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Die 68er-Bewegung

Interview mit Prof. Gerd Langguth

20.8.2007
Wie kam es zu einer Ausweitung der Proteste über die Studentenszene hinaus? Anders gefragt: Wie wurde aus der Studentenbewegung eine Jugendrevolte?

Zunächst muss angezweifelt werden, dass es sich bei der Studentenrevolte generell um eine Jugendrevolte handelte. Hinsichtlich der politischen Dimension der damaligen Revolte war sie auf Oberschüler und Studenten konzentriert, also der sogenannten "jungen Intelligenzschicht". Sieht man von relativ wenigen Einzelpersonen ab, war diese Revolte in ihren politischen Dimensionen keinesfalls bei den jungen Arbeitnehmern angekommen; im Gegenteil herrschte dort eher eine Ablehnung vor. Die bereits angesprochenen kulturellen Umbrüche haben allerdings die gesamte junge Generation erreicht, also auch die nichtakademische Jugend. Höchstens insoweit könnte man generell von einer Jugendrevolte sprechen.

Die Studentenbewegung hatte sich am Anfang zunächst nur auf rein hochschulpolitische Themen bezogen, die Ausweitung fand dann durch den Kampf gegen die Notstandsgesetze und gegen das Engagement des US-Einsatzes in Vietnam statt. Dass die Ausweitung der Studentenrevolte über Berlin hinausging, hatte unter anderem auch mit einem damals neuen Phänomen zu tun, der Einführung des Fernsehens. Interessant ist auch die internationale parallele Entwicklung der Studentenrevolte in den USA, Westeuropa und Japan (mit jeweils unterschiedlichem nationalem Kontext).

Der SDS entwickelte deshalb eine solche Sprengkraft, weil er dem utopischen Grundbedürfnis seiner Anhänger und eines Großteils der damaligen Studentenschaft entsprach. "Ja, der biblische Garten Eden ist die phantastische Erfindung des uralten Traums der Menschheit. Aber noch nie in der Geschichte war die Möglichkeit der Realisierung so groß", erklärte beispielsweise Rudi Dutschke in einem Interview. Dutschkes charismatische Ausstrahlungskraft spielte eine große Rolle.

Dutschke bemühte sich, einen Prozess der "organisierten Verweigerungs-Revolution" einzuleiten. Er faszinierte auch wegen seiner Elitetheorie, da nach seiner Überzeugung das eigentliche revolutionäre Subjekt, das Industrieproletariat, so manipuliert sei, dass es für eine sozialistische Politik nicht mehr mobilisierbar, auch nicht in der Lage sei, seine eigenen sozialen und politischen Interessen zu erkennen. Er vertrat deshalb eine Elitetheorie, dass nur Studenten und Intellektuelle und marginalisierte Randgruppen als sozial freigesetzte Wesen in der Lage seien, den revolutionären Kampf gegen "Unterdrückung" und "Ausbeutung" zu führen. Allerdings war diese Position innerhalb der studentischen Linken nicht unumstritten.

Die Bewegung des SDS war jedoch zunehmend gegen die parlamentarische Grundordnung der Bundesrepublik ausgerichtet. "Ich halte das parlamentarische System für unbrauchbar", hatte beispielsweise Dutschke erklärt. Der SDS hatte zunehmend eine antiparlamentarische Konzeption entwickelt, die stark von rätedemokratischen Grundvorstellungen geprägt war. Die parlamentarische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland wurde als "die aufgepappte Fassade eines autoritären Systems" bezeichnet. Der im SDS vorherrschende Antiparlamentarismus führte sogar zu der Idee, ganz West-Berlin in eine Räte-Demokratie umzuwandeln.

