. Salihas Mann arbeitet in Ankara in einem Bergwerk. Nach Deutschland hatte man ihn nicht gelassen. Und dann, eines Nachts, hat Saliha einen Traum: Sie, die noch nie woanders war als in ihrem Dorf, würde das Land verlassen. Ohne ihre Familie.
    "Eigentlich wollte ja mein Mann gehen. Aber er ist an die Falschen geraten. Er hat Menschen getroffen, die ihm Dokumente besorgen sollten, die er für die Einweisung nach Deutschland brauchte. Und dass er schnell einen Termin kriegt in Istanbul. Da haben sie ihn reingelegt. Sein ganzes Geld war weg. Und Dokumente hatte er auch keine. Dann kam er nach Hause. Er war sehr niedergeschlagen. Uns stand das Wasser bis zum Hals. Er hatte Monate gearbeitet, um diese Vermittler zu bezahlen. Für nichts und wieder nichts. Und an dem Abend habe ich das wirklich geträumt: Ich würde alleine gehen, ganz weit weg, nach Deutschland. Viel geweint habe ich in dieser Nacht. Es war keine schöne Vorstellung. Aber dann habe ich entschieden: Ich gehe als Erste. Ich muss es tun, für die Kinder, für die Familie. Am nächsten Tag habe ich meinem Mann gesagt: 'Ich werde fahren, wenn du mich lässt.' Und er sagte: 'Gut. Aber du gehst nicht alleine.' Dann haben seine Schwester, zwei Freundinnen und ich uns zusammen beworben. Es hat lange gedauert. Jeder wollte nach Deutschland. Aber nach einigen Monaten kam ein Brief mit einem Termin in Istanbul."
Die erste Prüfung ihrer Unterlagen durch die türkischen Arbeitsämter war überstanden. Schon die Bewerberinnen und Bewerber, die in die Räume der Deutschen Verbindungsstelle in Istanbul eingeladen werden, müssen eine Reihe von Kriterien erfüllen – auch wenn diese in der Praxis nicht immer so streng gehandhabt werden wie auf dem Papier. Frauen über 45 und Männer über 40 haben keine Chance, Unqualifizierte dürfen nicht älter als 30 Jahre alt sein. Auch ohne Schulabschluss ist eine Bewerbung, jedenfalls offiziell, zwecklos. Bevorzugt behandelt werden im Gegenzug Ehepartner, die gemeinsam nach Deutschland wollen, Opfer von Naturkatastrophen, Leute, die ihre Arbeit verloren haben. Wer ausreisen will, wird zudem aufgefordert, "Türkentum und Nationalgefühl" hochzuhalten.

Die Ausgewählten bekommen eine "Einladung zur Arbeitsvermittlung" der Istanbuler Außenstelle der Bundesanstalt für Arbeit, der heutigen Bundesagentur für Arbeit. Die listet eine ganze Reihe weiterer Ausschlussgründe auf. "Sollten Sie mehr als vier Kinder unter 18 Jahren haben, brauchen Sie nicht zu erscheinen", steht da geschrieben; und zwar Männer ebenso wenig wie Frauen. Auch schwangere Frauen und Eltern von Kindern, die jünger als ein Jahr alt sind, werden sogleich wieder ausgeladen. Wer zu diesem Zeitpunkt noch nicht durchs Raster gefallen ist, muss einen Schwung Dokumente mitbringen: Personalausweis, Männer benötigen außerdem eine Bestätigung des Militärs über Musterung oder Reservistenstatus, Führungszeugnis der Staatsanwaltschaft, Schul- und Arbeitszeugnisse, Bestätigung des Einwohnermeldeamtes. Verheiratete Frauen müssen noch ein weiteres Schreiben vorlegen: eine notariell beglaubigte Bescheinigung ihres Ehemannes über die Erlaubnis zur Ausreise.



 

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