Die Protestbewegung konnte nicht nur politisch, sondern musste auch sozialpsychologisch gedeutet werden. Einer der schärfsten intellektuellen Kritiker der 68´-Revolte war der renommierte Politikwissenschaftler Richard Löwenthal, Mitglied der SPD und in seiner Jugend überzeugter Kommunist: "Die kämpferische Haltung der jungen deutschen Intellektuellen von heute, ihre radikale Kritik an der modernen Industriegesellschaft entwickeln sich, (...) auf dem Boden eines nur allzu deutlich durchscheinenden Kulturpessimismus. Hinter der Erneuerung der radikalen Utopien wird eine Grundstimmung von Verzweiflung erkennbar, hinter der Glaubenssehnsucht nicht selten ein Nihilismus, dem die humanistischen Werte unserer Zivilisation als bloße Heuchelei erscheinen." Auch Jürgen Habermas unterstrich die Notwendigkeit einer sozialpsychologischen Erklärung: "Das Potential der Unzufriedenheit ginge "nicht aus ökonomischer, sondern aus einem psychologisch bedingten Unbehagen an der Kultur" hervor.

Warum lösten der Tod Benno Ohnesorgs sowie das Attentat auf Rudi Dutschke eine solche Radikalisierung der Proteste aus?

Vielleicht wäre es ohne den Tod Benno Ohnesorgs nicht zu einer solchen bundesweiten Mobilisierung gekommen. Natürlich ist jeder Tod und jedes Attentat ein bestürzendes Ereignis, das zudem in einer Zeit stattfand, in der ein erheblicher Teil der jungen Akademiker dem Staat misstraute. In dieser Zeit hatte auch ein Teil der bürgerlichen Elite, die sich durch ihre Mitwirkung im Nationalsozialismus innerlich schuldig fühlte, wenig Selbstvertrauen und konnte teilweise der Studentenrevolte wenig entgegensetzen. Der Tod Benno Ohnesorgs wurde auch von den Aktionisten der linken Szene als Instrument der Politisierung genutzt. Sehr bald kamen auch Aktionen auf, die zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führten. In diesem Zusammenhang hatte ja Habermas das berühmte Wort vom "linken Faschismus" gefunden und die "Gewaltrhetorik" gegeißelt.

Warum verebbten die Studentenproteste nach ihrem Höhepunkt während der Osterunruhen auch wieder so schnell, wie sie gekommen waren?

Die Studentenproteste verebbten deshalb wieder so schnell, weil spätestens nach der Verabschiedung der Notstandsgesetze die gemeinsame Gegnerschaft zu einem alle Protestler integrierenden Ziel erloschen war und weil die Bewegung überwiegend erfolglos blieb. Solange sich eine Bewegung vor allem gegen etwas richtet, kann sie eine große Integrationsfähigkeit entwickeln. Wenn sie allerdings gezwungen wird, die "positiven" Ziele der eigenen Bewegung zu benennen, kamen die Unterschiede zum Vorschein. Die der Protestbewegung schon inhärenten verschiedenen Linien zeigten sich in den folgenden Jahren:

  1. Die Anhänger linksliberaler und "systemüberwindender" Reformen
    Hier handelt es um jene vor allem linksliberale Angehörige der Studentenrevolte, die Gewalt ablehnten. Sie wollten sich im vorhandenen politischen System zurecht finden. In besonderer Weise radikalisierten sich damals die Jungsozialisten als Jugendorganisation der SPD nach der Auflösung des SDS im Jahre 1970 mit ihrem Konzept der systemüberwindenden Reformen.

  2. Undogmatische Linke/Unabhängige Sozialisten
    Hierzu gehörte vor allem das 1969 gegründete "Sozialistische Büro" in Offenbach, das sich selber in die Tradition der Protestbewegung stellte und sich als eine Sammlungsbewegung aus verschiedenen Strömungen empfand, nämlich Mitwirkende aus Kampagnen der fünfziger und sechziger Jahre, wie zum Beispiel "Kampf dem Atomtod", "Ostermarschbewegung" und so weiter zu integrieren, auch Aktivisten aus dem SDS.

  3. SED-orientierte Organisationen
    Schon immer hatte es eine so genannte "KP-Fraktion" innerhalb des SDS gegeben. Zum Beispiel war Ulrike Meinhof Mitglied der illegalen KPD gewesen. Insbesondere die Gründung des Marxistischen Studentenbundes (MSB) Spartakus im Mai 1971 sollte dazu führen, dass immer mehr Studentenregierungen (Allgemeine Studentenausschüsse) von MSB Spartakus und dem Sozialistischen Hochschulbund (SHB) geführt wurden. Der einst sich "sozialdemokratisch" nennende SHB hatte sich von der SPD entfernt und sich auf die DKP zubewegt.

  4. Dogmatische "K-Gruppen"
    Hier handelt es sich vor allem maoistische/stalinistische Parteien, wie etwa die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), Kommunistische Partei Deutschlands (Marxisten/Leninisten), den Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW), den Bund Westdeutscher Kommunisten (BWK), die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD), u.a. Diese "K-Gruppen" verfügten auch über zahlreiche Unterorganisationen "Zentralorgane" und Zeitschriften. Sie waren außerordentlich straff organisierte Kaderorganisationen mit vielen Tausend Mitgliedern.

  5. Trotzkismus
    Diese Tendenz hatte durchaus einen intellektuellen Einfluss auf große Teile der linken Intelligenz, weil der Trotzkismus den Bürokratismus des real existierenden Sozialismus kritisierte. Die trotzkistischen Gruppen blieben in Deutschland jedoch relativ unbedeutend.

  6. Aussteigertum in einer Subkultur/Alternativkultur
    Es entstand eine Subkultur-Bewegung, die es schon im Zusammenhang mit der Studentenrevolte gegeben hatte. Sie hatte stark libertäre Tendenzen. Gefordert wurde der Aufbau eines Gegenmilieus, zum Beispiel durch Kommunen, eine Politisierung von Rockern wurde angestrebt, der Genuss von Drogen zur "Bewusstseinserweiterung" wurde propagiert, die Entwicklung eines konsumkritischen Lebensstils war besonders wichtig.

  7. Anarchisten
    In der Studentenrevolte gab es zahlreiche kleine anarchistische Gruppen, die sehr zersplittert waren, von denen einige für gewaltsame Aktionen offen waren, andere hingegen für eine gewaltfreie Revolution plädierten. Als Anarchisten lehnten sie alle Herrschaftslehren und alle Herrschaft ab und "wollten das Selbstbewusstsein und die Selbstbestimmung der im Kapitalismus verführten und betrogenen Massen" für ihren politischen Kampf instrumentalisieren.

  8. Spontis, Basisgruppen, Autonome
    Damals entstanden an den Hochschulen flächendeckend "Sponti"-Gruppen, die sich nicht an einer Parteibildung orientierten, anarchistische Vorstellungen vertraten, vor allem aber im Rahmen beispielsweise ihres "Häuserkampfes" vor gewaltsamen Aktivitäten nicht zurückschreckten, wozu etwa der Revolutionäre Kampf in Frankfurt mit Joseph ("Joschka") Fischer als wichtigen "Sponti" gehörte. Damals entstanden auch "autonome" Gruppen, die es heute noch in abgewandelter Form (siehe z.B. ihre Aktionen gegen Großereignisse wie Weltwirtschaftsgipfel der G8-Staaten in Heiligendamm) gibt.

  9. Terrorismus
    Auch hier gab es verschiedene Gruppen wie die Tupamaros in West-Berlin und München, die Rote Armee Fraktion, das Sozialistische Patientenkollektiv, die Bewegung 2. Juni, Revolutionäre Zellen; genannt werden müssen auch legale Unterstützerorganisationen wie die Rote und Schwarze Hilfe.



 

Dossier

Die 68er-Bewegung

Sie protestierten gegen starre Strukturen, den Vietnamkrieg, die rigide Sexualmoral und die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus: Tausende von Studenten gingen in den 1960er Jahren auf die Straße – und als 68er in die Geschichtsbücher ein. War diese Zeit notwendig für den Übergang in die moderne Gesellschaft? Weiter...